ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2013Künftiger Bedarf an Ärzten: Verwirrende Zahlenspiele

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Künftiger Bedarf an Ärzten: Verwirrende Zahlenspiele

Dtsch Arztebl 2013; 110(41): A-1894 / B-1673 / C-1641

Gerst, Thomas

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Wie eng es künftig auf dem Arbeitsmarkt für Ärzte zugehen wird, darüber sind sich die Experten nicht ganz einig.

Foto: Lajos Jardai
Foto: Lajos Jardai

Keine aktuellen „Anzeichen für einen Arbeitsmarktengpass bei Ärzten“ sieht das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). „In den nächsten Jahren scheiden jährlich rund 6 600 Ärzte aus dem Erwerbsleben aus. Diesen stehen aber knapp 10 000 Absolventen der Humanmedizin gegenüber“, argumentieren die Autoren einer IW-Analyse. Derzeit liege Deutschland bei der Arztdichte mit 3,84 Ärzten pro 1 000 Einwohner bereits in der internationalen Spitzengruppe. Engpässe seien durch im Ausland ausgebildete Ärzte ausgeglichen worden.

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Gegensätzliche Bewertung

Der Interpretationsspielraum bei der Bewertung der Arztzahlentwicklung ist offenbar groß. So hieß es zum Beispiel 2010 aus der Abteilung Bedarfsplanung, Bundesarztregister und Datenaustausch der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): „Sehr dramatisch ist die Tatsache, dass immer weniger Medizinstudenten ihr Studium zum Abschluss bringen, immer mehr Absolventen eines Studiums der Humanmedizin letztlich nicht ärztlich tätig werden und immer mehr junge deutsche Ärzte ins Ausland abwandern, um dort ärztlich tätig zu werden.“ Dagegen kommt der HIS-Medizinerreport 2012 zu der Feststellung: „Die Absolventenzahlen in der Humanmedizin sind konstant, die Abbrecherquoten zuletzt sehr gering. . . . Im Anschluss an das Studium entscheidet sich allerdings nur ein geringer Teil für eine Auslandstätigkeit. . . . Medizinabsolventen gehen im Anschluss an das Studium relativ schnell in eine reguläre Erwerbstätigkeit über und werden fast ausschließlich als Ärztinnen und Ärzte tätig.“

Dies ist nicht hilfreich für eine vorausschauende Planung der medizinischen Versorgung. Derzeit scheint sich das Meinungspendel dahin zu bewegen, dass zumindest für das nächste Jahrzehnt keine dramatischen Versorgungsengpässe zu erwarten sind. So kommt etwa der Wissenschaftsrat 2012 in seinen „Empfehlungen zu hochschulischen Qualifikationen für das Gesundheitswesen“ zu dem Ergebnis, dass nach den aktuellen Zahlen der Ersatzbedarf an Ärzten gedeckt sei. „Festzustellen sind allerdings teils deutliche regionale Unterschiede in der Verteilung der Ärztinnen und Ärzte.“ Auch die IW-Prognose geht mit Blick auf den ärztlichen Ersatzbedarf und die jährlichen Absolventenzahlen in der Humanmedizin davon aus, dass die Nachfrage mittelfristig gedeckt werden kann, auch wenn der Ersatzbedarf bis auf 9 500 jährlich zunehmen werde. „Das IW berücksichtigt bei seiner formalen Abgangs-Zugangs-Rechnung nicht, dass viele Absolventen nicht in die Patientenversorgung gehen, sondern in alternativen Berufsfeldern arbeiten“, kritisiert KBV-Pressesprecher Roland Stahl das IW-Gutachten.

Offen bleibt sowohl in den Empfehlungen des Wissenschaftsrates als auch in der IW-Studie, wie hoch im nächsten Jahrzehnt über den Ersatzbedarf an Ärzten hinaus ein etwaiger Mehrbedarf ausfallen könnte. Dieser wird aufgrund der demografischen Entwicklung, der Zunahme chronischer Erkrankungen und des medizinischen Fortschritts von den Experten für unausweichlich gehalten, könnte nach Meinung des Wissenschaftsrates aber zum Teil auch von entsprechend ausgebildeten Gesundheitsfachberuflern gedeckt werden.

Vieles ist noch ungewiss

Bei der Besetzung freier Arztstellen sieht derzeit die gefühlte Wirklichkeit für die Personalchefs an den Kliniken trotz IW-Daten noch anders aus. Qualifizierte Mitarbeiter werden oft dringend gesucht. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) liegt die Arbeitslosenquote bei Ärzten deutlich unter der Quote, bei der von Vollbeschäftigung ausgegangen wird. Allerdings deuten die BA-Daten auf eine gewisse Veränderung hin: Seit Mitte 2012 ist die Zahl der gemeldeten offenen Stellen niedriger als die der Arbeitslosen. Prognosen über den Bedarf an Ärzten in zehn Jahren ähneln noch zu sehr der Kaffeesatzleserei. Völlig offen ist etwa noch, ob und wie sich die Feminisierung der ärztlichen Profession – der Anteil der Ärztinnen bei den Erstmeldungen bei den Ärztekammern lag 2012 bei 56,6 Prozent – auf den Arbeitsmarkt auswirken wird.

Thomas Gerst

@Die IW-Studie im Internet: www.aerzteblatt.de/131894

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