ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2013Nachhaltigkeit: Das grüne Krankenhaus

THEMEN DER ZEIT

Nachhaltigkeit: Das grüne Krankenhaus

Dtsch Arztebl 2013; 110(41): A-1897 / B-1675 / C-1643

Hibbeler, Birgit; Krüger-Brand, Heike E.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Energiekosten sind in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. Für Krankenhäuser lohnt sich Umweltschutz also auch aus finanziellen Gründen. Hinter dem Begriff „Green Hospital“ verbirgt sich aber noch weit mehr als Energiesparen.

Foto: fotolia (2) [m]
Foto: fotolia (2) [m]

Es ist laut. So laut, dass man besser einen Gehörschutz trägt. Das Blockheizkraftwerk des Evangelischen Krankenhauses Hubertus in Berlin läuft auf Hochtouren. Hier, in einem Nebengebäude, abseits der Patientenversorgung produziert die Klinik ihre eigene Energie. Ein Erdgas-Motor treibt einen Generator an. Es entstehen Strom und Abwärme. Kraft-Wärme-Kopplung – eine effiziente Methode, die das Krankenhaus schon früh für sich entdeckt hat.

Anzeige

Bildergalerie

Das Evangelische Krankenhaus Hubertus ist Vorreiter in Sachen Energiesparen. Bereits im Jahr 2001 hatte die Einrichtung ihren Energieverbrauch um 37 Prozent gesenkt und den CO2-Ausstoß um 2 600 Tonnen reduziert. Als erstes Krankenhaus in Deutschland überhaupt erhielt es damals das Siegel „Energie sparendes Krankenhaus“ des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Ein Großteil der Einsparungen kommt allein durch moderne Anlagen zustande. Ein Beispiel: neue Pumpen für Warmwasser, die viel effizienter arbeiten als früher. Eine wichtige Rolle spielt das Blockheizkraftwerk. Mit ihm deckt das Krankenhaus zwei Drittel seines Stromverbrauchs. Die entstehende Wärme sichert im Jahresdurchschnitt die Hälfte des Heizbedarfs.

„Wir haben unseren Energieverbrauch bis heute halbiert“, sagt Geschäftsführer Dr. med. Matthias Albrecht, Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses Hubertus. Das 210-Betten-Haus hat Energiekosten von etwa einer Million Euro im Jahr. Albrecht geht davon aus, dass die Ausgaben ohne die Maßnahmen doppelt so hoch wären. „Wenn wir im Bereich Energiesparen nicht frühzeitig aktiv geworden wären, dann hätten wir vielleicht schon geschlossen“, beri

Mit dem Blockheizkraftwerk erzeugt das Ev. Krankenhaus Hubertus in Berlin den Großteil seines Stroms. Geschäftsführer Matthias Albrecht freut sich über das gesparte Geld. Foto: Georg J. Lopata
Mit dem Blockheizkraftwerk erzeugt das Ev. Krankenhaus Hubertus in Berlin den Großteil seines Stroms. Geschäftsführer Matthias Albrecht freut sich über das gesparte Geld. Foto: Georg J. Lopata
chtet Albrecht.

Krankenhäuser sind Energiefresser. Im Schnitt wendete ein Krankenhaus in Deutschland 2011 rund 6,5 Prozent der Sachkosten für Wasser, Strom und Brennstoffe auf. Die Anforderungen an die Klimatechnik steigen, und es gibt immer mehr Großgeräte in der Medizin. Die Energiepreise sind unterdessen in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Spielraum für Investitionen – zum Beispiel für eine neue Heizung – haben die Krankenhäuser aber kaum.

Geld für Investitionen fehlt

Das Evangelische Krankenhaus Hubertus ging daher schon vor vielen Jahren den Weg des „Energie-Einspar-Contracting“. Das bedeutet: Die Investition für eine neue Anlage übernimmt nicht das Krankenhaus, sondern die Firma, die zum Beispiel die neue Heizung einbaut. Das Krankenhaus muss also keinen Kredit aufnehmen. Es zahlt bei der Firma die investierte Summe nach und nach ab – und zwar mit den eingesparten Energiekosten. „Im besten Fall ist das eine Win-Win-Situation“, sagt Albrecht. Das Krankenhaus geht kein finanzielles Risiko ein. Trotzdem bekommt es eine neue Heizung, die es aus eigener Tasche nicht direkt vollständig bezahlen könnte.

