ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2013Georg Büchner (1813–1837) und die Medizin: „. . . noch Raum genug, um etwas Tüchtiges zu leisten . . .“

THEMEN DER ZEIT

Georg Büchner (1813–1837) und die Medizin: „. . . noch Raum genug, um etwas Tüchtiges zu leisten . . .“

Dtsch Arztebl 2013; 110(41): A-1906 / B-1684 / C-1650

Krämer, Sandra

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Undatiertes Archivbild des Schriftstellers. Der Georg-Büchner-Preis, einer der renommiertesten Literaturpreise im deutschen Sprachraum, ist nach ihm benannt. Foto: dpa
Undatiertes Archivbild des Schriftstellers. Der Georg-Büchner-Preis, einer der renommiertesten Literatur­preise im deutschen Sprachraum, ist nach ihm benannt. Foto: dpa

Nicht die ärztliche Praxis war sein Metier, sondern die anatomische Forschung nebst Präparationstechniken.

Freude über sein literarisches Schaffen sowie gleichzeitig Faszination an seinen naturwissenschaftlich-medizinischen Studien prägen das kurze Leben des am 17. Oktober 1813 in Goddelau bei Darmstadt geborenen Georg Büchner. Aufgrund seines schon früh erwachenden Interesses an der Medizin und den Naturwissenschaften kam es mit seinem Vater, dem Medizinalrat Dr. Ernst Büchner, hinsichtlich der Berufswahl nicht zu dem bei vielen Arztkindern klassischen Vater-Sohn-Konflikt.

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Zum Wintersemester 1831 nahm Büchner das Medizinstudium an der Universität Straßburg auf. Neben den Kernfächern Chemie, Physik, Physiologie und Pharmakologie beschäftigte sich Büchner vor allem mit den sogenannten naturwissenschaftlichen Hilfswissenschaften wie vergleichende Anatomie und Zoologie. Hier zeigten sich bereits seine späteren medizinischen Vorlieben. Nicht die ärztliche Praxis war sein Metier, sondern die anatomische Forschung nebst Präparationstechniken. Der vom Vater unter familiären und fachlichen Gesichtspunkten für den ersten akademischen Abschnitt ausgewählte Studienort sollte jedoch für den Sohn vor allem hinsichtlich seiner politischen und literarischen Laufbahn wegweisend sein.

Die elsässische Metropole mit ihren Akademien, Theatern, Lesegesellschaften und privaten Salons entpuppte sich nicht nur als intellektuelles Zentrum, sondern auch als Anschauungsobjekt eines politisch fortschrittlichen Systems. Während seines zweijährigen Studienaufenthalts erlebte Büchner sowohl die Nachwehen der vorangegangenen Juli-Revolution, als auch die zunehmende Konsolidierung und Etablierung der Bourgeoisie. Die wiederum daraufhin gebildete deutsch-französische Oppositionsbewegung gegen die Restauration fand ihren Höhepunkt am 27. Mai 1832 auf dem Hambacher Fest in Neustadt an der Weinstraße. Die ökonomischen Forderungen wurden von dem Ruf nach bürgerlicher Freiheit und nationaler Einheit begleitet.

Medizinstudent und Revolutionär

Nach diesen aufregenden Jahren empfand Büchner den Wechsel an die Universität Gießen und die damit verbundene Rückkehr in die hessische Kleinstaatenresidenz 1833 geradezu als Verbannung in „ein Wüstenei, die Wüste Sahara“ (2). An der medizinischen Fakultät belegte er die Fächer Psychologie, Anatomie, Logik, Naturrecht, Naturphilosophie und analytische Chemie. Zu seinen bekanntesten Lehrern gehörten Justus Liebig (1803–1873) und Friedrich C. G. Wernekinck (1798–1835). Jedoch ließen ihn die Fragen nach politischer und gesellschaftlicher Veränderung sowie dem eigenen persönlichen Engagement nicht los. Der 21-jährige Student suchte Antworten im Studium der Menschheitsgeschichte und formulierte seine ernüchternde Erkenntnis im berühmten Fatalismusbrief an seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé: „Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in der Menschennatur eine entsetzliche Gleichheit, in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, Allen und Keinem verliehen. Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel, ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, es zu erkennen das Höchste, es zu beherrschen unmöglich.“ (3)

