ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2013Arbeit: Aufrüttelnd und anklagend

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Arbeit: Aufrüttelnd und anklagend

PP 12, Ausgabe Oktober 2013, Seite 472

Moser, Tilmann

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Schon der Reichtum der Schlagworte, die sich mit Arbeit verbinden, zeigt die Vielgestaltigkeit der Themen: auf der positiven Seite Freude, Stolz, Anerkennung, Verbundenheit, Resonanz, Würde, Identität, Sinn, Gesundheit, Betriebsklima, auf der negativen Seite Erschöpfung, Mobbing, Entfremdung, Leistungsdruck, Hetze, Angst, Fragmentierung, Arbeitslosigkeit, Burnout, erneut Betriebsklima und vieles mehr. Fragt man sich, wem man dieses Buch dringend empfehlen möchte, dann erscheinen so divergierende Sparten der Gesellschaft wie Psychotherapeuten, Ärzte, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Politiker, Wissenschaftler, Medienvertreter und Meinungsmacher.

Bauers Belesenheit sowie seine eigenen Forschungen an Patienten und vielfältigen Beratungsgruppen sind eindrucksvoll, ebenso seine eingängige Sprache wie sein multidimensionales Denken: ein Autor, der in der Psychologie, der Medizin, der Soziologie, der Wirtschaft sowie der globalen und Mikro-Gruppen-Statistik gleichermaßen informiert und kundig ist. Er unterscheidet aufgabenzentrierten zielgerichteten Stress und den durch das Tempo des sozialen Wandels hervorgerufenen „diffusen Aufmerksamkeitsstress“: Multitasking mit ständig wechselnden und gleichzeitigen Anforderungen, ständige Präsenz- oder Erreichbarkeitspflichten und die Ausbeutung durch die Überstundenlast derer, die sich aus Angst um den Arbeitsplatz nicht wehren können oder von sich aus selbstschädigenden Übereifer mitbringen.

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Für die Psychotherapeuten ist es wichtig, den Unterschied zwischen Mobbing-Folgen und Depression zu kennen, die richtigen Fragen zu stellen, auch nach dem destruktiven Hintergrund der jeweiligen Arbeitssituation. Denn Bauer geht mit seinen psychiatrischen Kollegen wie mit den Arbeitgeberrichtlinien für die Beurteilung der medizinischen und seelischen Schäden durch „schlechte Arbeitsbedingungen“ hart ins Gericht. Die Schuld wird häufig nicht dem harten Arbeitshintergrund zugeschoben, sondern einer vom Individuum mitgebrachten mangelnden psychischen Belastbarkeit, sprich: individuelle Depression als alle entlastender Grundfaktor für Zusammenbrüche und Fehlzeiten.

Hierin ist Bauers Buch aufrüttelnd und anklagend in viele Richtungen. Er gibt kompetent Hinweise an die Arbeitspolitik. Seine zentralen Begriffe sind Sinn und Würde. Aber die sind nicht die Zielsetzungen eines entfesselten Kapitalismus, dessen zu wenig beachtete Folgeschäden Bauer kompetent aufzeigt mit dem wuchtigen Satz: „Wem Würde und Respekt verweigert werden, der wird auch seine Arbeit als wert- und sinnlos erleben. Wer dessen ungeachtet gezwungen ist, zu arbeiten, wird am Ende krank werden.“ Tilmann Moser

Joachim Bauer: Arbeit. Warum unser Glück von ihr abhängt und wie sie uns krank macht. Blessing, München 2013, 272 Seiten, gebunden, 19,99 Euro

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