ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2013Schädigender Alkoholkonsum
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Es gerät leicht aus dem Blickfeld, wie vielfältig die individuellen und gesellschaftlichen Folgen des Alkoholkonsums sind. In der Allgemeinbevölkerung ist vor allem die schädliche Wirkung von Alkohol auf die Leber gegenwärtig. Weitere Folgen des hohen Alkoholkonsums – wie zum Beispiel gastrointestinale Blutung, Pankreatitis, Anämie, kardiale Arrhythmie, Kardiomyopathie, Polyneuropathie, Depression und Angsterkrankung, Unfälle und nicht zuletzt maligne Erkrankungen – sind weniger geläufig, aber aufgrund ihrer Häufigkeit von hoher Bedeutung für unser Gesundheitssystem. Zwei weitere oft vernachlässigte Folgen des Alkoholkonsums werden in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts aufgegriffen: das Fetale Alkoholsyndrom (FAS) (1) und die alkoholbezogene Aggression (2).

Fetales Alkoholsyndrom

Ziel der hier vorgestellten klinischen Leitlinie (1) ist es, frühzeitig eine Diagnosestellung des FAS auf Grundlage evidenzbasierter Kriterien zu ermöglichen, um den betroffenen Kindern wiederum möglichst frühzeitig eine optimale Förderung zukommen lassen zu können. Für die Diagnose des FAS ist die Bestätigung der intrauterinen Alkoholexposition nicht notwendig. Erste Anhaltspunkte in der Kindheit sind faziale Auffälligkeiten und Wachstumsverzögerungen, bei Jugendlichen sind es Verhaltensauffälligkeiten oder neuropsychologische Defizite. Für die detaillierte Diagnostik wurde von der Leitliniengruppe ein praktischer „Pocket Guide FAS“ erstellt.

Ein wichtiger, im Artikel von Landgraf et al. (1) zudem gewürdigter Aspekt ist die Prävention von FAS. Derzeit kann keine Alkoholmenge angegeben werden, die für das ungeborene Kind als ungefährlich zu bezeichnen ist. Damit müssen Sie als Ärztin/Arzt auf die Frage, ob denn mit einem Glas Sekt auf die Schwangerschaft angestoßen werden darf, mit einem klaren „NEIN“ antworten. Andere Länder, wie zum Beispiel Frankreich, haben alkoholhaltige Getränke bereits mit Warnhinweisen für Schwangere versehen, ein entsprechendes Gesetz scheiterte jedoch 2010 knapp im EU-Parlament. Auch in Deutschland liefen entsprechende Initiativen bisher ins Leere.

Alkoholbezogene Aggression

Das Thema „alkoholbezogene Aggression“ ist gesellschaftlich sehr relevant. Etwa ein Drittel der Gewalttaten in Deutschland, knapp 50 000 Fälle pro Jahr, geschieht unter Alkoholeinfluss und wäre damit potenziell vermeidbar. Etwa 40 % dieser Gewalttaten werden innerhalb der Familie oder des Bekanntenkreises begangen (Bundesministerium des Innern 2012, [3]).

Als Ursache von aggressivem Verhalten unter Alkoholeinfluss beschreiben Beck und Heinz (2) insbesondere kognitive alkoholassoziierte Veränderungen, wie zum Beispiel

  • verminderte Verhaltenskontrolle
  • reduzierte Hemmung aggressiver Impulse
  • Tendenz, soziale Interaktionen unter Alkoholeinfluss als feindselig aufzufassen.

An biologischen Risikofaktoren konnten bestimmte genetische Varianten des serotonergen Systems identifiziert werden, die insbesondere in Kombination mit sozialer Vernachlässigung in der frühen Kindheit wirksam werden. Opfer sozialer Vernachlässigung könnten damit als Erwachsene unter Alkoholeinfluss ein höheres Risiko tragen, selbst zu „Tätern“ zu werden.

Dennoch: Die erhöhten Zahlen von Gewalt bei Alkoholabhängigen gehen bei dauerhafter Alkoholabstinenz auf das Niveau der Allgemeinbevölkerung zurück. Es sind also nicht persistierende Charakter- oder Persönlichkeitszüge, sondern die direkten Effekte des Alkoholkonsums, die eine höhere Prävalenz von Gewalt bei Alkoholabhängigen bedingen.

Therapiemöglichkeiten

Beck und Heinz schlagen psychotherapeutische Interventionen in Form kognitiver Trainingsprogramme vor, in denen die Fähigkeit zur Verhaltenskontrolle, die soziale Kompetenz und die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub verbessert werden soll. Auf pharmakologischer Ebene werden jene Antidepressiva genannt, die durch eine Erhöhung der Serotoninkonzentration negative Emotionen reduzieren, „gelassener“ machen und so aggressives Verhalten verringern.

Die Entwicklung von Therapieprogrammen zur Reduktion von alkoholbezogener Aggression befindet sich jedoch noch in den Anfängen, und es fehlen, ebenso wie für die Pharmakotherapie, kontrollierte Studien mit entsprechendem Behandlungsziel. Die Entwicklung und Evaluation dieser Behandlungsansätze voranzutreiben, ist wichtig, wird aber Zeit kosten und im Hinblick auf die begrenzte Wirkstärke von Psychotherapie und Antidepressiva das Problem nicht vollständig lösen. Viel effektiver sind hingegen Ansätze, den Alkoholkonsum innerhalb der Gesamtgesellschaft zu reduzieren.

Prävention

Lange wurde behauptet, effektive Präventionsstrategien mit dem Ziel einer Reduktion des Alkoholkonsums innerhalb der Gesamtgesellschaft ließen sich politisch nicht durchsetzen, zu viele wirtschaftliche Interessen sprächen dagegen und die Bevölkerung würde politische Interventionen bei der nächsten Wahl abstrafen. Der Erfolg der EU-weiten Strategie zur Reduktion des Tabakkonsums scheint das Gegenteil zu beweisen. Die EU-weite Einführung von Nichtraucher-Schutzmaßnahmen, Rauchverboten in Restaurants und öffentlichen Gebäuden, Restriktionen für Zigarettenautomaten und Preiserhöhungen haben bereits wenige Jahre nach ihrer Einführung eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung erreicht. Erinnerungen an Zigarettenrauch in Kinos, Flugzeugen, der Bahn oder auf Ämtern wirken wie Bilder aus einer „grauen“ Vergangenheit. Und auch in Bezug auf Alkohol hat die Gesellschaft sich schon deutlich gewandelt: Bei Festen und Feiern ist es längst üblich, alkoholfreie Getränke zu konsumieren, ohne sich hierfür rechtfertigen zu müssen.

Genau zum richtigen Zeitpunkt wurde daher mit der „Global strategy to reduce the harmful use of alcohol“ von der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) (4, 5) eine evidenzbasierte Initiative publiziert, die ausgereifte Ratschläge, an die Suchtpolitik gerichtet, enthält. Diese Empfehlungen für Politiker enthalten zehn Zielbereiche, die effektiv die negativen Folgen von Alkohol reduzieren können, ohne mit erhobenem Zeigefinger den Abstinenz-Apostel geben zu müssen. Die Zielbereiche umfassen:

