ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2013Arzneimitteltests: Pauschalierte Abwertung
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Mit Interesse habe ich den Vortragstext von Herrn Dr. med. Rainer Erices gelesen. Mit Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass ich mit vielen seiner Anmerkungen und Bewertungen nicht einverstanden bin. Ich gehe davon aus, dass der Autor mit zur Aufklärung der „Geschäfte mit der Diktatur“ einen positiven und nicht nur plakativen Beitrag leisten möchte. Deshalb bitte ich ihn, folgende Punkte, Fakten und Tatsachen in seinen zukünftigen Schriften zu berücksichtigen . . .

  • Eine derartige pauschalisierte Abwertung der Kollegen in der ehemaligen DDR (. . . es mangelte an kundigen Pharmakologen in der DDR [sic!]) und in den anderen sogenannten Ostblockstaaten entspricht nicht der Wahrheit und ist maßlos beleidigend. Ich kenne meine Kollegen in beinahe allen ehemaligen Ostblockstaaten, sehr viele von denen waren ihren ausländischen Kollegen mindestens ebenbürtig . . .
  • Etliche Kollegen aus der DDR, der Ukraine (GUS), Slowenien (Jugoslawien), Polen und Ungarn haben wochenlang bei mir in meiner Abteilung eines „westdeutschen“ pharmazeutischen Unternehmens, trotz möglicher Stasi-Überwachung, gearbeitet beziehungsweise hospitiert. Viele gemeinsame Arbeiten haben wir in renommierten Zeitschriften veröffentlicht und/oder unsere Ergebnisse auf internationalen Kongressen vorgetragen.
  • Einige, weltweit vermarktete Medikamente habe ich zum Teil mit Hilfe von „weniger kundigen“ Ostblock-Pharmakologen entwickelt.
  • Wenn die DDR-Pharmakologie auf tönernen Füßen gestanden wäre, dann hätte die European Inflammation Society ihren Jahreskongress im Jahre 1988 nicht an die DDR (Halle) vergeben (12. European Workshop on Inflammation, Halle [GDR], May 29–30, 1990).
  • Ähnliches gilt für das klinische Personal und dessen Fachwissen. Die Weiterbildung zum FA für klinische Pharmakologie wurde erst in der DDR etabliert (bereits im Jahre 1971, bei uns erst 17 Jahre später) . . .
  • Aus mehreren Gründen könnte die DDR für westdeutsche Pharmafirmen vielleicht etwas interessanter gewesen sein als andere „Ostblockstaaten“:

– keine Verständigungsprobleme (gemeinsame Sprache);

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– die deutsche Gründlichkeit;

– die gute allgemeine und spezielle Ausbildung;

– Kostenfaktoren;
– um die Ostdeutschen (und auch allgemein unsere fachlich sehr guten Kollegen im Osten) finanziell zu unterstützen und so weiter.

  • Im Allgemeinen muss man festhalten, dass klinische Studien auch in anderen „diktatorischen Staaten“ durchgeführt worden sind, grundsätzlich aus finanziellen Gründen, weil die Studien dort erheblich billiger waren. Ich glaube nicht, dass Wissenschaftler der Ostblockstaaten Studien minderer Qualität abgeliefert hätten, zumal sie später zum Teil zu Zulassungszwecken verwendet oder in renommierten Journals veröffentlicht wurden.

Und zum Schluss bitte ich den Autor um etwas Grundsätzliches: Er möchte die historischen/wissenschaftlichen Ereignisse nicht aus dem Blickwinkel betrachten, der heute allgemein anerkannt ist. Heute gelten andere Spielregeln als damals. Heute sind die Umstände völlig anders als vor 25 bis 30 Jahren. Es galten in den 1970 bis 1990er Jahren auch in der Präklinik völlig andere Leitlinien, im Osten und im Westen. Heute haben wir keine Stasi oder andere Überwachungsorgane hinter unseren Rücken. Das Schriftliche ist wichtig. Es kommt jedoch darauf an, von wem das Schriftstück kommt, unter welchen Umständen es zustande gekommen ist, etc. So schreibt der Autor: „In Stasiakten zweifeln erfahrene Ärzte, die sich als aktive Spitzel betätigten, die Tests an“. Woher weiß er, dass diese „erfahrenen“ (Stasi)Ärzte erfahren genug waren? Aufgrund der Komplexität der damaligen Situation bedarf es eines profunden Wissens, um die geschilderte Problematik sensibel genug aufzuarbeiten und zu beurteilen . . .

Prof. Dr. Istvan Szelenyi,
Institut für Pharmakologie,
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 91054 Erlangen

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