Im Evangelischen Krankenhaus Hubertus bekam die Firma Hochtief Energy Management GmbH den Zuschlag. Die Ausschreibung lief über die Berliner Energieagentur. Zunächst investierte Hochtief rund 500 000 Euro. Das Unternehmen übernahm auch die Wartung der neuen Anlagen. „Investiert wurde vor allem in Lüftung, Heizung und Kältetechnik. Da finden die größten Einsparungen statt“, sagt Dipl.-Ing. Jens Kothe, SPIE Energy Solutions GmbH, vormals Hochtief. „Ein Kernstück der Maßnahmen ist eine effiziente Regelungstechnik.“ Hinzu kamen später noch 250 000 Euro für das Blockheizkraftwerk. Heute ist alles abbezahlt und die Anlagen gehören dem Evangelischen Krankenhaus Hubertus.

Anlagen sind oft veraltet

Von dem Modell ist Albrecht überzeugt. Es sei natürlich den Rahmenbedingungen geschuldet: Für Investitionen ist kein Geld da. Wer modernisieren will, hat kaum eine andere Möglichkeit. Jedes Krankenhaus müsse überlegen, ob es eigene Mittel zur Verfügung habe oder ob ein externer Vertragspartner infrage komme, sagt Ingenieur Kothe. „Wir sind natürlich nicht die barmherzigen Samariter, sondern wollen mit dem Contracting auch Geld verdienen.“ Der Vorteil für das Krankenhaus ist, dass der Contractor die Energiekosteneinsparungen vertraglich garantiert. Außerdem liefert er das Know-how für Planung, Umsetzung und Betrieb.

Energiesparen ist nicht nur gut für den Geldbeutel. Das Evangelische Krankenhaus Hubertus kann auch mit dem positiven Image punkten. Das BUND-Siegel hängt gut sichtbar im Eingangsbereich des Krankenhauses. Auch auf der Homepage kann man sich über die Maßnahmen informieren. Doch Albrecht ist realistisch: „Niemand kommt zu uns ins Krankenhaus, weil wir Energie sparen.“ Die Kostenersparnis stehe im Vordergrund. Gleichwohl sei der Zuspruch groß – auch unter den Mitarbeitern.

Umweltschutz im Krankenhaus – das heißt nicht, dass man auf den Fluren jede zweite Lampe herausschraubt oder der Pausenraum der Mitarbeiter nicht mehr geheizt wird. Die größten Einsparungen werden schlicht durch neue Anlagen und effiziente Technik realisiert. „Viele Krankenhäuser sind aus den 1960er und 1970er Jahren. Das heißt: Da steht zum Beispiel ein völlig überdimensionierter, ineffizienter Heizkessel“, sagt Prof. Dipl.-Ing. Linus Hofrichter, stellvertretender Vorsitzender der „Architekten für Krankenhausbau und Gesundheitswesen im Bund Deutscher Architekten“. Durch eine Modernisierung von Lüftungs- und Heizungsanlagen seien große Einsparungen möglich. „Da kann man viel mehr Geld einsparen, als wenn man jetzt aufwendig Fassaden dämmt“, erläutert Hofrichter. Energetisch seien zwar die Fassaden vieler Häuser nicht optimal. Aber man müsse abwägen. „Eine Klinkerfassade ist nachhaltig, weil sie hundert Jahre hält“, berichtet der Architekt. Wenn man die nun mit Mineralfaserplatten verkleide, sei das kaum sinnvoll. Grundsätzlich gebe es keine Standardlösungen. Man brauche ein energetisches Gesamtkonzept.

Ein sinnvolles Gesamtkonzept umfasst für Hofrichter nicht nur den Bereich Energiesparen. Es gehe um eine Vielzahl von Themen – zum Beispiel Abfall, umweltfreundliche Baumaterialien und die Verwendung von Lebensmitteln aus der Region. Eine tageslichtähnliche Beleuchtung schaffe eine bessere Atmosphäre für die Patienten. Nachhaltigkeit – das bezieht der Architekt auch auf die Arbeitsbedingungen für Mitarbeiter.