Bleistiftzeichnung von Georg Hoffmann, die höchstwahrscheinlich Georg Büchner zeigt. Das auf 1833 datierte Porträt wurde in diesem Jahr auf einem Gießener Dachboden entdeckt.
Bleistiftzeichnung von Georg Hoffmann, die höchstwahrscheinlich Georg Büchner zeigt. Das auf 1833 datierte Porträt wurde in diesem Jahr auf einem Gießener Dachboden entdeckt.

Büchners Einsicht, dass eine unterdrückte Klasse das bestehende Regime nur durch materielle Gewalt zu stürzen sowie die eigene Herrschaft wiederum nur durch Gewalt zu etablieren vermag und so die Geschichte der Kämpfe zwischen ausbeutenden und ausgebeuteten Klassen eine unendliche ist, verarbeitete er später in seinem politischen Erstlingsdrama. 1834 gründete er die Gesellschaft für Menschenrechte, deren Ziel ein von langer Hand vorbereiteter und organisierter Umsturz der politischen Verhältnisse war. Im Rahmen dieser Aktivitäten verfasste Büchner die Flugschrift „Der Hessische Landbote“. In diesem mit „Friede den Hütten! Krieg den Palästen“ überschriebenen achtseitigen Aufruf an die Landbevölkerung zeigte er den Ausbeutungscharakter des Staates auf. Sein literarischer Kniff bestand darin, die nackten Zahlen der großherzoglichen Statistik mit Zitaten und Sprachelementen aus der Bibel zu verknüpfen. Binnen fünf Wochen, in denen sich Büchner, aufgrund seiner Teilnahme an staatsverräterischen Handlungen steckbrieflich gesucht, in seinem Elternhaus verstecken musste, entstand das Drama „Dantons Tod“.

Habilitationsvortrag „Über Schädelnerven“

Während seines nachfolgenden Exils nahm er das Studium der Medizin, verknüpft mit philosophischen Studien, an der Hochschule in Zürich wieder auf. „Ich werde das Studium der medizinisch-philosophischen Wissenschaften mit der größten Anstrengung betreiben, und auf dem Felde ist noch Raum genug, um etwas Tüchtiges zu leisten und unsere Zeit ist grade dazu gemacht, dergleichen anzuerkennen. […] Auch sehe ich mich eben nach Stoff zu einer Abhandlung über einen philosophischen oder naturhistorischen Gegenstand um.“ (4) Auf Basis eigener Sektionen und Präparationen schrieb er seine Dissertation über das Nervensystem der Barbe und leistete hiermit Vorarbeit bei dem Versuch, die Methoden der französischen empirisch ausgerichteten Naturwissenschaft mit Ansätzen der deutschen romantischen Naturphilosophie zu verknüpfen. Nach seiner Promotion im September 1836 habilitierte er sich im November mit seiner Probevorlesung „Über Schädelnerven“. Die mit großem Engagement gehaltenen anatomischen Kurse an der Zürcher Universität sowie das parallele dramatische Schaffen fanden durch eine Typhusinfektion ein jähes Ende. Georg Büchner starb am 19. Februar 1837 (5).

„Sie scheinen die Arzneykunst verlassen zu wollen, womit Sie, wie ich höre, Ihrem Vater keine Freude machen. Seien Sie nicht ungerecht gegen dieses Studium; denn diesem scheinen Sie mir Ihre hauptsächliche force zu verdanken, ich meine, Ihre seltene Unbefangenheit, fast möchte ich sagen, Ihre Autopsie, die aus allem spricht, was Sie schreiben.“ (6) Sein Verleger Karl Gutzkow (1811–1878) bescheinigte dem Dichter bereits zu Lebzeiten den Einfluss seiner medizinisch-naturwissenschaftlichen Studien auf sein literarisches Werk.

