ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2013WHS-Journalistenpreis: Gesundheitsinformationen bei Cola, Kaffee oder – Malwa

WORLD HEALTH SUMMIT

WHS-Journalistenpreis: Gesundheitsinformationen bei Cola, Kaffee oder – Malwa

Dtsch Arztebl 2013; 110(42): A-1958 / B-1728 / C-1696

Nakkazi, Esther

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Wissenschafts-Cafés erfreuen sich in einigen afrikanischen Ländern zunehmender Beliebtheit. Sie sind ein niedrigschwelliges Angebot an die Bevölkerung, Fragen zur Gesundheit mit einem Experten in entspannter Atmosphäre zu erörtern.

Fotos: Esther Nakkazi
Fotos: Esther Nakkazi
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Komplexe wissenschaftliche Themen zu analysieren und zu kommunizieren ist insbesondere für junge Journalisten eine Herausforderung. Um aufstrebende Medizinjournalisten zu unterstützen und beruflich zu motivieren, hatten das Deutsche Ärzteblatt, die European Union of Science Journalists’ Associations (EUSJA) und der World Health Summit (WHS) zum zweiten Mal den „Next Generation of Science Journalists-Award“ ausgeschrieben.

Aus einer Vielzahl von Einsendungen wählte die Jury Esther Nakkazi aus Uganda für den nachfolgenden Artikel zur Siegerin. Die Preisverleihung erfolgt auf dem World Health Summit am 21. Oktober.

Juliet Tiperu verkauft seit 20 Jahren Malwa, ein alkoholisches „Gebräu“ aus Hirse. Die meisten ihrer Kunden im „Sheraton“ in Entebbe – 35 Kilometer entfernt von Ugandas Hauptstadt Kampala – sind Männer, die nach 17 Uhr hereinspazieren und bis zum Ende der „happy hour“ für 3 000 Uganda-Schillinge (circa 0,87 Euro) trinken. Dieses „Sheraton“ ist aber kein Fünf-Sterne-Hotel, sondern eine Strohhütte ohne Fenster und Türen, wo man sich um den Malwa-Topf herum trifft.

An einem typisch warmen Sonntagnachmittag dröhnt Musik; und ein kleiner, auf einem Stapel alter Möbel platzierter Fernseher zeigt leicht bekleidete Mädchen, die zu kongolesischen Klängen tanzen. Diskutiert wird in der Regel über Politik – oder über Mädchen; und mit jedem Schluck Malwa wird die Stimmung ausgelassener. Außer an einem Tag im Monat, wenn sich dieser Ort in ein „Wissenschafts-Café“ verwandelt. Dann kommen mehr Menschen als üblich – nicht etwa, weil Malwa kostenlos ausgeschenkt wird. „Heute sprechen wir über Gebärmutterhalskrebs und einen Impfstoff“, sagt Tiperu, als sie den Topf mit heißem Wasser auffüllt.

Vorbild der Wissenschafts-Cafés sind die „philosophischen Cafés“, die der französische Philosoph Marc Sautet in Paris in den 1990er Jahren entwickelt hat, um philosophische Diskussionen in französischen Kaffeehäusern anzuregen. 1998 übernahm der Wissenschaftsjournalist Duncan Dallas das Konzept, um in Großbritannien Wissenschafts-Cafés aufzubauen.

Die Idee „schwappte“ schließlich nach Nairobi, Kenia, wo im April 2008 das erste von mehreren Wissenschafts-Cafés der beliebten Café-Kette Java House eröffnet wurde – finanziert vom britischen Wellcome Trust im Rahmen eines Programms zur Steigerung der öffentlichen Auseinandersetzung mit Wissenschaft.

Vortragende der Woche: Die Ärztin Agnes Bukirwa (links) von Mildmay International Uganda, einer christlichen Organisation, die Betreuung bei HIV/Aids anbietet.
Vortragende der Woche: Die Ärztin Agnes Bukirwa (links) von Mildmay International Uganda, einer christlichen Organisation, die Betreuung bei HIV/Aids anbietet.