Umwelt, Qualität und Effizienz

Einen umfassenden Begriff von Nachhaltigkeit hat man im Klinikum St. Marien im oberpfälzischen Amberg. Die Einrichtung blickt auf eine über 160 Jahre alte Geschichte zurück. Dem Gebäudekomplex am Rande des beschaulichen Stadtzentrums ist das nicht anzumerken – er wirkt hell und modern. Hohe Baukräne künden schon von weitem von einer größeren Baustelle, die sich auch im Klinikum durch eine entsprechende Geräuschkulisse bemerkbar macht. „Die Geschichte des Klinikums war immer geprägt von Bautätigkeiten. In den letzten vier Jahren wurde für etwa 15 Millionen Euro neu gebaut. Dabei wurde zum Beispiel auch die größte Photovoltaikanlage in der Oberpfalz aufs Dach gesetzt“, berichtet Dr. med. Harald Hollnberger, Vorstandsassistent und Leiter Organisationsentwicklung im Klinikum. Derzeit werde für mehr als 60 Millionen Euro ein neuer Gebäudekomplex errichtet, der die über das gesamte Krankenhaus verteilte Chirurgie, die Intensivstation, weitere Funktionsräume und einen Hubschauberlandeplatz be

Eingangsbereich des Klinikums Amberg (oben). Energiesparlampen und LED-Leuchten ersetzen sukzessive die herkömmlichen Lichtquellen. Unten: Blick in die Heizungsanlagen. Fotos: Daniel Karmann/picture alliance
Eingangsbereich des Klinikums Amberg (oben). Energiesparlampen und LED-Leuchten ersetzen sukzessive die herkömmlichen Lichtquellen. Unten: Blick in die Heizungsanlagen. Fotos: Daniel Karmann/picture alliance
heimaten werde.

Bauliche und infrastrukturelle Maßnahmen richten sich dabei in besonderem Maße am Gedanken der Nachhaltigkeit aus. So hat sich das Klinikum im Jahr 2011 dem „Green+ Check“ unterzogen. Dabei handelt es sich um ein von Siemens Healthcare erarbeitetes Konzept für ein Zertifikat, das deutlich über das vom BUND vergebene Gütesiegel hinausgeht. Es beruht auf einer standardisierten Bewertungsmethodik, die die Aspekte Umwelt, Qualität und Effizienz gleichermaßen in die Nachhaltigkeitsbetrachtung mit einbezieht. Dabei werden die Kennzahlen des Hauses – etwa im Hinblick auf Energieeffizienz, Gebäudeinfrastruktur, Kommunikation, Medizintechnik – bis hin zur Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter mit Referenzwerten vergleichbarer Krankenhäuser und vorliegenden Benchmarks verglichen. Das Ergebnis ist ein individueller Nachhaltigkeitsindex, der die Stärken und Schwächen eines Hauses offenlegt und gleichzeitig angibt, wo Verbesserungsmöglichkeiten liegen und welche sich schnell bezahlt machen. Der Ansatz wurde inzwischen vom VDE (Verband der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik) zum Konzept des „Blue Hospital“ weiterentwickelt und in eine firmenunabhängige Anwendungsregel gebracht.

Was bringt ein kommunales Krankenhaus mit 570 Betten und circa 1500 Mitarbeitern dazu, sich mit dem Thema Nachhaltigkeit zu befassen? „Nachhaltigkeit ist für uns schon immer eine langfristige Unternehmensstrategie gewesen. Wir nehmen den Gesundheitsmarkt als kompetitiven Markt wahr und wollen uns damit dem Wettbewerb stellen“, erläutert Hollnberger.

