ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2013Psyche und Gesellschaft: Wirtschaftskrisen erhöhen Suizidrate

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Psyche und Gesellschaft: Wirtschaftskrisen erhöhen Suizidrate

PP 12, Ausgabe Oktober 2013, Seite 455

Meyer, Rüdiger

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Wirtschaftliche Not kann Menschen in den Suizid treiben. Im Jahr 2009, auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise, stieg die Suizidrate in 54 untersuchten Ländern um 3,3 Prozent, wie eine Studie im Britischen Ärzteblatt (1) zeigt. Dies entspräche etwa 5 000 zusätzlichen Selbsttötungen.

Der Einfluss von Wirtschaftskrisen auf die Suizidalität ist mehrfach untersucht worden. Bereits für die Große Depression in den 30er Jahren in den USA ist ein Anstieg dokumentiert. Besonders schlimm waren die Auswirkungen der „Schocktherapie“ in Russland nach dem Untergang der Sowjetunion. Zwischen 1992 und 1994 sank die Lebenserwartung von Männern um fast fünf Jahre, wofür neben Suiziden vor allem ein exzessiver Alkoholkonsum verantwortlich gemacht wurde. Auch die ostasiatische Wirtschaftskrise von 1997 überforderte viele Menschen. Eine Studie schätzte, dass es allein in Japan, Südkorea und Hongkong zu mehr als 10 000 zusätzlichen Suiziden kam.

Demgegenüber waren die Auswirkungen der wirtschaftlichen Turbulenzen nach dem Platzen der Immobilienpreis-Blase in den USA vergleichsweise gering, wenn man den jetzigen Berechnungen trauen kann. Im letzten Jahr hatte Ben Barr von der Universität Liverpool noch geschätzt, dass die durch die Krise erzwungene Austeritätspolitik in Großbritannien 2008 etwa 1 000 Menschen zusätzlich veranlasste, sich das Leben zu nehmen (2).

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Ein Team um Shu-Sen Chang von der Universität Hongkong schätzt die Zahl der zusätzlichen Suizide im Vereinigten Königreich jetzt nur noch auf etwa 300. Für alle 54 untersuchten Länder kommen die Forscher auf etwa 5 000 zusätzliche Suizide. Dies entspricht einem Anstieg der Suizidrate um 3,3 Prozent, die ausschließlich auf die Männer entfielen.

Am stärksten betroffen waren die 27 europäischen Länder mit einem Anstieg um 4,2 Prozent sowie 18 amerikanische Länder (plus 6,4 Prozent). In Europa nahm die Suizidrate vor allem bei den 15- bis 24-Jährigen zu, was mit der hohen Jugendarbeitslosigkeit zusammenhängen dürfte. In Amerika traf es vor allem die 45- bis 64-Jährigen. Hier war möglicherweise der Verlust von Wohneigentum der Auslöser. In Amerika kam es, anders als in Europa, auch bei Frauen zu einem leichten Anstieg der Suizidrate.

Die „Verlierer“ in Europa waren die neuen EU-Mitglieder Bulgarien, Tschechien, Ungarn, die drei baltischen Länder, Malta, Polen, Rumänien und Slowenien, wo die Suizidrate bei den Männern um 13,3 Prozent stieg. In Amerika waren vor allem die USA und Kanada betroffen mit einem Anstieg um 8,9 Prozent sowie die Karibik und Zentralamerika (plus 6,4 Prozent), die südamerikanischen Staaten waren weniger von der Krise erfasst worden.

Die Suizide sind nach Ansicht von Chang nur die Spitze eines Eisbergs. Auf jede vollendete Selbsttötung kämen 30 bis 40 Versuche, und auf jeden Versuch noch einmal zehn Personen mit Suizidgedanken. Hinzu kommt, dass die Wirtschaftskrise 2009 längst nicht beendet war. Nach ersten Schätzungen soll die Suizidrate in 2010 noch einmal um 10,8 Prozent gestiegen sein. rme

Barr B, Taylor-Robinson D, Scott-Samuel S, McKee M, Stuckler D: Suicides associated with the 2008–10 economic recession in England: time trend analysis. BMJ 2013; 347: f5239. BMJ 2012; 345: e5142. MEDLINE

Chang S-S, Stuckler D, Yip P, Gunnell D: Impact of 2008 global economic crisis on suicide: time trend study in 54 countries. BMJ 2013; 347: f5239. MEDLINE

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