„Die Cafés verpflichten Wissenschaftler, um mit einem Laienpublikum über ihre Arbeit in einem informellen Rahmen zu diskutieren“, sagt Kommunikations-Expertin Ruth Wanjala, eine Mitbegründerin des Wissenschaft-Cafés in Nairobi. Die Treffen beginnen in der Regel mit einer kurzen Präsentation des Wissenschaftlers. Dann können Laien (auch Menschen mit bestimmten gesundheitlichen Störungen) über ihre persönlichen Erfahrungen sprechen, was meist Anlass für eine lebhafte Debatte gibt.

So sprechen Patienten mit Onkologen über Krebs, Naturheilkundler und traditionelle Medizin-Experten über „alternative“ Medizin oder Experten mit Patienten über psychische Störungen. Anfangs war Kenias wissenschaftliche Gemeinschaft skeptisch, weil sie nicht einschätzen konnte, was sie einem Laienpublikum vermitteln kann. Aber die meisten Wissenschaftler erwärmten sich im Laufe der Zeit für die Idee.

„Mama Naomi“ spricht über Gebärmutterhalskrebs

„Einige Teilnehmer fanden es verwirrend, wenn zum Beispiel zwei Wissenschaftler zwei unterschiedliche Meinungen zu einem Thema äußerten“, sagt Wanjala. „Andere beschwerten sich, wenn die Wissenschaftler das Café als Bühne nutzten, um ihre eigenen Produkte zu bewerben oder ihre politischen Ambitionen zu fördern.“

Während die Cafés in Nairobi eher auf die Mittelschicht zielten, scheiterten die Bemühungen, die Idee auch in Kibera – dem größten Slum der Stadt – umzusetzen. Seine Besucher waren hungrig nach Essen, nicht nach Wissenschaft; sie konnten den Vortragenden daher nicht aufmerksam zuhören. Aber insgesamt sind die Cafés ein Erfolg. „Wir bekommen immer noch Anfragen, neue zu starten“, berichtet Julia Mutheu, Mitbegründerin des Nairobi-Projektes. „Der überraschendste Erfolg besteht darin, dass die kenianische Bevölkerung Geschmack an gut aufbereiteten Gesundheitsinformationen gefunden hat.“

Das Ziel des Wissenschafts-Cafés im ugandischen Entebbe ist es, Treffen zu einer angenehmen Zeit, in einem nicht-akademischen Gebäude und in entspannter Ungezwungenheit mit einem hoch qualifizierten Wissenschaftler abzuhalten“, sagt Gesundheitsarbeiterin Christine Munduru als ehrenamtliche Leiterin des Projekts.

Die Vortragende im Sheraton in dieser Woche ist Agnes Bukirwa. Ärztin von Mildmay International Uganda, einer christlichen Organisation, die Therapie und Betreuung bei HIV-Infektionen anbietet. Bukirwa stellt sich den Zuhörern als „Mama Naomi“ vor und kündigt an, dass sie nun über Gebärmutterhalskrebs sprechen wird. Nach Schätzung der Welt­gesund­heits­organi­sation besteht in Uganda bei mehr als sieben Millionen Frauen im gebärfähigen Alter das Risiko, an einem Zervixkarzinom zu erkranken. Jedes Jahr erhalten etwa 3 600 Frauen die Diagnose und fast 2 500 sterben daran.

Davor schützen kann eine Vakzine gegen das humane Papillomvirus (HPV). „Aber es gibt eine Menge Mythen über den HPV-Impfstoff, selbst unter denen, die ihn kennen – obwohl die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass er existiert“, sagt Projektleiterin Munduru. „Das stellt eine ernsthafte Bedrohung der Gesundheit von Frauen dar.“

Erwachsene Lernende wollen keine langen Reden

Wie viele der Anwesenden denn wüssten, wie Gebärmutterhalskrebs übertragen wird, fragt Bukirwa ihr Publikum. Stille. „Und wer weiß, wie er verhindert werden kann?“ Keine Antwort. „Es könnte sein, dass bei Ihnen zu Hause Frauen bereits Gebärmutterhalskrebs haben“, fährt sie fort. Dann wird ein Handy in der Runde herumgereicht, um den Barbesuchern eine Abbildung eines Zervixkarzinoms zu zeigen. Männer schütteln die Köpfe. Einige lachen verlegen. Bukirwa erklärt, was HPV ist, und dass Männer es sexuell übertragen können. Sie spricht nur 30 Minuten lang, denn erwachsene Lernende wollen keine langen Reden.

Einige Frauen stehen außerhalb des Kreises und hören zu. Hühner picken Hirsekörner, die aus dem Malwa-Topf herausfallen, wenn mehr heißes Wasser hinzugefügt wird. Kinder, die mit ihren Müttern gekommen sind, jagen einander spielerisch. Nun folgt die Diskussionsrunde. Die Fragenden werden gebeten, sich zunächst vorzustellen. „Mein Name ist Gaddafi aus Uganda“, sagt ein Mann. Alle lachen laut. „Wieso können Männer eine reine Frauenkrebserkrankung übertragen?“, fragt er. Und eine Frau möchte wissen: „Jedes Mal, wenn meine Schwester Sex mit ihrem Ehemann hatte, blutete sie. Jetzt hat sie Gebärmutterhalskrebs. Wie kann man ihr helfen, da sie schon erkrankt ist?“

Das Café ist keine ärztliche Sprechstunde

„Eine Herausforderung für uns besteht darin, dass die Besucher der Wissenschafts-Cafés eine sofortige Behandlung haben möchten“, sagt Geoffrey Angutoko, der Koordinator des „Science Café“ in Entebbe. „Wenn sie beispielsweise HIV-infiziert sind, erwarten sie eine antiretrovirale Therapie am Ende der Veranstaltung.

„Es ist wichtig, Interventionsstrategien für die armen Gemeinden zu entwickeln“, sagt Mutheu in Nairobi und schlägt vor, dass Pap-Abstriche und Mammographien für die Gemeinschaft organisiert werden sollten. Aber, so fügt sie hinzu, man muss darauf achten, das sich das Café nicht in eine ärztliche Sprechstunde verwandelt.

Patrice Mawa, ein Molekularbiologe des Medical Research Council (MRC) mit Sitz in Entebbe, eröffnete das dortige Wissenschafts-Café in 2007. „Wenn ich früher ausging, stellten die Leute eine Menge Fragen über die Forschungsstation. Da kam mir die Idee, der Gemeinschaft Wissen zurückzugeben, denn Wissen ist Macht. Sie zu befähigen, wird einen Unterschied machen.“

Dieses Modellprojekt erfasst weniger Frauen als Männer, die die Entscheidungsträger in Uganda sind; und die meisten wissen nicht viel über weibliche Angelegenheiten. Aber Frauen profitieren dennoch davon. „Wir helfen ihnen, indem wir Probleme der Gemeinschaft ansprechen und sie mit Gesundheitsanbietern in Kontakt bringen“, erklärt Mawa. Das von ihm geleitete Wissenschafts-Café ist eines von fünf, denen im April 2012 jeweils 10 000 US-Dollar zur Verfügung gestellt worden sind, um die Bevölkerung in Entwicklungsländern über Gesundheitsprävention durch Impfstoffe und Immunisierung aufzuklären.