  • Führungsverhalten, Sensibilisierung und Engagement (Aufbau einer politischen Infrastruktur einer nationalen Alkoholstrategie)
  • Handeln auf kommunaler Ebene (Kampagnen in lokalen Krankenhäusern, Gaststätten und bei öffentlichen Veranstaltungen )
  • Öffentliches Gesundheitswesen (Früherkennung und Behandlung von riskantem Alkoholkonsum)
  • Strategien zu Trunkenheit am Steuer (Informieren und evidenzbasierte Strategien umsetzen)
  • Verfügbarkeit von Alkohol reduzieren (räumliche, zeitliche und mengenmäßige Einschränkungen )
  • Alkoholwerbung- und marketing (klare und effektive Regulierung, am besten EU-weites Verbot wie für Tabak)
  • Alkoholpreise (Preiserhöhungen reduzieren effektiv den Konsum, zum Beispiel Mindeststeuer pro Gramm Alkohol)
  • Vermeidung negativer Konsequenzen des Alkoholrausches (Ausschank an bereits Betrunkene verhinden, Mitarbeiter von Bars und Kneipen schulen)
  • nicht registrierter Alkohol („Schwarz“-Brennen von Alkohol erfassen und verfolgen)
  • Monitoring und Berichterstattung (um Erfolge der Strategie prüfen und gegebenenfalls korrigieren zu können).

Es geht um einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol, der Genuss ermöglicht, aber die negativen Folgen reduziert. Sollten nicht alleine die Konsequenzen des fetalen Alkoholsyndroms und der Alkoholbezogenen Gewalt (siehe folgende Seiten) beste Gründe sein, eine Umsetzung in Angriff zu nehmen?

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift für die Verfasser
Prof. (apl.) Dr. med. Derik Hermann
Prof. Dr. med. Falk Kiefer
Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit
Medizinische Fakultät Mannheim
Universität Heidelberg
68159 Mannheim

Englischer Titel: Damaging Alcohol Consumption—Evidence Based Prevention on the WHO Model Can Help

Zitierweise
Hermann D, Kiefer F: Damaging alcohol consumption—evidence based prevention on the WHO model can help. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(42): 701–2.
DOI: 10.3238/arztebl.2013.0701

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Landgraf MN, Nothacker M, Kopp IB, Heinen F: Clinical practice guideline: The diagnosis of fetal alcohol syndrome. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(42): 703–10. VOLLTEXT
2.
Beck A, Heinz A: Alcohol-related aggression—social and neurobiological factors. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(42): 711–5. VOLLTEXT
3.
Bundesministerium des Innern: Polizeiliche Kriminalstatistik 2012: www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2013/PKS2012.pdf?__blob=publicationFile. Last accessed on 3 October 2012.
4.
World Health Organisation: Global strategy to reduce the harmful use of alcohol. WHO 2010. www.who.int/substance_abuse/alcstratenglishfinal.pdf. Last accessed on 3 October 2012.
5.
Anderson P: WHO-Strategie zur Reduktion des schädlichen Alkoholkonsums: Folgerungen für die Alkoholpolitik [Policy implications of the WHO Strategy to reduce the harmful use of alcohol]. Sucht 2011; 57: 85–98. CrossRef
Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, Medizinische Fakultät Mannheim, Universität Heidelberg und Klinik für Suchtmedizin und Abhängiges Verhalten, Klinikum Stuttgart: Prof. (apl.) Dr. med. Hermann
Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin, Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, Medizinische Fakultät Mannheim, Universität Heidelberg: Prof. Dr. med. Kiefer
1.Landgraf MN, Nothacker M, Kopp IB, Heinen F: Clinical practice guideline: The diagnosis of fetal alcohol syndrome. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(42): 703–10. VOLLTEXT
2.Beck A, Heinz A: Alcohol-related aggression—social and neurobiological factors. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(42): 711–5. VOLLTEXT
3.Bundesministerium des Innern: Polizeiliche Kriminalstatistik 2012: www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2013/PKS2012.pdf?__blob=publicationFile. Last accessed on 3 October 2012.
4.World Health Organisation: Global strategy to reduce the harmful use of alcohol. WHO 2010. www.who.int/substance_abuse/alcstratenglishfinal.pdf. Last accessed on 3 October 2012.
5.Anderson P: WHO-Strategie zur Reduktion des schädlichen Alkoholkonsums: Folgerungen für die Alkoholpolitik [Policy implications of the WHO Strategy to reduce the harmful use of alcohol]. Sucht 2011; 57: 85–98. CrossRef

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