ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1996Humanitärer Einsatz im Kosevo-Klinikum: Deutsche Ärzte leisten Hilfe in Sarajevo

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Humanitärer Einsatz im Kosevo-Klinikum: Deutsche Ärzte leisten Hilfe in Sarajevo

Echtermeyer, Volker; Bühler, Matthias; Dietzen, Wolfgang; Fabius-Börner, Adelheid; Durbic-Wesseler, Janja

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LNSLNS Nach dem Markthallen-Massaker in Sarajevo im August vergangenen Jahres wurde auf Initiative des Auswärtigen Amts ein Ärzteteam zusammengestellt, das die Arbeit im Kosevo-Klinikum unterstützen sollte. Die Berichte über den humanitären Einsatz der deutschen Ärzte vom 3. bis zum 17. September 1995 haben dazu beigetragen, daß mittlerweile die medizinische Unterstützung bis Juni 1996 gewährleistet ist. Denn auch nach dem Friedensabkommen von Dayton hat sich die schwierige Arbeitssituation im Klinikum kaum verändert. Im folgenden Artikel schildern die Teilnehmer ihre Erfahrungen aus dem ersten Sarajevo-Einsatz.


Unser Ärzte-Team aus der Unfallchirurgischen Klinik am Klinikum Minden, der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Frankfurt am Main und dem Universitätsklinikum Essen reiste von Frankfurt aus über Zagreb nach Split. Dort rüstete die Bundeswehr uns mit schußsicheren Westen und Stahlhelmen aus, bevor es in gepanzerten Fahrzeugen über Mostar nach Sarajevo weiterging. Am 5. September wurden wir im KosevoKlinikum empfangen. Das Klinikgelände war zum Teil völlig zerstört. Alle Gebäude waren beschädigt, viele Fensterscheiben fehlten und waren, wie fast überall in der Stadt, mit undurchsichtiger UNHCR-Folie verhängt. Das gesamte Inventar der Kliniken war reparaturbedürftig.
Wir wurden überwiegend in den Kliniken für Unfallchirurgie und Orthopädie, Plastische Chirurgie und Neurochirurgie eingesetzt. Überall fehlten Ärzte und Pflegepersonal. Am stärksten betroffen war die Abteilung für Anästhesiologie, in der vor Kriegsbeginn mehr als 60 und mittlerweile nur noch 12 Ärzte arbeiteten. Dem Klinikpersonal war etwa drei Jahre lang kein Gehalt gezahlt worden; erst seit Juni 1995 gab es 50 DM monatlich. In den Kliniken für Unfallchirurgie und Orthopädie fehlte es an nahezu allem. Es gab weder genügend Verbandmaterial noch Desinfektionslösungen, Antibiotika, OP-Kleidung, Lagerungshilfen oder Orthesen. Anästhesieüberwachungsgeräte waren entweder nicht ausreichend oder nur in ungenügendem Zustand vorhanden.


Ärzte sind gezwungen zu improvisieren
Aufgrund des extremen Mangels an Anästhesiepersonal konnten die beiden Anästhesistinnen von Anfang an eigenverantwortlich arbeiten. Wir, die drei Unfallchirurgen, assistierten zunächst. Nachdem wir das Vertrauen der Kollegen in der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Plastische Chirurgie erworben hatten, wurden uns zunehmend eigenverantwortliche Eingriffe großer und größter Schwierigkeitsgrade überlassen. War der Bedarf an Hilfsmitteln schon bei der klinischen Visite deutlich geworden, waren wir im Operationssaal gezwungen zu improvisieren, Implantate verschiedener Hersteller zu kombinieren und uns an Bedingungen anzupassen, unter denen unsere Kollegen in Sarajevo seit Jahren arbeiteten. Angesichts der materiellen Defizite wurden wir sehr zurückhaltend in unserer Kritik, was notwendige Stellungskorrekturen oder erforderliche Verfahrenswechsel betraf.
Acht Tage vor unserem Eintreffen waren die überlebenden Opfer des Markthallen-Massakers in der Klinik primär versorgt worden. Rund 100 Patienten, die bereits tot eingeliefert oder in der Klinik gestorben waren, hatte man unmittelbar vor dem Klinikgelände begraben. Die physische und psychische Erschöpfung der Ärzte und des Pflegepersonals war offenkundig.
Immer wieder haben wir schriftlich festgehalten, was in der Klinik fehlte. Auf dieser Basis wurde im Auftrag der Deutschen Botschaft in Sarajevo ein Bedarfsplan erstellt, der mit den Mitarbeitern der Unfallchirurgischen Klinik abgestimmt wurde. Unabhängig davon haben wir eine Hilfssendung organisiert, um den größten Mangel an Medikamenten, Desinfektionslösungen, OP-Wäsche und vor allem an chirurgischen Instrumenten zu beheben. Die Sendung mit einem Materialwert von rund 250 000 DM wurde vom Auswärtigen Amt finanziert. Verbandmaterial und Instrumentarium trafen zusammen mit einem Strom-Aggregat und einer Medikamentenlieferung für die Kinderklinik nach unserem Einsatz im Kosevo-Klinikum ein.


