ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2013Interview mit Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, und Prof. Dr. med. Detlev Ganten, Präsident des World Health Summit: „Gesundheitsgipfel bietet ideale Basis für Internationalisierung“

WORLD HEALTH SUMMIT

Interview mit Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer, und Prof. Dr. med. Detlev Ganten, Präsident des World Health Summit: „Gesundheitsgipfel bietet ideale Basis für Internationalisierung“

Dtsch Arztebl 2013; 110(42): A-1964 / B-1734 / C-1694

Zylka-Menhorn, Vera

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Vom 20. bis 22. Oktober findet in Berlin der 5. World Health Summit (WHS) statt. Dort werden die drängendsten Aufgaben der globalen Gesundheitsversorgung diskutiert und Lösungsansätze entworfen. Eine Einschätzung der Bundes­ärzte­kammer

Wie beteiligt sich die Bundes­ärzte­kammer an Projekten der globalen Gesundheitsversorgung?

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Montgomery: Deutschland hat Mitverantwortung dafür, dass eine akzeptable Gesundheitsversorgung der Weltbevölkerung von sieben Milliarden Menschen möglich wird. Die Bundes­ärzte­kammer sieht sich somit in internationaler Verantwortung und teilt das Anliegen des World Health Summit. Konkret beteiligt sich die BÄK über den Weltärztebund und viele Partnerorganisationen der WHO – wie zum Beispiel dem Europäischen Forum der Ärztekammern – am Aufbau funktionierender Gesundheitssicherungssysteme in Ländern, die sich im Aufbruch befinden.

Wie kommen Diskussionen und Ergebnisse des World Health Summit bei der deutschen Ärzteschaft an?

Montgomery: Noch kommen die Themen des World Health Summit wenig bei den deutschen Ärztinnen und Ärzten an. Das kann sich aber ändern. Man muss sich nur auch einmal von der Vorstellung lösen, dass die großen Themen internationaler Verflechtung und Zusammenarbeit unmittelbar und direkt Auswirkungen auf den einzelnen Arzt haben. Denn auch der World Health Summit kann nur ein kleines Rädchen in einem großen Getriebe sein.

Dennoch glaube ich, dass in Zukunft eine Initiative oder eine neue Idee, die auf dem Gesundheitsgipfel in Berlin geboren wurde, in der peripheren Versorgung ankommen wird. Meines Erachtens sollten die ehernen Visionen und die Exklusivität des World Health Summit mit dem Machbaren verbunden werden. So würde ich mir wünschen, dass Themen wie die Gesundheitsprävention stärker aufgegriffen werden.

Rudolf Virchow schrieb 1848: „Medizin ist eine soziale Wissenschaft und die Politik ist nichts weiter, als Medizin im Großen“. Erreichen Medizin und Forschung die Politik überhaupt in ausreichendem Maße?

Montgomery: Auf nationaler Ebene erreichen Medizin, Forschung und Lehre schon die Politik – es ist aber eine immer wieder spannende Frage des eigenen Standpunktes, ob diese Durchdringung „ausreichend“ ist. Auf jeden Fall wird sich die Ärzteschaft in Zukunft noch eindringlicher auch mit den politischen Rahmenbedingungen der Gesundheitswirtschaft und des Gesundheitswesens insgesamt beschäftigen müssen. Wir wollen als Ärzteschaft nicht mehr nur die Verwaltung des politisch oktroyierten Mangels übernehmen; wir wollen vielmehr aktiv, argumentativ an der Vermeidung des erkennbar vor uns stehenden Mangels mitwirken.

Kämpfen für eine bessere Gesundheitsversorgung national wie international: Frank Ulrich Montgomery und (links) und Detlev Ganten. Fotos: BÄK
Kämpfen für eine bessere Gesundheitsversorgung national wie international: Frank Ulrich Montgomery und (links) und Detlev Ganten. Fotos: BÄK

Die Qualität der Gesundheitsversorgung wird stark von Finanzfragen geprägt. Welchen Einfluss haben Wissenschaft, Forschung und Ausbildung in diesem Zusammenhang?

Ganten: Eine gute Gesundheitsversorgung gibt es natürlich nicht zum Nulltarif. Aber das bestehende System kann auch nicht weiter in der gewohnten Art darauf warten, dass die Menschen krank werden und anschließend teuer versorgt werden müssen. Es muss eine Transformation dieses „Krankensystems“ in ein von Vorsorge geprägtes „Gesundheitssystem“ geschehen. Das würde die Kosten deutlich verringern und viele Erkrankungen mit ihren individuellen Lasten vermeiden. Darüber hinaus bieten viele neue Ansätze in Forschung und Medizin auch neue Möglichkeiten, gesundheitliche Schäden direkter anzusprechen und effektiver zu behandeln und ihnen am besten gleich vorzubeugen.

Montgomery: Wissenschaft, Forschung und Bildung sind prinzipiell die idealen Partner, um das Niveau der Gesundheit und der Gesundheitssysteme zu erhalten und zu verbessern, so wie der Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, als Schirmherr des World Health Summit, betont. Schön wäre es aber, wenn diesen hehren Worten auch immer die entsprechenden Taten folgen würden.

Leider ist in der EU-Kommission die Tendenz zu erkennen, die europäischen Gesundheitssysteme anzugleichen. Obwohl der Vertrag von Lissabon ausdrücklich die Harmonisierung der Sozialsysteme ausschließt, ist die Kommission an vielen Gesundheitsthemen aktiv und befördert eine Politik der Angleichung. Diese führt natürlich in einem höchstentwickelten System wie Deutschland zum Risiko des Abbaus hoher Qualität, hoher Sicherheit und hoher Standards. Ein Beispiel hierfür sind die Entwürfe der Berufsanerkennungsrichtlinie und die Verordnung über klinische Prüfungen.

Der mögliche Aktionsradius von Ärzten gegenüber ihren Mitmenschen endet oft dort, wo keine finanzielle Abdeckung gewährleistet ist – zum Beispiel im Falle nicht ausreichender Kran­ken­ver­siche­rung. Wie sollte damit umgegangen werden?

Ganten: Leistungen müssen bezahlt werden und bezahlbar sein. Kein Krankenhaus, keine Praxis und keine Pflegekraft kann überleben, ohne für die geleistete Arbeit auch finanziert zu werden. Dies darf aber nicht auf dem Rücken notleidender Patienten ausgetragen werden. Es wird kein funktionierendes Gesundheitssystem geben ohne Solidarität in und mit der Gesellschaft. Deshalb ist es zum einen wichtig, eine gute Versicherung zu gewährleisten.

Dies ist zum Beispiel ein Thema des viel diskutierten WHO-Konzeptes der „Universal Health Coverage“ oder von „Obamacare“ in den USA. Zum anderen muss diskutiert werden, wie sich der Staat in einer solchen Situation aufstellt.

Montgomery: In der Vergangenheit trat dieses Problem vorrangig in der Behandlung sogenannter Papierloser auf. Es wird jedoch auch zunehmend zu einem Problem gegenüber Bürgern der EU, die ohne ausreichenden Versicherungsschutz Tätigkeiten im europäischen Raum aufnehmen und dann im Gastland erkranken. Hier ist eine EU-weite, einvernehmliche Lösung dringend erforderlich, die das Problem von den Schultern der Akteure im Gesundheitssystem nimmt und die altruistisch Handelnden nicht mit den materiellen Folgen alleine lässt.

In Ländern wie Griechenland hat die desolate wirtschaftliche Lage einen messbar schlechten Einfluss auf die Gesundheit der Menschen. Wie lässt sich dies in Einklang mit der sozialen Verantwortung der Ärzteschaft bringen?

Montgomery: Wir Ärzte sind erschüttert, dass in einem Mitgliedsland der EU derartige Versorgungsengpässe auftreten können. Aber Sinn der EU kann es nicht sein, jetzt auf private oder gesellschaftlich organisierte Hilfe allein zu bauen. Es kann der EU nicht nur um die Rettung der Banken und Investoren gehen – die Menschen müssen im Vordergrund stehen mit ihren Bedürfnissen.

Dabei ist es aber auch legitim, eine Eigenleistung bei der Überwindung der Krise mindestens von denjenigen zu fordern, die durch ihr Verhalten den Zusammenbruch der Nationalökonomie Griechenlands bewirkt haben. Auch wenn Ärztinnen und Ärzte in Griechenland in Erfüllung ihres Eides aufopferungsvoll arbeiten, kann eine Lösung nur auf politischer Ebene und gemeinsam erreicht werden.

Wie gut ist Deutschlands Ärzteschaft auf die wachsende Internationalisierung vorbereitet?

Montgomery: Schon seit vielen Jahrzehnten betreiben wir regen internationalen Wissenschaftsaustausch. Der geht immer in zwei Richtungen: zu uns und von uns weg. Beides funktioniert. Hinzu kommen staatlich initiierte nationenübergreifende Kooperationen, die Zusammenarbeit in der EU und in der WHO. Wir sind da gut aufgestellt – und es gehört dennoch zum guten Ton, eine noch weitergehendere Intensivierung dieses Prozesses einzufordern. Dazu bietet der World Health Summit eine ideale Basis.

Das Interview führte
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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