ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2013Praxisgründung: Mit Vision und Strategie in die Selbstständigkeit

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Praxisgründung: Mit Vision und Strategie in die Selbstständigkeit

Dtsch Arztebl 2013; 110(42): A-1989 / B-1757 / C-1721

Kutscher, Patric P.

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Foto: Fotolia/alphaspirit, Ralf Brunner [m]
Foto: Fotolia/alphaspirit, Ralf Brunner [m]

Praxisgründer, die finanzielle Ziele in den Fokus rücken, kapitulieren bei Rückschlägen eher als jene, die eine langfristige Vision verfolgen.

Beim Start in die selbstständige Existenz wird der Arzt als Gründer mit vielen Fragen konfrontiert: Finanzierung, Versicherungspflichten, Rechtsform, Praxiseinrichtung, Personaleinstellung, staatliche Auflagen. Natürlich sind dies elementare Fragen, denen sich der Arzt in aller Ausführlichkeit widmen muss. „Darüber darf aber die Grundlage nicht vergessen werden“, gibt Dr. med. Claus-Henning Wolde, niedergelassener Kardiologe mit Praxis in Heidelberg, zu bedenken, „und das ist die Gestalterkraft oder besser: Gründer-Kraft!“

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Entscheidend ist: Ohne die Energie, mit der Praxisgründung eine Vision und eine klare strategische Zielsetzung verwirklichen zu wollen, fehlt der innere Antrieb. Pointiert ausgedrückt: Wer finanzielle Ziele in den Fokus rückt, wird bei den ersten Rückschlägen mit einiger Wahrscheinlichkeit eher aufgeben und kapitulieren als derjenige Praxisgründer, der eine Vision und die Verwirklichung eines langfristig strategischen Konzepts verfolgt.

Vision meint dabei etwas sehr Konkretes: Der Arzt stellt Gedanken darüber an, welchen Zweck er mit seiner Praxisgründung verfolgt. Er malt ein klares Bild von der Zukunft: „Wie soll die Praxis in fünf Jahren aussehen? Welchen Nutzen bieten wir den Menschen?“ Dabei geht es auch um die Interessen des Arztes und seiner Mitarbeiter, denn die Praxisgründung dient dem Erwerb wirtschaftlicher Unabhängigkeit, dem Aufbau und Erhalt der Arbeitsplätze sowie der Sicherung eines Einkommens. Aber mindestens ebenso wichtig ist der Zweck, anderen Menschen zu helfen, Gesundheit zu erhalten sowie Krankheit und Leid zu mindern.

Eine Vision kann und soll durchaus mit einem Zahlenwerk – Umsatz, Gewinn, Einkommen, Patientenaufkommen – verknüpft werden. „Aber das allein genügt nicht“, betont Kardiologe Wolde, „sie soll den Arzt und die Mitarbeiter motivieren und inspirieren, sie soll das Herz und den Verstand des gesamten Teams berühren und erreichen.“ Eine positive Folge jener Motivation besteht dabei darin, dass der Arzt Kraft aufbaut, um die schwierige Praxisgründung konsequent zu verfolgen, selbst wenn sich Hindernisse in den Weg stellen.

Vision und strategisches Konzept sind zwei mächtige Antriebsmotoren, um die Gestalterkraft des Praxisgründers zu mobilisieren und aufrecht zu erhalten. Der Arzt glaubt an seine Vision, an sein Konzept – und will beides verwirklichen. Hinzu kommt ein betriebswirtschaftliches Prozessmanagement, bei dem etwa eine Liquiditätsanalyse und andere betriebswirtschaftliche Überlegungen im Mittelpunkt stehen. Ebenso wichtig sind das medizinische Konzept und eine Patientenpotenzialanalyse. Diese Überlegungen sollten begleitet werden durch Initiativen, in denen die persönliche Weiterentwicklung des Arztes in den Vordergrund gerät. Er darf sich nicht aufreiben, sondern sollte seine Schaffenskraft erhalten und sich darum im regelmäßigen Abstand selbst befragen: „Befinde ich mich noch auf dem einmal eingeschlagenen Weg? Ist das, was ich tue, wirklich das, was ich mir einst vorgenommen habe?“

Eine Studie der „Achieve Global“ Deutschland hat ergeben, dass die Fähigkeit zur Selbstreflexion zu den herausragenden Kompetenzen einer Führungskraft gehört. Dies lässt sich auf den Praxisgründer übertragen: Im Kompetenzfeld „Reflexion“ analysiert der Arzt permanent die eigenen Motive, Ansichten, Einstellungen und Handlungen. Er beobachtet sein Umfeld, legt sein Tun und Denken unter die kritische Lupe und reflektiert seine Entscheidungen kritisch.

Stellt der Arzt im Rahmen seiner Analysearbeit ein Kompetenzdefizit fest, schließt er diese Lücken. Wolde ergänzt: „Die Kraft eines Gründers hängt davon ab, inwiefern es ihm gelingt, das innere Feuer, mit dem er die Gründung begonnen hat, am Lodern zu halten. Dann gehört es zur Selbstreflexion, erreichte Zwischenziele anzuerkennen, zu feiern und sich zu belohnen.“

Aber die Sorgen, die wohl jeden Gründer quälen, müssen Ernst genommen werden. Versagensängste sind bei jungen Ärzten, die eine Existenz aufbauen, nicht selten. Immerhin müssen die Praxis etabliert, Patienten gewonnen und Mitarbeiter bezahlt werden. Die Verantwortung nimmt zu; zumal dann, wenn der Arzt Familie hat. Der Arzt darf sich von diesen Befürchtungen in seinem Gestaltungswillen nicht hemmen lassen, sie aber auch nicht verdrängen. Besser ist es, konstruktiv mit ihnen umzugehen. „Dies gelingt, indem der Arzt den Versagensängsten jene Vision und sein langfristiges Konzept gegenüberstellt“, schlägt Wolde vor, „zudem kann er sich vorstellen, was denn im Falle des Versagens schlimmstenfalls passieren würde. Häufig ergibt die Analyse, dass die Folgen nicht so schlimm sind, wie sie sich der Arzt ausgemalt hat.“

Noch ein Aspekt: Die Hirnforschung hat dafür gesorgt, dass das positive Denken von Ärzten ernster genommen wird, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Wenn Patienten mit einer positiven Erwartungshaltung, die vom Arzt verstärkt wird, in die Therapie hineingehen, wirkt sich dies förderlich auf die Genesung aus. Und vielleicht lässt sich daraus die These ableiten, dass positive Zuversicht den Arzt auch dann unterstützt, wenn er sich im Gründungsprozess befindet.

Patric P. Kutscher

MasterClass Education, Zellertal

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