ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2013Deutscher Ethikrat: Werden Organe gerecht verteilt?

POLITIK

Deutscher Ethikrat: Werden Organe gerecht verteilt?

Dtsch Arztebl 2013; 110(41): A-1896 / B-1674 / C-1642

Siegmund-Schultze, Nicola

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Der Deutsche Ethikrat regt an, die ethischen Wertvorstellungen, die der Allokation von Organen zugrunde liegen, intensiv öffentlich zu diskutieren und sie gesetzlich besser zu verankern. Es gehe schließlich um die Zuteilung von Lebenschancen.

Als das erste deutsche Transplantationsgesetz im Jahr 1997 in Kraft trat, sprachen einige Juristen, Philosophen und Medizinethiker von „Geburtsfehlern“: Auf die für die Patienten so entscheidende Frage, wer auf die Warteliste kommt und nach welchen Kriterien die Organe vergeben werden sollen, hat der Gesetzgeber knappe Antworten gegeben: Die Regeln hätten dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft zu entsprechen, wobei für die Vermittlung vor allem Erfolgsaussicht und Dringlichkeit zu berücksichtigen seien. Den Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft stelle die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) in Richtlinien fest. Dabei hatte der Gesetzgeber offenbar durchaus bedacht, dass Erfolgsaussicht und Dringlichkeit einander gegenläufig sein können. So heißt es in Erläuterungen zum fraktionsübergreifenden Gesetzentwurf: „Zu den Vermittlungsregeln gehören auch Kriterien, nach denen im Konfliktfall Dringlichkeit und Erfolgsaussicht gegeneinander abzuwägen sind“ (BT-Drucksache 13/4355, S. 26).

„Unterkomplex formuliert“ sei das Gesetz, sagt ein Jurist

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„Unterkomplex“ nannte Prof. Dr. jur. Thorsten Kingreen, Universität Regensburg, bei einer Sitzung des Deutschen Ethikrates in Berlin, die noch immer geltende Gesetzesformulierung zur Erstellung der Richtlinien. Es sei offensichtlich, dass Organverteilungsregeln nicht nur medizinische Aspekte hätten, sondern auch ethische, juristische, politische und ökonomische. „Das Gesetz impliziert: ‚Mehr ist das nicht als Medizin’, und das ist ein kategorischer Fehler, den man beseitigen muss“, sagte der Experte für Öffentliches Recht und Sozialrecht.

Ähnlich sieht es offenbar der Deutsche Ethikrat. „Bei der Frage, wer soll auf die Warteliste für ein Organ und wer soll die zur Verfügung stehenden Organe erhalten, werden in erster Linie ethische Entscheidungen getroffen“, sagte die Vorsitzende des Ethikrates, Prof. Dr. med. Christiane Woopen von der Universität Köln zum Deutschen Ärzteblatt. „Es wird gewichtet: Wer hat Vorrang? Welche Bedeutung soll die Erfolgsaussicht haben? Möchten wir Erfolgsaussicht über die Prognose des Patienten definieren oder über das voraussichtliche Überleben des Organs?“

Das seien zunächst ethische Entscheidungen. Von der Medizin könne es dann Antworten geben darauf, mit welchen labormedizinischen oder anderen Bewertungs-Scores, sich die Kriterien am besten berücksichtigen ließen. „Die nötige Kombination von Kriterien für die gerechte Zuteilung von Organen muss in einer intensiven, öffentlichen Debatte bestimmt, gewichtet und dann vom Gesetzgeber festgelegt werden“, resümierte Woopen.

Der Vorsitzende der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der BÄK, Prof. Dr. jur. Hans Lilie von der Universität Halle, wies darauf hin, dass es schon jetzt die Möglichkeit gebe, Richtlinien und Änderungsvorschläge über die Homepage der BÄK zu kommentieren und Alternativen einzubringen. „Wir beschäftigen uns mit jeder Stellungnahme, aber es kommen wenig Änderungsvorschläge“, sagte Lilie. Das Verfahren sei transparent. „Aber ich würde es begrüßen, wenn wir eine Konkretisierung für die Kriterien bekämen, wir würden sie umsetzen.“

Dass dies Aufgabe des Gesetzgebers ist, sieht Kingreen belegt durch ein Bundesverfassungsgerichtsurteil zur Vergabe von Studienplätzen in Numerus-clausus-Fächern (BVerfGE 33, 303). Selbst wenn der Gesetzgeber die Regelungsbefugnis delegiere, müsse er die Art der Auswahlkriterien und deren Rangverhältnis selbst festlegen, denn es gehe um die Zuteilung von Lebenschancen. Kingreen sieht darin die Parallele zur Organtransplantation.

Transplantationschirurg Prof. Dr. med. Dirk L. Stippel von der Universitätsklinik Köln plädierte für klare Unter- und Obergrenzen für die Leberzuteilung auf Basis vom MELD-Score (Model of endstage liver disease). Erst ab einem Score von 20 (Bereich 6 – 40) hätten Patienten einen sicheren Vorteil.

Allokationskriterien sollten anders gewichtet werden

Stippel sprach sich dafür aus, die Erfolgsaussicht stärker zu gewichten als bisher. Das bedeute im Ernstfall, dass man Patienten sagen müsse, die Gesellschaft trage ab einem bestimmten MELD-Wert eine Transplantation nicht mehr mit.

Er wies außerdem auf das Problem hin, dass Kinder, die international und auch in Deutschland bei der Organzuteilung bevorzugt werden, ihre Transplantate beim Übergang von der Pubertät zum Erwachsenenalter statistisch doppelt so häufig verlieren wie in jüngeren Jahren und wie Erwachsene: häufig wegen Complianceproblemen. Ob das Problem allein durch Optimierung der Transitionsmedizin zu lösen ist und die Bevorzugung von Kindern bei der Vergabe postmortaler Organe gerecht ist, wird in den USA derzeit diskutiert.

Für den Deutschen Ethikrat könnte ein nächster Schritt nun eine Stellungnahme zur Verteilungsgerechtigkeit von Organen sein.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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