Unter dem Deckmantel der Gattung Lustspiel und eines utopischen Schauplatzes übt Büchner in „Leonce und Lena“ (1836) mittels des Krankheitsbildes der Melancholie Kritik an den gesellschaftlichen Missständen der Restaurationsepoche. Prinz Leonce vom Reiche Popo wird als jemand vorgeführt, der an der für ihn offenkundigen Sinnlosigkeit seines Daseins leidet. Die psychischen Probleme sind einerseits endogener Natur, ein „Leiden am Sein“, zum anderen lassen sie sich als Reaktionen auf den Zustand der ihn umgebenden höfischen Gesellschaft deuten. Geheilt wird der von hektischer Betriebsamkeit, Ablehnung einer sinnentleerten Lebensweise und der ständigen Suche nach einem in der Realität nicht existierenden Ideal Getriebene in einem märchenhaft-utopischen Lustspielschluss, so dass das Ganze als Farce endet.

Zukunftsweisende psychiatrische Diagnostik

Büchners posthum veröffentlichte Novelle „Lenz“ (1839) ist eine psycho-pathologische Studie über den Sturm-und-Drang-Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) auf der Basis einer ihm bekannten medizinischen Fallbeschreibung „über einen Freund Goethes, einen unglücklichen Poeten (. . .) der halb verrückt wurde“ (7). Geschildert wird der Aufenthalt des an geistiger Verwirrung leidenden Dichters bei dem Pastor Johann Friedrich Oberlin 1778 im abgelegenen Steintal. Oberlin hatte den Krankheitsverlauf akribisch dokumentiert und diesen als Gottesstrafe für den unkonventionellen Lebenswandel von Lenz interpretiert.

Büchner löste sich von dieser zeitlich gängigen Deutung einer „religiösen Melancholie“ und gestaltete den pathologischen Verlauf neu. Hierbei bediente er sich einer Erzähltechnik (narrative Visualisierungsverfahren, seelenmalerische Landschaftsbeschreibungen), die die Psyche seines Protagonisten für den Leser erlebbar macht. Doch vor allem seine medizinische Herangehensweise einer avancierten psychiatrischen Diagnostik ist zukunftsweisend. Er zeichnete das komplexe Krankheitsbild nach und zeigte seine Ursachen im gesellschaftlichen Umfeld des Patienten auf. Darüber hinaus übte Büchner Kritik an den Heilungsversuchen, die sich in religiösen und pädagogischen Ansätzen erschöpften und von einem voreingenommenen Verhalten gegenüber dem Kranken geprägt waren. Büchners Novelle nahm die Konstituierung des Krankheitsbildes der Schizophrenie vorweg, wie sie später von Emil Kraepelin und Eugen Bleuler beschrieben wurde.

Auch im „Woyzeck“ greift Büchner tatsächlich Geschehenes auf, um die zerstörerischen Bedingungen einer von Ausbeutungsstrukturen geprägten Gesellschaft zu demonstrieren. Am 21. Juni 1821 erstach der 41-jährige Perückenmacher Johann Christian Woyzeck in Leipzig seine Geliebte. Die gerichtliche Verhandlung des Falles zog sich aufgrund der Klärung der Zurechnungsfähigkeit des Täters über Jahre hin. Die amtsärztlichen Gutachten des Hofrats Dr. Clarus waren in der Zeitschrift für Staatsarzneikunde 1824 und 1826 publiziert worden.

Für Zwecke der Wissenschaft missbraucht und erniedrigt

Büchner erweiterte den Fall in seiner Dramatisierung um die in der juristisch-psychiatrischen Debatte weitgehend ausgesparte Frage nach der Mitschuld sozialer Faktoren an der Erkrankung. Mit dem Doktor führte Büchner erstmals eine von späteren Autoren wiederholt aufgegriffene Arztfigur ein, die den Mensch, der ihm nicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch seinen Körper verkaufen muss, für die Zwecke der Wissenschaft missbraucht und erniedrigt. Büchners im „Lenz“ formuliertes Kunstprogramm – „Dieser Idealismus ist die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur. Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel, [. . .]“ (8) – erfährt seine radikalste Umsetzung in dem nur als Fragment erhaltenen „Woyzeck“, Büchners letztem Werk, und nimmt darüber hinaus die poetologische Idee des literarischen Naturalismus vorweg. Aber auch medizinhistorisch betrachtet war Büchner in seiner Auseinandersetzung mit Krankheitsphänomenen seiner Zeit voraus (9).

