ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2013Neurorehabilitation: Biografien, die Mut machen

MEDIEN

Neurorehabilitation: Biografien, die Mut machen

Dtsch Arztebl 2013; 110(41): A-1918

Jungnickel, Hermann

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Andrea Battke, Christine Höfelmeyer: Alles auf Anfang. Balance Buch + Medien, Köln 2013, 184 Seiten, kartoniert, 16,95 Euro
Andrea Battke, Christine Höfelmeyer: Alles auf Anfang. Balance Buch + Medien, Köln 2013, 184 Seiten, kartoniert, 16,95 Euro

„Alles auf Anfang“ ist ein ungewöhnliches Buch. Es schildert die Biografien von neun Menschen, die unvermittelt in ihrem persönlichen Alltag durch einen Unfall mit einem Schädelhirntrauma, einer zerebralen Blutung oder einem globalen zerebralen Sauerstoffmangel getroffen wurden. Sie alle waren oder sind noch in der Rehabilitationstagesstätte der Diakonischen Behindertenhilfe Lilienthal. In dieser Einrichtung werden langfristig und kleinschrittig Rehabilitationsmaßnahmen mit Betroffenen durchgeführt, wenn nach dem Ende der klinischen Rehabilitationsbehandlung oft der Fall ins Nichts oder der Platz in einem Pflegeheim ohne therapeutische Möglichkeiten vorhersehbar ist.

„Im Koma waren wir alle“, sagt einer der Betroffenen. Danach war das weite Ziel, so viel wie möglich an Kompetenzen zurückzugewinnen, um eine weitgehend selbstständige Lebensgestaltung zu ermöglichen. Für die Rehabilitanden und die Angehörigen war das ein mühsames Tasten auf einem völlig neuen Terrain. Sie mussten gegen therapeutischen Nihilismus mancher behandelnder Ärzte und oft auch der Kostenträger, die dieser neuen Versorgungsform, der noch nicht definierten „nachklinischen Langzeitrehabilitation“ mit Skepsis gegenüberstanden, ankämpfen.

Anzeige

Das Buch zeigt eindringlich auf, wie viel Energie und Stehvermögen von den Betroffenen und ihren Angehörigen aufgebracht werden muss, vor allem auch, wenn zeitweise die Angehörigen alle Entscheidungen für die Betroffenen übernehmen müssen. Es zeigt aber auch (und das ist besonders wichtig), welche beeindruckenden Entwicklungen langfristig möglich sind und welche Chancen sich durch Kooperationen zwischen den Betroffenen, Angehörigen, engagierten Einrichtungsmitarbeitern und Kostenträgern bieten.

Das Vorwort von Henner Frevel, dem ersten Leiter der Rehabilitationstagesstätte zeigt aus seiner Sicht die gesamte Problematik. Es fasst gewissermaßen vorab zusammen, was in den nachfolgenden Interviews deutlich wird − dass die Rehabilitanden wieder auf sich gestellt sind oder die Angehörigen das für sie übernehmen müssen. Es macht auch eine ganz wichtige Feststellung – dass nämlich Rehabilitation nicht nur die Wiedereingliederung in das Arbeitsleben bedeutet (und bedeuten darf). Es muss Raum zur Entwicklung für die, die dieses Ziel nicht mehr erreichen werden, geben. Diesen Raum müssen zu einem großen Teil entsprechende Institutionen bieten, wie eben die Rehabilitationstagesstätte der Diakonischen Behindertenhilfe in Lilienthal.

Den beiden Autorinnen sind beeindruckende Bilder im wörtlichen und übertragenen Sinn gelungen. Sie zeigen die engen Beziehungen zu den Betroffenen und zu der spezifischen Arbeitsform. Ich kenne fast alle Interviewten aus eigenem, längerem Erleben und schließe mich dem Respekt vor dem Mut der Betroffenen, der Angehörigen, der Therapeuten und der institutionellen Mitarbeiter gerne an. Ebenso gerne möchte ich mich einer Formulierung aus diesem Buch anschließen: Das Buch ist ein „Mutmach-Buch“ – und das ist das Wichtigste und Beste daran.

Hermann Jungnickel

Andrea Battke, Christine Höfelmeyer: Alles auf Anfang. Balance Buch + Medien, Köln 2013, 184 Seiten, kartoniert, 16,95 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema