ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2013Gutachter: Mit Zähnen und Klauen verteidigt
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Prof. Dr. Lieberz führt in seinem Leserbrief mit Blick auf das Gutachterverfahren (GAV) in der Vertragspsychotherapie aus, dass hier seit langem diskutierte Änderungen erst am Ende „langwieriger und schwieriger wissenschaftlicher Vorarbeiten“ stehen könnten. Abgesehen davon, dass solche Arbeiten seit langem vorliegen (siehe Dr. H. U. Köhlke; Tübingen 2000), hat die alltägliche Begutachtungspraxis inzwischen Formen angenommen, die fordern, die Dinge beim Namen zu nennen:

Das GAV wird von den niedergelassenen Kollegen als so aufwendig, unproduktiv und schlecht honoriert erlebt, dass sie sich meinem Eindruck nach mittlerweile mehrheitlich die einzureichenden Berichte professionell vorformulieren lassen. Die Entwürfe werden dann überarbeitet, auch, um so allen formaljuristischen Anforderungen zu genügen (mit dem Einreichen der Unterlagen haben wir zu versichern, die beiliegenden Berichte selbst verfasst zu haben). Auf den Schreibtischen der Gutachter angekommen, werden die Berichte zumeist lediglich in Auszügen gelesen, und unter Zuhilfenahme von Kopiervorlagen erhalten wir Therapeuten eine in der Regel dürre wie inhaltsleere zustimmende „Stellungnahme“. Wobei festzustellen ist, dass auch zustimmende Stellungnahmen zunehmend subtile Entwertungen beinhalten. Etwa im Sinne von „die dargelegte Psychodynamik ist nicht hinreichend nachvollziehbar formuliert“. Ich arbeite als niedergelassener Psychotherapeut seit 17 Jahren in eigener Praxis, und ich versichere hiermit, dass ich die Anzahl der bis heute als hilfreich erlebten gutachterlichen Stellungnahmen an einer Hand abzählen kann.

Viele Gutachter sind bestrebt, mit ihrer Tätigkeit mindestens so viel Honorar zu erhalten wie wir praktizierenden Kollegen, wenn nicht mehr. Das ist ihr gutes Recht. Also organisieren sie sich in ihrer Arbeit fließbandmäßig zulasten einer kollegial-gewissenhaft erstellten Stellungnahme, die uns Therapeuten dann im Behandlungsprozess tatsächlich eine Unterstützung sein könnte. Es ist ein in der Community offenes Geheimnis, dass manche Gutachter sich von ihren sachkundigen Partnern die Berichte vorbeurteilen lassen. Und dass manche Universitätsprofessoren diese Arbeit von ihren Assistenten erledigen lassen. Kurzum: Die Alltagspraxis des GAV hat längst den Zustand der Würdelosigkeit erreicht und hat begonnen, von innen her morsch zu werden. (. . .)

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Die KBV könnte ja mal vorschlagen, dass die Erlaubnis zur gutachterlichen Tätigkeit ausnahmslos lediglich einmal für vier Jahre erfolgt. Ich bin schon jetzt auf jene „wissenschaftlichen Argumente“ gespannt, mit denen dieser Vorschlag von den gegenwärtig tätigen Gutachtern abgelehnt würde. Das GAV ist auch ein Pfründesystem, welches von den Privilegierten mit Zähnen und Klauen verteidigt wird.

Dabei liegt eine vernünftige Regelung eines zielführenden Qualitätssicherungssystems auf der Hand. Zunächst einmal gilt für Psychotherapeuten das, was für alle anderen Berufe auch gilt: Mit Abitur, Universitätsdiplom und staatlich anerkanntem Ausbildungszertifikat genießen alle ausnahmslos das Vertrauen, dass sie in ihrem beruflichen Alltag hinreichend persönlich und fachlich qualifizierte Arbeit abliefern. Im Rahmen eines zielführenden Qualitätssicherungsverfahrens sind alle an der ambulanten Versorgung psychisch erkrankter Patient(innen) beteiligten Therapeut(innen) darüber hinaus verpflichtet, stichprobenartig etwa zweimal im Jahr ihre Arbeit mit differenziert und ausführlich abzufassenden Berichten offenzulegen und sich der fachlichen Diskussion zu stellen. Solch ein Bericht erfordert sicherlich mindestens fünf Zeitstunden und ist auf der Basis des Honorars für eine psychotherapeutische Sitzung abzurechnen.

Dass nicht wenige Kollegen seit Jahren an Wochenenden für ein Stundenhonorar von etwa 17,80 Euro Berichte schreiben müssen, statt bei ihren Familien zu sein und sich von der überdurchschnittlich belastungsreichen Arbeit zu erholen, ist und bleibt ein Skandal. (. . .)

Dipl.-Psych. Ludger Rosengarten, Psychologischer Psychotherapeut, 59423 Unna

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Avatar #621410
jsbielicki
am Samstag, 19. Oktober 2013, 10:36

Auf dem Weg zur reinen Psychoshow

Im Kapitel 3.8.4 von Faber / Haarstrick heißt es zwar: „Der Therapeut erstattet seinen Bericht an den Gutachter in freier Form.“, was aber mittlerweile so ungewöhnlich zu sein scheint, daß es bei manchem Gutachter Erstaunen, sogar Erschrecken und Ablehnung hervorruft. Ich verwende jedoch den mittlerweile üblichen, von vielen sogar empfohlenen Jargon nicht, weil dann die ganze Sache mit den Psychotherapieanträgen zur reinen Show wird, wie sie für viele bereits geworden ist. Wir müssen vom bürokratischen zum menschlichen, humanen Umgang miteinander zurückkehren.
Julian S. Bielicki

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