Der Zertifizierungsprozess umfasste mehrere Workshops und detaillierte Einzelinterviews auf Basis eines festgelegten Kriterienkatalogs. Zudem mussten im Vorfeld sämtliche energetischen Daten an Siemens geliefert werden. „Bei der Bewertung des Erfüllungsgrades haben wir damals 65 Prozent vom „Green+ Score“ erreicht und waren damit das beste Haus in Bayern“, erklärt Hollnberger stolz. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Wert lag bei 33 Prozent.

Die Ergebnispräsentation des Green+ Check war gleichzeitig mit Projektvorschlägen und Empfehlungen für mögliche Optimierungsmaßnahmen verbunden. Nach Ablauf eines Jahres gab es zudem ein Review zum Stand der Umsetzung. „Der Ansatz bei den Verbesserungsmaßnahmen ist vor allem, den Energieverbrauch zu senken, da die Energiekosten permanent steigen“, erläutert Joachim Lorenz, technischer Mitarbeiter am Klinikum. „Wir haben auf ein neues Blockheizkraftwerk als Ersatz für eine 18 Jahre alte Anlage gesetzt und zusätzlich eine Absorptionskältemaschine installiert, die die Wärme, die das Blockheizkraftwerk als Abfallprodukt erzeugt, in Kälte umsetzen kann, um so etwa die Operationssäle zu klimatisieren. Der Wirkungsgrad dieser Lösung liegt bei hohen 96 bis 98 Prozent.“

Langfristig Kosten einsparen

Investiert wurde auch in energieeffiziente Heizpumpen. Das verursacht zunächst zwar Mehrkosten, aber: „Wenn ich das hochrechne, habe ich in zehn Jahren wieder 30 Prozent der Kosten eingespart“, meint Lorenz. Ähnlich sei das bei Isolierungen der Fenster oder bei der Beleuchtungstechnik, die sukzessive auf Energiesparlampen oder LED (Leuchtdioden) umgestellt wird. „Da die Lampen in vielen Bereichen bis zu 24 Stunden am Tag brennen, lassen sich dadurch teilweise 60 bis 80 Prozent der Energiekosten sparen.“ Geplant ist zudem die Erneuerung des gesamten Leitsystems für die Heizungs-, Klima- und Lüftungsanlagen, das noch intelligenter gesteuert werden soll.

Auch aus dem klinischen Bereich gibt es etliche Beispiele: So wurde etwa unter dem Aspekt des Risikomanagements ein Barcode-Patientenarmband zur sicheren Identifizierung eingeführt. Vom Aktionsbündnis Saubere Hände hat das Klinikum in diesem Jahr die Goldmedaille für vorbildliche Hygienestandards erhalten. „Auch ein wichtiger Punkt für Nachhaltigkeit“, betont Hollnberger.

Beispiel Medizintechnik: Für die im Haus vorhandenen 26 Ultraschallgerätetypen verschiedener Hersteller habe man eine europaweite Ausschreibung durchgeführt, erzählt Hollnberger. „Das war ein Riesenaufwand. Wir haben anschließend abteilungsübergreifend mit einem Hersteller verhandelt.“ Ein Konzept in Richtung Vereinheitlichung und Standardisierung, das derzeit ähnlich auch im PC-Bereich umgesetzt wird. „Das ist nicht immer einfach, denn es erfordert den Konsens zwischen den Chefärzten. Aber: Die medizinischen Versorgungsbereiche und die zuarbeitenden Bereiche haben durch das Projekt mehr Verständnis füreinander gewonnen“, erläutert Hollnberger. So nehme ein Arzt gewöhnlich nicht wahr, was ein CT oder Kernspin an Energie oder Wasser zur Kühlung benötige.

Eine weitere europaweite Ausschreibung, die das Klinikum derzeit vorbereitet, betrifft die multimediale Langzeitarchivierung im Haus, bei der sämtliche Formate künftig in einem Archiv verwahrt werden sollen, egal ob Herzkatheterfilm, Papier oder Ultraschallbild. Ein Ziel ist auch hierbei, die vorhandene Hard- und Software zu konsolidieren und die Prozesse generell effizienter zu gestalten.

