ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2013Bundestagswahl: Am Katzentisch
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Prof. Richter redet in seinem Interview zur Bundespolitik das Verhältnis zwischen Ärzten und Psychotherapeuten ja so richtig schön. Eine Kooperation und gegenseitige Unterstützung seitens der Ärzteschaft, so wie es Prof. Richter in dem Interview beschreibt, ist mir auf der Ebene der Kassenärztlichen (und Kassenpsychotherapeutischen) Selbstverwaltung bisher nicht sichtbar geworden. Ein Ansinnen der Psychotherapeuten nach einer solchen Kooperation in den Gremien wird ärztlicherseits doch eher belächelt. Ein Entgegenkommen der Ärzteschaft ist in den Gremien jedenfalls nicht sichtbar.

Alleine bei der für die Psychotherapie misslungenen neuen Bedarfsplanung oder anhand anderer am Bedarf orientierter struktureller Veränderungen der psychotherapeutischen Arbeit, die nicht durchgeführt beziehungsweise in den Gremien wahrscheinlich gar nicht erst diskutiert wurden, ist das deutlich zu sehen. Aber auch dass Psychotherapeuten in der Honorierung regelmäßig an den Katzentisch verwiesen werden, wo sie nur die abgenagten Knochen der somatischen Medizin bekommen, zeigt die mangelnde Kooperativität der Ärzte in den Gremien deutlich.

Dafür kann sicherlich Prof. Richter nichts. Aber er muss sich hier als Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer vorwerfen lassen, die konkreten Wünsche der Psychotherapeuten entweder bewusst ignoriert zu haben oder sich nur um Formalia zu kümmern und seine Berufskollegen nicht im Blick zu haben, kein Gespräch und keinen Austausch mit seinen Kollegen zu suchen. Sonst hätte er wissen müssen, dass immer mehr Psychotherapeuten nicht mehr von rein somatisch tätigen Ärzten mitverwaltet werden wollen. Immer mehr Psychotherapeuten fordern eigene Verhandlungsrechte für Honorare und ein Selbstbestimmungsrecht für die Ordnung der Berufsausübung.

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Auch scheint an ihm vorbeigegangen zu sein, dass Psychotherapeuten von Beginn an ganz bewusst von den Gremien der Selbstverwaltung um rechtmäßige Honorare geprellt worden sind und bis heute den Psychotherapeuten ein angemessenes Honorar vorenthalten wird. Auch hier sitzen und bestimmen im Wesentlichen die ach so kooperativen somatisch tätigen Ärzte genau für diese Art der Ungleichbehandlung. Damit, dass es Richter nicht gelingt, konkret zu werden, er Forderungen nach Einweisungsrecht, nach einem Recht, Behandlungen während eines psychiatrischen Kranken­haus­auf­enthalts weiterzuführen (zum Beispiel Belegbetten) und nach einem Recht, bei seelischen Erkrankungen krankzuschreiben nicht mal in der Lage ist auszusprechen, ist dann die Spitze des Eisbergs. 90 Prozent der Psychotherapeuten werden in Zukunft Frauen sein, die Psychotherapie dann vermutlich nebenberuflich ausüben werden und dann ja auch keine große Rente erwarten müssen. Als Vater eine Familie mit drei Kindern ernähren zu können, hier eventuell noch ein Studium zu ermöglichen, bedeutet als Psychotherapeut oft eine 60-Stunden-Woche und Nebenverdienste der Ehefrau bei mangelhafter Altersvorsorge. Professionelles Arbeiten wird fast unmöglich. (. . .)

Dipl.-Psych. Sebastian Rühl, 63589 Linsengericht

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