ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2013Therapeutisches scheitern: Verständnis für frühkindliche Beziehungstraumen

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Therapeutisches scheitern: Verständnis für frühkindliche Beziehungstraumen

PP 12, Ausgabe Oktober 2013, Seite 473

Kattermann, Vera

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Warum scheitern psychotherapeutische Behandlungen trotz intensiver Bemühungen von Therapeuten und Patienten? Was lässt Therapieverläufe entgegen allen Versuchen manchmal doch entgleisen? Das Thema therapeutischen Scheiterns ist komplex, der Versuch einer Antwort notwendigerweise vielschichtig. Auch Sigmund Freud machte in seinen Behandlungen Erfahrungen von Stagnation und Scheitern und begründete das psychoanalytische Verständnis der negativen therapeutischen Reaktion, die den Widerstand des Patienten gegen seine Heilung zu fassen versucht.

Heute wird dieses Phänomen immer differenzierter diskutiert und Erklärungsversuche auch aus anderen Therapieschulen zusammengetragen. Jochen Peichl legt mit seinem neuesten Buch „Innere Kritiker, Verfolger und Zerstörer“ ein Konzept seiner „hypno-analytischen Teilearbeit“ vor, mittels dessen auch therapeutisches Scheitern begreifbarer werden kann. Denn nach seinem Verständnis haben gerade frühkindliche Beziehungstraumen bösartige Introjekte zur Folge, die im hypnotherapeutischen Kontext „Ego-States“ genannt werden. Diese Introjekte sind Relikte frühkindlicher Hilflosigkeit und Ohnmacht innerhalb einer überlebenswichtigen Bindung. Die Erfahrung von Ablehnung oder gar Hass der Bindungspersonen wird gleichsam nach innen genommen und gegen das Selbst – und damit gegebenenfalls auch gegen die Therapie gerichtet.

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Erfreulich ist, dass Peichl dieses seelische Geschehen unter Rückbezug auf psychoanalytische, hypnotherapeutische und systemische Ansätze ausführlich theoretisch erklärt und diskutiert. Vor allem aber gelingt ihm eine anschauliche Differenzierung im Schweregrad der Traumatisierung und damit in der Feindseligkeit der daraus hevorgehenden Introjekte. So unterscheidet er zwischen einem inneren Kritiker, einem unterdrückenden, feindseligen Verfolger und einem inneren Zerstörer. Mit diesen Repräsentanzen oder Ego-States gilt es, in der Psychotherapie zu arbeiten – stets unter dem Risiko, dass diese auch die Therapie selbst angreifen und zerstören. Als Therapeut mit systemischem Verständnis ist es Peichl aber wichtig, trotz konzeptueller Vorbehalte den meisten Introjekten eine letztlich gute Absicht zuzugestehen, was sich freilich kontrovers diskutieren lässt. Letztlich aber kann diese unterstellte gute Absicht auch den therapeutischen Ausweg aufzeigen: Denn gemäß diesem Verständnis liegt die therapeutische Entwicklung nicht im Kampf oder in der Elimination als vielmehr in der Milderung, Wandlung und Integration der malignen Introjekte.

Dem Autor ist es gelungen, ein präzise ausdifferenziertes Verständnis frühkindlicher Beziehungstraumen und ihrer Folgen vorzulegen. In Weiterentwicklung zentraler Konzepte von Luise Reddemann, Gunther Schmidt und anderen Kollegen stellt er darüber hinaus zahlreiche Methoden vor, um das Wirken der malignen Introjekte gemeinsam mit dem Patienten herauszuarbeiten und schließlich konstruktiv zu wandeln.

Dieses Buch ist eine wertvolle Anregung für alle Therapeuten – denn die angetroffenen Phänomene treten ja in allen praktischen Kontexten auf, unabhängig der schulenspezifisch dafür entwickelten Begrifflichkeiten und Verständnisebenen. Vera Kattermann

Jochen Peichl: Innere Kritiker, Verfolger und Zerstörer. Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 224 Seiten, kartoniert, 26,95 Euro

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