ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2013Biologische Schädlingsbekämpfung: Ein wahres Erfolgsmodell – aber bei Geldgebern zweitrangig

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Biologische Schädlingsbekämpfung: Ein wahres Erfolgsmodell – aber bei Geldgebern zweitrangig

Herren, Hans Rudolf

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Der Schweizer Insektenforscher Hans Rudolf Herren, Pionier der biologischen Schädlingsbekämpfung, beschreibt die Vorteile der ökologischen Landwirtschaft. Dazu gehört unter anderem eine Steigerung der Ernteerträge und der Renditen.

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Etwa 200 Millionen Menschen in Afrika standen 1979 machtlos vor einer drohenden Katastrophe. Unaufhaltsam fraßen sich eingeschleppte Schmierläuse durch weite Teile des Kontinents und zerstörten das wichtigste Grundnahrungsmittel dieser Region: die Maniokpflanze. Der Ruf nach massivem Chemieeinsatz wurde laut. Doch der damals 31 Jahre alte Berner Forscher Hans Rudolf Herren, heute Präsident der Stiftung Biovision und des Millennium Institutes, setzte anstatt auf Chemie auf die natürlichen Feinde der Parasiten. Nach zwei Jahren intensiver Forschung wurde die entsprechende „biologische Armada“, kleine Schlupfwespen (Foto rechts) in Paraguay gefunden. Herren siedelte sie mit Erfolg in Afrika an, so dass das natürliche Gleichgewicht zwischen dem Schädling und seinem Feind hergestellt war. Das geniale Konzept bewahrte Millionen von Menschen vor einer Hungerkatastrophe. 1995 erhielt Herren für seine bahnbrechende Methode den Welternährungspreis. Erst vor wenigen Tagen, am 26. September, folgte der Alternative Nobelpreis (Right Livelihood Award). Herren wird am 21. Oktober auf dem World Health Summit in Berlin sprechen zum Thema: Sustainable Agriculture and Food Systems – Policy Implications on the Post-2015 Agenda.

Die stärkehaltigen Wurzelknollen der Maniokpflanze wurden im 16. Jahrhundert durch portugiesische Händler aus Brasilien nach Afrika gebracht und entwickelten sich zu einer der wichtigsten Nahrungsquellen in Afrika südlich der Sahara, nicht zuletzt wegen ihrer Dürreresistenz.

Durch die Umgehung von Quarantänebestimmungen für die Einfuhr von neuen Sorten haben Wissenschaftler Anfang der 1970er Jahre die südamerikanische Schmierlaus auf Maniokstecklingen nach Brazzaville importiert. Im Gegensatz zu Südamerika fehlte der Schmierlaus in Afrika ein natürlicher Feind: Die Folge war eine sehr schnelle Verbreitung des Schädlings quer durch Afrika, was zu Ernteausfällen von bis zu 80 Prozent führte.

1979 bewarb ich mich für eine Stelle als Maisforscher am Internationalen Institut für Tropische Landwirtschaft (IITA) in Ibadan, Nigeria. Doch beim Bewerbungsgespräch wurde mir eröffnet, dass eigentlich mein Wissen in der biologischen Schädlingsbekämpfung gefragt war, um das Maniok-Schmierlausproblem zu lösen. Die chemische Bekämpfung hatte bisher wenig genützt und Schäden an Umwelt und bei den Menschen verursacht, und die Züchtung resistenter Sorten hätte viel zu lange gedauert.

Die UNO-Sonderorganisation, International Fund for Agricultural Development (IFAD), stellte für das Projekt zunächst 250 000 Dollar zur Verfügung. Damit konnte sich das kleine Team, das ich inzwischen zusammengestellt hatte, in Südamerika auf die Suche nach dem natürlichen Feind der Schmierlaus machen. Nach 18-monatiger Suche konnten wir schließlich in Paraguay eine Schlupfwespe als Feind der Schmierlaus identifizieren.

Hans Rudolf Herren in Afrika: Durch die Weitergabe von Wissen über nachhaltige Anbaumethoden werden die Kleinbauern wirtschaftlich gestärkt. UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon bezeichnet das Bauerninformationsprogramm der Stiftung Biovision in Ostafrika in seinem am 30. September publizierten Bericht zur Landwirtschaft als „vorbildlich“. Fotos: Biovison
Hans Rudolf Herren in Afrika: Durch die Weitergabe von Wissen über nachhaltige Anbaumethoden werden die Kleinbauern wirtschaftlich gestärkt. UNO-General­sekretär Ban Ki Moon bezeichnet das Bauern­infor­mations­programm der Stiftung Biovision in Ostafrika in seinem am 30. September publizierten Bericht zur Landwirtschaft als „vorbildlich“. Fotos: Biovison

In der biologischen Schädlingsbekämpfung ist es essenziell, ein rigoroses Evaluationsprogramm durchzuführen, um zu klären, dass der Nützling nur den Schädling attackiert und für andere Tiere und Pflanzen keine Gefahr darstellt. Deshalb wurden die Schlupfwespen rigoros evaluiert, um solche Risiken auszuschließen – aber dann konnte der biologische Feldzug beginnen.

Dafür die notwendigen Gelder zu bekommen war nicht einfach. Nicht zuletzt, weil der Ansatz von vielen als nicht wissenschaftlich erachtet wurde. Die Gelder wurden denn auch jeweils nur für ein Jahr bewilligt, was die langfristige Planung sehr erschwerte. Alles in allem kostete die zwölfjährige Kampagne rund 20 Millionen Dollar.