Zahlen sich die vielfältigen Maßnahmen am Ende auch aus? „Das ist ein großer Aufwand und auch eine große finanzielle Belastung für die Häuser. Leider wird diese Belastung nicht adäquat bewertet“, kritisiert Hollnberger. „Jeder meint zwar, Qualität im Gesundheitswesen brauchen wir – aber eine angemessene Refinanzierung gibt es derzeit nicht. Daher müssen wir als Haus Schwerpunkte setzen. Wir würden gerne noch mehr in diesem Bereich leisten.“

Einige Bundesländer wie Rheinland-Pfalz und Bayern sind inzwischen dabei, ihre Krankenhäuser beim Umstieg auf einen zukunftsfähigen energetischen und ökologischen Standard zu unterstützen. Rheinland-Pfalz will ein Gütesiegel für nachhaltige Krankenhäuser einführen und errichtet derzeit am Standort Liebfrauenberg das erste Green-Hospital im Land. Dabei werden die stationäre und die fachärztliche ambulante Versorgung der Glantal-Klinik Meisenheim in einem Neubau zusammengelegt. Die rheinland-pfälzische Landesregierung fördert den Neubau mit mehr als 27 Millionen Euro, weitere 13 Millionen Euro bringt die Klinik aus eigenen Mitteln auf.

Flächendeckend in Bayern

In Bayern soll mit der „Green Hospital Initiative“ das Konzept des nachhaltigen Krankenhauses sogar flächendeckend verwirklicht werden. Die Initiative umfasst ein ganzes Bündel von Fördermaßnahmen. Sie startete im Jahr 2011 mit der Entscheidung, den Klinikneubau in Lichtenfels als Leuchtturmprojekt für Nachhaltigkeit auszubauen und hierfür acht Millionen Euro aus dem Programm „Aufbruch Bayern“ zur Verfügung zu stellen.

Mit dem „Green+Check“ hat das Klinikum Amberg einen aufwendigen Zertifizierungspro- zess absolviert – und zwar sehr erfolgreich, wie Dr. Harald Hollnberger (links) und Joachim Lorenz berichten.
Mit dem „Green+Check“ hat das Klinikum Amberg einen aufwendigen Zertifizierungspro- zess absolviert – und zwar sehr erfolgreich, wie Dr. Harald Hollnberger (links) und Joachim Lorenz berichten.

Darüber hinaus wird Ende 2013 erstmals die Auszeichnung Green Hospital vergeben, um die sich Krankenhäuser künftig jährlich bewerben können. Über das bayerische CO2-Minderungsprogramm erhalten kommunale Krankenhäuser eine finanzielle Förderung für Beratungen zu energetischen Einsparpotenzialen. Bei allen Neubau- und Sanierungsmaßnahmen werde überdies der jeweils aktuelle energetische und bauliche Standard gefördert. Ziel sei es, die derzeit für Gebäude gültige Energieeinsparverordnung 2009 um weitere 30 Prozent zu unterschreiten, teilte ein Sprecher des Ministeriums mit. Anregungen gibt zusätzlich eine Best-Practice-Datenbank, in der erfolgreiche Beispiele der Initiative gesammelt werden (www.stmug.bayern.de/gesundheit/krankenhaus/green_hospital).

Lichtenfels ist der erste Krankenhausneubau seit mehr als zehn Jahren in Bayern. Das alte, 1973 in Betrieb genommene Krankenhaus wies erheblichen Sanierungsbedarf auf, und Berechnungen hatten ergeben, dass ein Neubau gerade einmal zehn Prozent teurer als die Sanierung des Altbaus ausfallen würde. Circa 105 Millionen Euro soll das neue Haus, mit dessen Fertigstellung Ende 2017 zu rechnen ist, jetzt kosten. „69 Millionen Euro Fördermittel erhalten wir vom Freistaat. Wir selbst müssen rund 30 Millionen Euro Eigenmittel aufbringen“ berichtet Michael Jung, Geschäftsführer des Helmut-G.-Walther-Klinikums Lichtenfels GmbH.