Atypisches Vorgehen bei Kriegsverletzungen
Neben der Sekundärversorgung der Verletzten des Markthallen-Massakers mußten wir viele Frischverletzte behandeln, die von Heckenschützen angeschossen worden waren. Wenn auch die Versorgungsprinzipien bei Unfall- und Kriegsverletzten gleich sind, so ist doch das Verletzungsmuster völlig unterschiedlich. Schwerste Knochen- und Weichteilzertrümmerungen zwingen oft zu atypischem Vorgehen, um Extremitäten überhaupt erhalten zu können. Die krankengymnastische Nachbehandlung war nur in Einzelfällen möglich, automatisierte Bewegungsschienen fehlten völlig.
Während unseres Aufenthalts in Sarajevo normalisierte sich der Alltag allmählich. Seit Öffnung der Straße über den Flughafen hatte sich das Versorgungsangebot verbessert, und die Preise begannen zu sinken. Auch die Verkehrsbetriebe arbeiteten wieder rudimentär. Strom gab es während unseres Aufenthalts jedoch nur etwa alle vier Tage für wenige Stunden, meist nachts. Je Haushalt war die Entnahme von lediglich drei Kilowatt gestattet. Die Gasversorgung funktionierte nicht, und Wasser mußte am Brunnen oder an Quellen geschöpft werden. Da es kaum Brennholz gab, waren die meisten Alleen der Stadt abgeholzt. Auch Parkbänke, Parkett, Bücher und anderes brennbares Material wurden verheizt.
Obwohl sich die Gefahr durch Heckenschützen erheblich verringert hatte, wurden wir von Mitarbeitern des Klinikums immer wieder darauf hingewiesen, Straßen und Plätze zu meiden, die von den Tschetniks gut einsehbar waren. Trotz der bitteren Kriegserfahrung, dem Mangel an Nahrungsmitteln und Geld, sind wir mit einer Gastfreundschaft aufgenommen worden, die uns tief beeindruckt hat.


Hilfe braucht Kontinuität
Um die Engpässe bei der Patientenversorgung zu überbrücken und die Ärzte vor Ort zu unterstützen, hat die Johanniter-Unfallhilfe zusammen mit der Organisation Help am 1. November 1995 ein zweites Ärzte-Team nach Sarajevo entsandt, einen Chirurgen aus Neubrandenburg und einen Anästhesisten aus Bonn. Beide Ärzte arbeiteten einen Monat lang am Klinikum. Obwohl sich die Lebensumstände im Vergleich zum ersten Einsatz leicht entspannt hatten, fehlte es im Klinikum nach wie vor an Medikamenten und medizinischem Verbrauchsmaterial. Dr. med. Peter Schulz aus Neubrandenburg, Mitglied des zweiten Ärzte-Teams, hat bestätigt, daß die Ärzte des Kosevo-Klinikums trotz des Friedensabkommens längerfristige personelle und materielle Unterstützung benötigen. Im Vergleich zu unserem Einsatz im September hat sich an der Alltagssituation also kaum etwas verändert.
Für Dezember stellte das Auswärtige Amt erneut Finanzmittel zur Verfügung, die einen dritten Einsatz von drei Ärzten am Kosevo-Klinikum ermöglichten. Derzeit bereitet die Johanniter-Unfallhilfe die längerfristige Entsendung von bis zu drei Ärzten nach Sarajevo vor. Der Einsatz, der von Januar bis Juni 1996 geplant ist, soll aus EG-Mitteln finanziert werden. Außerdem wurde eine Nahrungsmittelhilfe für die Kosevo-Klinik bewilligt, da viele der Patienten akut unterernährt sind.


Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Volker Echtermeyer
Klinikum Minden
Postfach 33 80
32390 Minden

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