ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2013SAPV: Sterben muss kein Tabuthema sein

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SAPV: Sterben muss kein Tabuthema sein

Dtsch Arztebl 2013; 110(41): A-1908 / B-1686 / C-1652

Klinkhammer, Gisela

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Mit Hilfe der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung können Menschen in dem Umfeld sterben, das sie sich wünschen.

Beim Aufbau einer Station zur spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) habe man sich oft zunächst mit Widerständen auseinanderzusetzen, berichtet Dr. med. Birgit Vyhnalek Ende September beim 13. Hauptstadtkongress für Anästhesiologie und Intensivmedizin in Berlin. Die Palliativmedizinerin schildert ihre Erfahrungen in einem Münchener SAPV-Team. „Gestorbn san d’Leit scho immer“ hätte dort zum Beispiel ein Hausarzt gemeint. Vom Klinikpersonal höre man häufig Sätze wie: „Zu Hause geht das gar nicht!“ Da seien zunächst vertrauensbildende Maßnahmen notwendig gewesen, berichtet Vyhnalek.

Ein erster Schritt der Trauerarbeit

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So müsse der Befürchtung entgegengewirkt werden, dass durch die spezialisierte ambulante Palliativversorgung möglicherweise das Sterben spezialisiert werde. Dem hält Vyhnalek deutlich entgegen: „SAPV ist nicht für alle Palliativpatienten geeignet.“ Vielmehr käme sie dann infrage, wenn durch die allgemeine ambulante Palliativversorgung (AAPV) keine befriedigende Betreuung mehr gewährleistet werden könne oder wenn eine besonders aufwendige Versorgungssituation vorliege.

Die SAPV habe viele Vorteile: Sie kann als mobile Palliativstation gute Ergebnisse bei hohem Einsparpotenzial und wenigen Krankheitsausfällen leisten. Ihre letzte Lebensphase möchten die meisten Menschen im häuslichen oder vertrauten Umfeld verbringen. Auch das kann Vyhnalek zufolge mit Hilfe der SAPV erreicht werden. Bei 99 Prozent der Patienten des SAPV-Teams der Ludwig-Maximilians-Universität München, in dem die Palliativmedizinerin tätig war, entsprach der Sterbeort dem Wunsch der Patienten, 88 Prozent konnten zu Hause sterben. Die Patienten hätten die Möglichkeit, „mit größtmöglicher Lebensqualität trotz stark belastender Symptome in dem Umfeld zu sterben, das sie sich wünschten“. Das führe dann auch nicht unbedingt zu einer verkürzten Lebensdauer. Und die Angehörigen erlebten das Sterben „in großer Nähe und Intensität, was auch ein erster großer Schritt der Trauerarbeit war“.

Vyhnalek bedauert, dass trotz der nicht von der Hand zu weisenden Vorteile der SAPV für alle Beteiligten es nach wie vor große Defizite gebe. Der Aufbau einer flächendeckenden Versorgung sei seit der Einführung der SAPV nur langsam angelaufen. Nach wie vor gebe es auch zahlreiche organisatorische Mängel. So sei beispielsweise die 3-Tage-Frist zur Einreichung der Verordnungen zu kurz. Ein großes Problem bestehe auch darin, dass es bisher noch keinerlei Verträge mit privaten Kran­ken­ver­siche­rungen gebe. Immer noch existierten in den einzelnen Bundesländern unterschiedliche Verträge.

Dennoch macht nicht zuletzt die positive Resonanz der Angehörigen Mut, den Aufbau der SAPV-Stationen weiter voranzutreiben. „Ohne Sie hätten wir nicht die Kraft gehabt, ihn bis zum Schluss zu Hause zu haben – Sterben muss kein Tabuthema sein,“ meinte beispielsweise ein Angehöriger.

Gisela Klinkhammer

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