Die Zukunft: Lichtenfels

Ein Neubau bot zugleich die Chance, ein Krankenhaus von Grund auf so auszustatten, dass die neuesten Erkenntnisse hinsichtlich Energieeffizienz und Ökologie berücksichtigt werden. So soll das Krankenhaus durch Solar-, Geothermie- und Photovoltaikanlagen sowie eine Holzhackschnitzelheizung zwölf Prozent seines Strom- und 26 Prozent seines Heizbedarfs selbst erzeugen können. Energieeffizienz ist Jung zufolge aber nur ein Baustein: „Es sind mehrere Säulen, auf denen wir stehen: Einmal wollen wir so wenig Energie verbrauchen wie möglich und möglichst viel regenerative Energie einsetzen. Gleichzeitig wollen wir den CO2-Ausstoß so weit wie möglich vermeiden. Schließlich geht es darum, die Prozess- und Betriebsabläufe im Krankenhaus auch anhand der Gebäudestruktur so zu optimieren, dass die Mitarbeiter in ihrer Arbeit unterstützt werden und der Patient seinen Aufenthalt als angenehm empfindet.“

Zentraler Ansatz ist dabei die Perspektive des Patienten und sein Weg durchs Haus. Das Ergebnis ist eine klare Gebäudestruktur: „Wir haben die Patientenaufnahme als Anlaufmittelpunkt im Erdgeschoss. Von der zentralen Wartezone aus wird der Patient in die Untersuchungs- und Behandlungsräume abgeholt“, erläutert Jung. Das Erdgeschoss ist zugleich die Zone, in der sich viel Verkehr von außen abspielt, etwa in der Cafeteria. Im ersten Stock hingegen befindet sich die Untersuchungs- und Eingriffsebene von OP über Kreißsaal, Endoskopie, Herzkatheter und Intensivstation etc., während die beiden Etagen darüber den Patientenaufenthalten vorbehalten sind.

Die Patientenbetten werden sämtlich mit einem eigenen Monitor für Funktionen wie Telefonieren, Internetzugang oder Essensbestellung ausgestattet. Vom Bett aus sollen Heizung, Sonnenschutz und Beleuchtung regulierbar sein. Die Krankenzimmer werden ohne Heizkörper im Niedrigenergiestandard entstehen. Zur Isolierung nach außen gibt es eine 3-fach-Verglasung der Fenster mit Solarzellen als Sonnenschutz. Für die Fußbodenheizung in den Patientenzimmern wird Geothermie genutzt. Eine Betonkernaktivierung in den Wänden sorgt im Sommer für Kühlung, im Winter trägt sie zur Erwärmung bei.

Ein besonders spannendes Detail ist laut Jung das Lichtkonzept, das in Zusammenarbeit mit einem großen Lichtlabor in Innsbruck umgesetzt wird: „Wir werden im gesamten Haus nur mit LED arbeiten. In den Krankenzimmern gibt es außerdem die Besonderheit, dass dort verschiedenfarbiges Licht eingesetzt wird, sprich: Wir werden einen Tagesablauf mit Kunstlicht abbilden. Tagsüber, wenn mehr die Blautöne im Licht überwiegen, brennen sehr helle LED. Gegen Abend geht das automatisch und unmerklich in ein leicht orangefarbenes Licht über. Dieses Licht beruhigt und zeigt an, dass sich der Körper auf die nächtliche Ruhephase umstellen muss.“

Im Hinblick auf ein umweltbewusstes Abfallmanagement wird im nächsten Jahr im alten Haus damit begonnen, die häufigsten Verbrauchsartikel – wie Schläuche, Handschuhe, Kanülen – zu erfassen und zu analysieren. Geprüft werden beispielsweise Transportwege, Rohstoffe, Herstellungsprozesse und Recyclebarkeit der Artikel. Die daraus erstellte Hitliste wird daraufhin überprüft, ob es Alternativprodukte dazu gibt. „Je nach Wirtschaftlichkeit werden wir versuchen, auf möglichst umweltfreundliche Artikel umzustellen“, erläutert Jung.

Für Lichtenfels wird zudem ein Gold-Zertifikat nach den Kriterien der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) angestrebt. Dabei sei Lichtenfels auch für die DGNB ein Pilotprojekt, meint Jung. Denn bisher seien die Kriterien für Bürogebäude und noch nicht für Krankenhäuser angewendet worden. „Wir sind jetzt das erste komplette Krankenhaus, das nach den strengen DGNB-Kriterien bauen will.“

Nachhaltigkeit – eine Floskel?