Sandra Krämer

Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4113

1.
Brief an die Familie vom 9. März 1835 aus Weißenburg. In: Pörnbacher K, Schaub G, Simm HJ, Ziegler E (Hg.): Georg Büchner. Werke und Briefe. München 1988; 298.
2.
Brief an Edouard Reuss vom 31. August 1833 aus Darmstadt. In: Ders.; 282.
3.
Brief an die Braut von Januar 1834 aus Gießen. In: Ders.; 288.
4.
Brief an die Familie vom 9. März 1835 aus Weißenburg und vom Oktober 1835 aus Straßburg. In: Ders.; 298 und 310.
5.
Hauschild J-C: Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit. Hamburg 2013.
Ders.: Georg Büchner mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg, 1992.
Kurzke H: Georg Büchner: Geschichte eines Genies. München 2013.
Mayer H: Georg Büchner und seine Zeit. 3. Auflage. Frankfurt a. M. 1977.
6.
Brief Karl Gutzkow vom 10. Juni 1836. In: Pörnbacher K: Georg Büchner. Werke und Briefe; 350.
7.
Brief an die Eltern im Oktober 1835 aus Straßburg. In: Ders.; 298.
8.
Büchner G: Lenz. In: Ders. ;144.
9.
Anz T: Gesund oder krank? Medizin, Moral und Ästhetik in der deutschen Gegenwartsliteratur. München 1987.
Krämer S: Friederike Brion und der Dichter Lenz: „Ein unglücklicher Poet, der halb verrückt wurde . . .“. In: Deutsches Ärzteblatt PP 4 (2013); 172–3.
Kubik S: Krankheit und Medizin im literarischen Werk Georg Büchners. Stuttgart 1991.
Reuchlein G: Das Problem der Zurechnungsfähigkeit bei E. T. A. Hoffmann und Georg Büchner. Zum Verhältnis von Literatur, Psychiatrie und Justiz im frühen 19. Jahrhundert. Frankfurt a. M. 1985.
1. Brief an die Familie vom 9. März 1835 aus Weißenburg. In: Pörnbacher K, Schaub G, Simm HJ, Ziegler E (Hg.): Georg Büchner. Werke und Briefe. München 1988; 298.
2. Brief an Edouard Reuss vom 31. August 1833 aus Darmstadt. In: Ders.; 282.
3. Brief an die Braut von Januar 1834 aus Gießen. In: Ders.; 288.
4. Brief an die Familie vom 9. März 1835 aus Weißenburg und vom Oktober 1835 aus Straßburg. In: Ders.; 298 und 310.
5. Hauschild J-C: Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit. Hamburg 2013.
Ders.: Georg Büchner mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg, 1992.
Kurzke H: Georg Büchner: Geschichte eines Genies. München 2013.
Mayer H: Georg Büchner und seine Zeit. 3. Auflage. Frankfurt a. M. 1977.
6. Brief Karl Gutzkow vom 10. Juni 1836. In: Pörnbacher K: Georg Büchner. Werke und Briefe; 350.
7. Brief an die Eltern im Oktober 1835 aus Straßburg. In: Ders.; 298.
8. Büchner G: Lenz. In: Ders. ;144.
9. Anz T: Gesund oder krank? Medizin, Moral und Ästhetik in der deutschen Gegenwartsliteratur. München 1987.
Krämer S: Friederike Brion und der Dichter Lenz: „Ein unglücklicher Poet, der halb verrückt wurde . . .“. In: Deutsches Ärzteblatt PP 4 (2013); 172–3.
Kubik S: Krankheit und Medizin im literarischen Werk Georg Büchners. Stuttgart 1991.
Reuchlein G: Das Problem der Zurechnungsfähigkeit bei E. T. A. Hoffmann und Georg Büchner. Zum Verhältnis von Literatur, Psychiatrie und Justiz im frühen 19. Jahrhundert. Frankfurt a. M. 1985.

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