ArchivDeutsches Ärzteblatt50/1998Dokumentation über Einzelschicksale: Die Odyssee jüdischer Pädiater

VARIA: Geschichte der Medizin

Dokumentation über Einzelschicksale: Die Odyssee jüdischer Pädiater

Dtsch Arztebl 1998; 95(50): A-3227 / B-2727 / C-2535

Freye, Reimund

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LNSLNS Die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin (DGfK) gedachte am 3. Oktober auf der 94. Jahrestagung in Dresden ihrer zumeist jüdischen Kollegen, die während der Nazi-Herrschaft verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden.


Das Unvorstellbare fängt banal an. "Ein bißchen Salonantisemitismus, etwas politische und religiöse Gegnerschaft, Ablehnung des politisch Andersdenkenden, an sich ein harmloses Gemengsel . . .", so Lucie Adelsberger, deutsche Kinderärztin jüdischer Abstammung, in ihrem Buch "Auschwitz. Ein Tatsachenbericht". Die nationalsozialistischen Machthaber waren - zumindest in der Anfangsphase ihrer Herrschaft - darauf angewiesen, daß große Teile der Bevölkerung stillhielten oder die antisemitischen Maßnahmen zu einem gewissen Grad sogar billigten. Man setzte dabei auf vorhandene antijüdische Ressentiments, aber auch auf die ganz normalen menschlichen Regungen wie Neid, Schadenfreude und Gleichgültigkeit.
Die Namen der Verfolgten
50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, im Jahr 1995, beschlossen der Vorstand und die Mitgliederversammlung der DGfK, eine Dokumentation beim Institut für Geschichte der Medizin der AlbertLudwigs-Universität Freiburg über das Schicksal ihrer jüdischen Kolleginnen und Kollegen während der Zeit der Naziherrschaft in Auftrag zu geben. In dem Programmheft der Gedenkveranstaltung sind alle Namen der Verfolgten, deren Schicksal nachvollzogen werden konnte, abgedruckt: 708 Namen von Menschen mit einer Kindheit, einer Lebensgeschichte und einer Familie. Die Liste der Namen wird unvollständig bleiben.
Prof. Dr. med. Eduard Seidler, emeritierter Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin in Freiburg, stellte die vorläufigen Ergebnisse der Untersuchung vor. Sie hat sich auf das damalige Gebiet des Deutschen Reiches sowie - für die Zeit nach der Besetzung 1938 - auf die Stadt Wien und die beiden deutschen Kinderkliniken in Prag erstreckt. Insgesamt konnten 1 361 Kinderärztinnen und Kinderärzte festgestellt werden. Die Mediziner jüdischer Herkunft hatten einen Anteil von mehr als 50 Prozent der akademisch tätigen und niedergelassenen Kinderärzte. Die Gründe für den hohen Anteil liegen in der Aufwertung der Kinderheilkunde als Lehr- und Forschungsfach nach dem Ersten Weltkrieg sowie im besonderen wissenschaftlichen und sozialen Interesse jüdischer Ärzte, die in den ungeliebten Nischenfächern Pädiatrie, Dermatologie und Psychiatrie besonders stark vertreten waren. Führende Pädiater der zwanziger Jahre waren jüdischer Herkunft und leisteten mit ihren Mitarbeitern einen erheblichen Beitrag zum wissenschaftlichen Aufschwung der Kinderheilkunde in Deutschland. Jüdische Kinderärzte arbeiteten, neben der Tätigkeit in ihrer Praxis, vielfach in öffentlichen Einrichtungen zur Säuglings- und Kleinkinderfürsorge, als Schul- und Sportärzte und in der ärztlichen Betreuung von Kinderheimen. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 begann zunächst die Zeit der Demütigungen. SA-Wachen standen vor den Praxen, einzelne Ärzte wurden willkürlich verhaftet und auf ungewisse Zeit ins Gefängnis gesperrt ("Schutzhaft"). Aber schon am 7. April verloren Juden ihre Anstellung beim Staat und den Kommunen ("Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums"), am 22. April wurde den niedergelassenen Ärzten die Zulassung bei den Krankenkassen entzogen. Fast über Nacht verloren die meisten ihre Existenzgrundlage. Zwar lehnten einige - aber durchaus nicht alle - nichtjüdische Funktionsträger der DGfK persönlich den Antisemitismus ab, gaben der staatlich propagierten Diskriminierung aber nach. Von der Übernahme der DGfK in die "Reichsarbeitsgemeinschaft für Mütter und Kinder" im Juli 1933 versprach man sich eine Förderung der eigenen Belange. Als im Monat darauf das Reichsinnenministerium die Gesellschaft aufforderte, "Judenstämmlinge" aus dem Vorstand zu entfernen, nahm man dies als ein Zugeständnis an die momentanen politischen Gegebenheiten hin.
