ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2013Körperbilder: Auguste Rodin (1840–1917) — Allegorie sinnlicher Liebe

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Auguste Rodin (1840–1917) — Allegorie sinnlicher Liebe

Dtsch Arztebl 2013; 110(41): [64]

Schuchart, Sabine

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Auguste Rodin: „Der Kuss“, 1901–1904, Pentelischer Marmor, 182,2 × 121,9 × 153 cm: Ein naturalistisch dargestelltes nacktes Paar, das auf einem Felsbrocken sitzt, küsst sich leidenschaftlich. Die Frau ist offensiver als der Mann. Ungestüm umarmt sie ihren Liebhaber, der sie nur leicht umschlingt, hat ihren rechten Oberschenkel über seinen Schoß gelegt. Die Figuren gehen auf die berühmten Liebenden Paolo und Francesca in Dantes Göttlicher Komödie zurück. © Tate, Purchased with assistance from the Art Fund and public contributions 1953
Auguste Rodin: „Der Kuss“, 1901–1904, Pentelischer Marmor, 182,2 × 121,9 × 153 cm: Ein naturalistisch dargestelltes nacktes Paar, das auf einem Fels­brocken sitzt, küsst sich leiden­schaftlich. Die Frau ist offensiver als der Mann. Ungestüm umarmt sie ihren Lieb­haber, der sie nur leicht umschlingt, hat ihren rechten Ober­schenkel über seinen Schoß gelegt. Die Figuren gehen auf die berühmten Liebenden Paolo und Francesca in Dantes Göttlicher Komödie zurück. © Tate, Purchased with assistance from the Art Fund and public contributions 1953

Weibliche und männliche Körper, die sich umschlingen, die sich zärtlich aneinander schmiegen oder aber voneinander losreißen, sind ein zentrales Thema im Œuvre Rodins, des großen Bildhauers an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert. Keines dieser Paare erlangte allerdings solche Berühmtheit wie die Protagonisten seines „Kusses“. Als Inbegriff und Allegorie sinnlicher Liebe avancierte die Skulptur zur Bild-Ikone. Die hier abgebildete, derzeit in Edinburgh ausgestellte Version aus dem Besitz der Londoner Tate Gallery ist eine von drei lebensgroßen Marmorfassungen, die zu Lebzeiten Rodins entstanden. Er porträtierte darin Dantes ehebrecherische Liebende Francesca da Rimini und ihren Schwager Paolo Malatesta, die aufgrund ihrer Sünde zur Hölle verdammt waren. Bei der Lektüre der mittelalterlichen Sage „Lancelot und Ginover“ verliebten und küssten sie sich. Das Buch kann man in Paolos linker Hand erkennen.

Die physische Präsenz der miteinander verbundenen, völlig nackten Körper schockierte und begeisterte das Publikum der Jahrhundertwende, zumal Rodin auf die üblichen mystischen Ausschmückungen verzichtete. Damit stellte er Paolo und Francesca in einen zeitlosen Kontext. Ihre umeinander verdrehten Leiber, ihre verschlungenen Gliedmaßen und Muskeln sind Ausdruck verkörperter seelischer Zustände zwischen Frau und Mann. Prof. Dr. Anne-Marie Bonnet, Kunsthistorikerin an der Universität Bonn, verweist auf die Komplexität und ikonografische Offenheit der von Rodin „allansichtig“ konzipierten monumentalen Plastik: „Umschreitet man die Gruppe, so kommen Zweifel auf an der Innigkeit des Kusses.“ Dann offenbarten sich, so Bonnet, neben den harmonischen auch widerstrebende Aspekte der Geschlechtervereinigung wie die sich nicht berührenden Oberkörper oder der sich gegen den Zugriff der Partnerin spannende Rücken Paolos.

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Gleichwohl stand die Erotik im Vordergrund, als die erste Marmorfassung (heute im Musée Rodin) 1898 beim Pariser „Salon“ zu sehen war. Edward P. Warren, ein reicher, in England lebender US-Sammler antiker Kunst, gab daraufhin eine analoge Version in feinstem Marmor in Auftrag, bestand aber im Vertrag auf einer Abweichung: Das Geschlechtsteil Paolos müsse vollständig zu erkennen sein. 1952, ein halbes Jahrhundert später, erwarb die Tate diesen legendären „Kuss“ für ihre Sammlung. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Rodin’s The Kiss“

Scottish National Gallery, The Mound, Edinburgh;

www.nationalgalleries.org;

tgl. 10–17, Do. 10–19 Uhr;

bis 2. Februar 2014

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