Der Begriff Nachhaltigkeit lässt sich auf nahezu alle Bereiche ausdehnen. Manchmal erscheint er deshalb wenig greifbar und sogar beliebig. Das liegt möglicherweise auch daran, dass nicht jeder, der Nachhaltigkeit in das Leitbild seines Krankenhauses aufgenommen hat, sich auch entsprechend verhält.

Für Architekt Linus Hofrichter ist Nachhaltigkeit konkret. „Die Nachhaltigkeit fängt für mich nicht bei Energieeffizienz oder Green Hospital an.“ Man müsse viel früher ansetzen. Es gehe darum, Fläche sinnvoll zu bebauen und langfristig zu nutzen. „Nachhaltigkeit bedeutet für mich, dass Politik und Gesellschaft überlegen: Wie viele Krankenhäuser brauchen wir eigentlich, wie viele Standorte, wie viele Gebäude?“, erläutert Hofrichter. Die begrenzten Gelder der Länder für Investitionen in die Krankenhäuser würden nicht immer zielgerichtet eingesetzt. „Mir wäre es lieber, wir würden mit Sachverstand und Maß neue Krankenhäuser bauen oder bestehende modernisieren“, so Hofrichter. Nicht die Menge zähle, sondern die Qualität.

Dr. med. Birgit Hibbeler, Heike E. Krüger-Brand

Blue Hospital

Das Konzept des „Blue Hospital“ zielt darauf ab, Energieeffizienz und den sparsamen Umgang mit Ressourcen mit Qualitätsmanagement-Modulen zu verbinden, um die Wirtschaftlichkeit und die Patientenversorgung nachhaltig zu optimieren. Dabei soll das Krankenhaus ganzheitlich betrachtet werden, das heißt, es werden gleichermaßen ökologische, ökonomische und qualitative/soziale Aspekte berücksichtigt. Das Konzept hat eine Expertengruppe der VDE-Initiative MikroMedizin erarbeitet und inzwischen wurde hierzu auch eine Anwendungsregel als normative Grundlage veröffentlicht.

Die Anwendungsregel „Prozesse zur Datenerfassung sowie Bewertung und Zertifizierung der Nachhaltigkeit im Krankenhaus“ definiert die Prozesse der für die Ermittlung der Nachhaltigkeit im Krankenhaus erforderlichen Datenerfassung sowie die Bewertung der Daten, und sie legt die Regeln für die Auditierung des Krankenhauses fest. Info: www.vde.com/de/fg/dgbmt/arbeitsgebiete/projekte/blue_hospital

Green Hospital

Energiesparen ist für Krankenhäuser ein wichtiges Thema – auch wegen der steigenden Kosten. Seit einiger Zeit hat sich der Begriff „Green Hospital“ etabliert. Er ist nicht scharf definiert. Im allgemeinen Verständnis geht er aber über das Energiesparen hinaus. Es geht um geringeren Ressourcenverbrauch, weniger Abfälle und umweltfreundliche Baustoffe. Nachhaltigkeit wird nicht nur im ökologischen Sinn verstanden, sondern bestimmt den Umgang mit Mitarbeitern, die eine wertvolle Ressource sind. Auch die Patienten sollen sich wohlfühlen. So schaffen Lichtkonzepte mit Tageslicht eine angenehme Atmosphäre.

Um Forschung und Entwicklung zum Thema voranzutreiben, hat der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) den Ausschuss „Green Hospital“ gegründet, in dem Fachleute – unter anderem aus den Bereichen Architektur, Medizintechnik und Qualitätssicherung – Zunkunftslösungen erarbeiten (http://blog.vdi.de/tag/green-hospital).

Eine weitere Initiative ist das „Hospital Engineering Labor“, eine vom Land Nordrhein-Westfalen geförderte und von Fraunhofer-Instituten betriebene Simulationsumgebung. Technisch-organisatorische Infrastrukturen werden realitätsnah entwickelt (www.hospital-engineering.org).

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema