ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2013Telekonsultation: Medizinisch zweifelhaft
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Telemedizinische Beratungen, Konsultationen und Diagnosestellungen, die gegebenenfalls in Therapien münden, sind haftungsrechtlich kritisch, aber vor allen Dingen medizinisch zweifelhaft. Der Artikel suggeriert, die persönliche HNO-fachärztliche Untersuchung mittels telemedizinischer Übermittlung von Untersuchungsbildern des Hausarztes an den Facharzt unter gewissen Umständen ergänzen oder ersetzen zu können. Der Facharzt untersucht aus gutem Grund den Gehörgang und das Trommelfell binokular mit dem Mikroskop, also dreidimensional. Veränderungen der Zunge und des Mundbodens bedürfen nicht nur der Betrachtung, sondern auch der Palpation. Das gilt auch für Veränderungen/Asymmetrien der Tonsillen. Nicht selten ist eine ultrasonographische Beurteilung des Lymphknotenstatus zusätzlich zur Palpation und zur Inspektion gerade bei Mundhöhlenbefunden diagnoseleitend. Durch bloße Betrachtung von Veränderungen in der Nase lässt sich nicht entscheiden, ob es sich um einen Polypen oder zum Beispiel um eine Meningo-(Encephalo)-Cele handelt, was gänzlich andere diagnostische und therapeutische Konsequenzen hätte. Das seien nur einige Beispiele, die die Limitation der Telemedizin zur Übermittlung von HNO-Untersuchungsbefunden, wie im Artikel beschrieben, aufzeigen. Auf die möglichen Risiken, die daraus entstehen können, wird in keiner Weise eingegangen. Festzustellen ist, dass sich für solche komplexen Befundkonstellationen durch Dritte erstellte telemedizinisch übertragbare Bilder nicht eignen, um zu einer belastbaren Diagnose zu gelangen. Der Analogieschluss zur Teleradiologie, die ein schon etabliertes Verfahren ist, ist falsch. Bezüglich der Beurteilung von solchen Bildern ist es durch die allgemeine Fächerabtrennung der Radiologie auch außerhalb telemedizinischer Verfahren Konsens, dass der Radiologe nur die Bilder befundet, aber eben nicht zu dem Gesamtkrankheitsbild bindend und verantwortlich Stellung nimmt.

Im DÄ-Beitrag gibt es keinen Hinweis auf Interessenkonflikte. Das IRDC ist aber von namhaften Firmen, die natürlich ein Interesse haben, zum Beispiel Optiken, Endoskopie-Einheiten und Telemedizintechnik zu verkaufen, getragen/unterstützt. Frau Gollnick ist Zentrumsmanagerin der IRDC GmbH. Die an der Untersuchung beteiligten HNO-Fachärzte sind zum Teil Angestellte eines MVZ (Kopfzentrum Leipzig).

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Aussagekräftige Untersuchungen von Ohren, Nasenhaupthöhlen und tieferem Rachen mit Endoskopen bergen eine gewisse Unannehmlichkeit für den Patienten und Verletzungsgefahr, wenn man sich dem darzustellenden Objekt hinreichend annähert. Gerade im empfindlichen äußeren Gehörgang und der zu Blutungen neigenden Nase ist dieses zu beachten. HNO-Ärztinnen und HNO-Ärzte lernen diese Techniken in ihrer Ausbildung über Monate und Jahre, um sie dann perfekt und für den Patienten schmerzarm und sicher anwenden zu können.

Bleibt zum Schluss nur anzumerken, dass in der vorgelegten Studie eben nicht alle 102 Patienten dem HNO-Facharzt zur körperlichen Untersuchung vorgestellt wurden. Bei diesen bleibt also der weitere Verlauf der Krankheit im Dunkeln. Dies wäre aber eine weitere wichtige Kontrolle zur Verifizierung der Studie gewesen. Dass die Eindrücke der HNO-Facharztseite in der Studie sehr gut abschneiden, ist aufgrund der oben genannten Zusammenhänge nicht weiter verwunderlich. Aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, ist dieser Artikel als maskiertes Marketing zu bewerten. Wir distanzieren uns daher entschieden von Inhalt und Schlussfolgerungen aus dieser Studie aufgrund nicht vorhandener Wissenschaftlichkeit. Dies ist kein generelles Statement gegen die Telemedizin, jedoch ist die HNO-Facharztuntersuchung für die beschriebene Übertragungstechnik gänzlich ungeeignet.

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Roland Laszig,
Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie,
53113 Bonn

Dr. med. Dirk Heinrich, Präsident des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte,
24539 Neumünster

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