Um die breite Freilassung zu garantieren, wurde eigens ein „Aerial Insect Release System“ (AIRS) entwickelt. Kombiniert mit Freisetzungen am Boden wurden innerhalb von zehn Jahren (1982 bis 1992) in 30 afrikanischen Ländern 1,6 Millionen Schlupfwespen ausgesetzt. Dank der Mobilität der Nützlinge konnte selbst Kamerun, das einzige Land, welches die Freilassung der Schlupfwespen als ein zu großes Risiko empfand, von den „Einwanderern“ aus den benachbarten Ländern profitieren.

Innerhalb kurzer Zeit normalisierten sich die Maniokerträge wieder. Im Gegensatz zur Benutzung von Insektiziden muss der Einsatz nicht bei jedem Neubefall wiederholt werden, da die Schlupfwespen sich überall dort vermehren, wo die Schmierlaus zu finden ist.

Auf den Erfahrungen lässt sich aufbauen

Die Forschungsresultate und Erfolge – obwohl schon mehr als 20 Jahre her – haben ihre Wirkung weit über Afrika hinaus entfaltet. So wird eine neue Epidemie durch die Maniok-Schmierlaus in Asien mit den gleichen Methoden und Schlupfwespen erfolgreich bekämpft.

Mosquito Day in Malindi Kenia. Die Aufklärung der Bevölkerung über die Ursachen von Malaria und die Möglichkeiten, die Verbreitung der übertragenden Mücken zu verhindern sind ein zentrales Element des IVM.
Mosquito Day in Malindi Kenia. Die Aufklärung der Bevölkerung über die Ursachen von Malaria und die Möglichkeiten, die Verbreitung der übertragenden Mücken zu verhindern sind ein zentrales Element des IVM.

In West- und Zentralafrika bedrohte die Schmierlaus Rastrococcus invadens aus Asien die Mangoernten; das Problem konnte mit zwei Wespenarten gelöst werden. Auch in Kenia sorgen Fruchtfliegen für große Ertragseinbußen bei Mangos. Die Fliegen können mit einer innovativen Kombination umweltfreundlicher Maßnahmen in Schach gehalten und die Qualität der Früchte markant gesteigert werden.

Für die biologische Bekämpfung können auch andere Organismen zum Einsatz kommen, wie zum Beispiel Pilze. Der Pilz Metarhizium anisopliae ist eine effektive Abwehr gegen die Wanderheuschrecke.

Aber auch die Pflanze selbst hat oft wirkungsvolle Abwehrmechanismen, die wir heute dank neuester Technologien evaluieren können. Forscher des Internationalen Insektenforschungsinstituts (icipe) in Nairobi haben entdeckt, dass lokale Maissorten aus Lateinamerika herkömmlicherweise einen Duftstoff – (Volatile) produzieren, wenn sie durch Eier vom Schädling – dem Maisstängelbohrer – befallen werden. Diese Duftstoffe locken die Nützlinge an, was Ernteverluste vermindert. Die hochgezüchteten Maissorten haben jedoch diese Fähigkeit verloren. Deshalb wird eine Wiedereinführung dieses Merkmals in die Saatkultur angestrebt.

Die Verbreitung des Wissens ist zentral

Die Methoden der biologischen Schädlingsbekämpfung und der nachhaltigen Landwirtschaft sind äußerst wissensintensiv. Um dieses Wissen an Bäuerinnen und Bauern weiterzugeben, sind neue Kommunikationstechnologien von höchster Bedeutung.

Auch auf politischer Ebene müssen wichtige Entscheidungen gefällt werden, die richtungsweisend sind, um die biologische Schädlingsbekämpfung voranzutreiben. So wird seit Jahren für ein Verbot von DDT gekämpft: Dieses Breitband-Pestizid wird immer noch für die Malariabekämpfung benützt. Eine wirksame Alternative wäre das integrierte Vektormanagement (IVM), welches in der Praxis durch eine Kombination von Schutzmaßnahmen – inklusive der Nutzung eines Bakteriums (Bacillus thuringiensis israelensis) für die Bekämpfung von Insektenlarven – in Kenia sehr überzeugt hat.

In der Landwirtschaft wurden zwar große Fortschritte erreicht in der Etablierung von integriertem Pflanzenschutz, die biologische Schädlingsbekämpfung ist jedoch bei Geldgebern immer noch zweitrangig, da Forschungsprojekte dominiert werden von privaten Firmen, welche auf patentierbare kapitalintensive Innovationen setzen. Aus diesem Grund muss auf der internationalen Ebene ein Umdenken stattfinden – ein Kurswechsel zu einer nachhaltigen Landwirtschaft – in welcher die biologische Schädlingsbekämpfung eine wichtige Säule darstellt. Dazu gehört, dass öffentliche Gelder in die Forschung fließen und diese unabhängig von Partikularinteressen bleibt. Der Ertrag aus solchen Investitionen wird sehr hoch sein:

Die biologische Schädlingsbekämpfung hat einen starken Leistungsnachweis, nicht zuletzt weil dieser Ansatz Mensch und Umwelt schont und nachhaltig wirksam ist, indem sie die Ursachen des Problems und nicht nur die Symptome behandelt. Trotzdem fließen die Forschungsgelder in diesen Bereich nur sehr spärlich und auch der Aufwand für die Verbreitung dieser wissensintensiven Methoden wird gescheut.

Zudem können mit Hilfe der biologischen Schädlingsbekämpfung wesentlich höhere Renditen erzielt werden als mit resistenten Saatgütern („silver bullets“): So wurden mit der biologischen Bekämpfung der Maniok-Schmierlaus in Afrika pro investiertem Dollar über 20 Jahre (1974–1994) 247 Dollar generiert. Und: Die Rendite nimmt in den Folgejahren zu, da das Problem langfristig gelöst ist.

Dr. Hans Rudolf Herren

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