Die Geldspenden wurden von der „Southern Vaccine Advocacy Challenge“ (SVAC) zur Verfügung gestellt. Diese Vereinigung wird vom kanadischen Sandra Rotman-Zentrum unterstützt, das weitere Projekte in Ägypten, El Salvador, Pakistan und Südafrika unterhält. Jedes wurde durch einen Peer-Review-Wettbewerb in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommen ausgewählt. „Diese Projekte finden neue Wege, um grundlegende Botschaften über Gesundheit, Impfungen und Immunisierung zu verbreiten; das wird tiefgreifende Auswirkungen auf die Gesellschaft haben, sei es durch Senkung der Kindersterblichkeit oder die Verbesserung ihrer Lebensqualität“, erklärt Peter Singer, Direktor des Sandra Rotman-Zentrums „weil die Projekte die Nachfrage nach Impfstoffen bei den Menschen steigert, die sie am meisten brauchen.“

Kommunikation auf „Augenhöhe“

Die Popularität der Wissenschafts-Cafés in Afrika hat deutlich zugenommen – nicht zuletzt durch die Unterstützung von Sponsoren, die so unterschiedlich sind wie das „Café Scientifique“ (ein Online-Forum), der Wellcome Trust und die Public Relations-Firma Burness Communications. Nach Aussage von Wanjala, ist der Wunsch nach öffentlichem Engagement für die Wissenschaft in Afrika hoch (obwohl das kenianische Projekt vorübergehend schließen musste, als seine Finanzierung stockte).

Und es gebe noch Raum für Verbesserungen: Wissenschafts-Cafés müssten ihre Zielgruppen sorgfältiger auswählen, die Veranstalter schulen und ihre Wirksamkeit evaluieren. „Die Cafés sind eine hervorragende Möglichkeit, der Öffentlichkeit wissenschaftliche Informationen zu vermitteln“, sagt sie. „Die informelle, entspannte Atmosphäre und die lebhaften Debatten sind eine gute Basis dafür, dass Wissenschaftler und Laien miteinander ohne Vorurteile kommunizieren.“ Aus ihrer Sicht muss das Projekt der Wissenschafts-Cafés in der nächsten Phase mehr Menschen erreichen. Dafür schlägt sie vor, die Veranstaltungen zu filmen und im Fernsehen auszustrahlen; oder andere Medien mit größerer Reichweite und mehr Einfluss zu nutzen.

Als die Ärztin Bukirwa nach der Veranstaltung in Entebbe mit ihrem Mann nach Hause geht, ist sie nachdenklich. „Es ist schon etwas anderes in Wissenschafts-Cafés vorzutragen. Denn dort sind Menschen, die nach Wissen streben.“

Esther Nakkazi

Erfolg bei Malaria-Vakzine-Entwicklung

Ein erster Impfstoff gegen Malaria könnte recht bald zur Verfügung stehen. Wie GlaxoSmithKline (GSK) auf der weltweit größten Konferenz zu Malaria in Durban angekündigt hat, will der britische Pharmakonzern im kommenden Jahr die Zulassung bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA beantragen. Sollte diese grünes Licht geben, könnte die Welt­gesund­heits­organi­sation bereits 2015 eine Empfehlung für die Vakzine „RTS,S“ abgeben. GSK hat den Impfstoff über drei Jahrzehnte entwickelt.

Die klinische Studie zur Wirksamkeit von RTS,S umfasste 15 000 Kinder in sieben afrikanischen Ländern. Die Zahl der Malaria-Erkrankungen bei den Kindern sei bei den Geimpften um fast die Hälfte gesunken, teilte GSK mit.

Auch wenn es Hinweise darauf gebe, dass die Wirksamkeit des Impfstoffs im Zeitablauf nachlasse, zeige sich doch ein „eindrucksvoller“ Rückgang der Malaria-Erkrankungen, sagte GSK-Vorstandschef Andrew Witty in Durban. Ein Allheilmittel sei der Impfstoff zwar nicht, aber eine wichtige neue Waffe im Kampf gegen die tückische Krankheit neben Moskitonetzen und anderen Mitteln, fügte Halidou Tinto, der Leiter der klinischen Studie zur Wirksamkeit von RTS,S hinzu. Mit mehr als 200 Millionen US-Dollar hat die Bill & Melinda Gates Stiftung die Vakzinentwicklung unterstützt. EB

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