Dem stellvertretenden Vorsitzenden Walther Freund aus Breslau wurde daraufhin nahegelegt, freiwillig zurückzutreten. Auf die gleiche Art und Weise zogen sich die "jüdischen Herren unserer wirtschaftlichen Abteilung" aus ihren Ämtern zurück. Dabei ist es der DGfK durchaus gelungen, den "Arierparagraphen", der "Nichtariern" die Mitgliedschaft in deutschen Vereinigungen verbot, niemals in ihre Satzung aufnehmen zu müssen.
Es gab sicherlich Freunde, die auch handfest geholfen haben, aber auch ein guter Teil antijüdisches Ressentiment, schon in der Weimarer Republik wieder salonfähig geworden, kam zum Vorschein. Nach der Machtübernahme durch die Nazis kam der politische Druck von außen hinzu. Rücktritte wurden nahegelegt, Referenten zurückgewiesen und Verbindungen mit jüdischen Mitgliedern auf Eis gelegt. Derweil konnten diejenigen lauter werden, denen die jüdischen Kollegen, aus welchen Gründen auch immer, ohnehin ein Dorn im Auge waren.
Viele jüdische Kinderärzte wichen der Gewalt und traten den schweren Gang in die Emigration an. In der Dokumentation über die Einzelschicksale der jüdischen Kinderärzte, die im nächsten Jahr vom Freiburger Institut für Geschichte der Medizin herausgegeben wird, kann nachgelesen werden, welche Schwierigkeiten sich ihnen dabei in den Weg stellten, welche Odyssee sie oftmals zu durchlaufen hatten.
Der Gang in die Emigration
363 Kinderärztinnen und Kinderärzte emigrierten aus Deutschland; die meisten in die USA, nach Palästina oder nach England. Doch einige blieben und erlebten die ungeschminkte Gewalt des Rassenhasses. "Wir wissen von vielen, die im letzten Moment Suizid begingen, um der Deportation zu entgehen, und wir kennen bisher 63 Kinderärztinnen und Kinderärzte, die den Weg in die Vernichtungslager des Ostens antreten mußten. Oft hatten sie dabei Kinder an der Hand - ihre eigenen, wie die Kinderärztinnen Alice Neumark aus Mannheim und Hertha Sgaller aus Breslau, oder die Familie des Kollegen Leven aus Düren mit ihrem Neugeborenen; auch wird berichtet, daß ihnen auf dem Transport oder im Lager Kinder anvertraut wurden, die mit ihnen in den Tod gingen", schildert Prof. Seidler das Unfaßbare.
Paul Oestreicher, Sohn eines verfolgten Kinderarztes, machte in Dresden auf die Bedeutung von Vergegenwärtigung aufmerksam: "Heute der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken hat nur einen Sinn, wenn dies eine Kampfansage ist gegen alles, was unsere Mitmenschen ausgrenzt." Vergegenwärtigen heißt in bezug auf die Nazi-Herrschaft, sich vorstellen zu können, wie eine Bevölkerung zum Stillhalten, zum Mitmachen bei den ersten Schritten gebracht werden konnte. Was in den Gaskammern endete, hatte banal in den Salons, Tagungsräumen und den Köpfen begonnen.
Im Januar 1936 schrieb der Schriftführer der DGfK, Fritz Goebel, an den Vorsitzenden Hans Rietschel: "Wie zu erwarten, sind eine Anzahl von nichtarischen Austritten erfolgt, und ich glaube, daß wir bald rein arisch sein werden. Diesen Weg der freiwilligen Selbstaustritte finde ich viel glücklicher, als wenn wir irgendeinen Druck ausgeübt hätten." 1938 wird den noch verbliebenen jüdischen Ärzten in Deutschland endgültig die Approbation entzogen. Die letzten 57 Namen jüdischer Mitglieder werden vom Schriftführer gestrichen. Die Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde war "judenfrei".
Reimund Freye

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