ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1998Häusliche Pflege: Zwischen Liebe und Überdruß

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Häusliche Pflege: Zwischen Liebe und Überdruß

Freye, Reimund

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LNSLNS Psychische Belastungen bei pflegenden Angehörigen sind groß; sie müssen jedoch kein Hindernis sein, einen Angehörigen in der häuslichen Gemeinschaft zu betreuen.
in Mensch aus der Familie wird pflegebedürftig. Jetzt, wo er Hilfe braucht, möchte ihn niemand allein lassen. Doch ahnt der Angehörige, der sich für die persönliche Pflege entscheidet, was auf ihn zukommt? Viele Probleme, die in dieser Situation entstehen, können durch vorherige Information vermieden werden. Der Arzt muß nicht nur darüber entscheiden, wie er sich seinen eigenen Angehörigen gegenüber in einer solchen Situation verhält, sondern seine guten Tips sind auch bei Patienten gefragt.
In der Bundesrepublik sind im häuslichen Bereich 1,1 Millionen Menschen pflegebedürftig. Davon benötigen mehr als 100 000 Menschen Tag und Nacht Fürsorge. Für einen pflegebedürftigen Menschen bedeutet die Betreuung durch einen Angehörigen vor allem auch seelische Unterstützung, wenn er sich in eine völlig neue Situation einleben muß. Der Angehörige selbst fühlt sich verpflichtet: "Das ist doch selbstverständlich" oder: "Das bin ich meinem Vater schuldig" lauten die Begründungen für das eigene Engagement. Zudem erleichtert die Inanspruchnahme von Pflegegeld die Entscheidung, den Beruf ganz oder teilweise aufzugeben. Der Angehörige - meistens Tochter oder Ehefrau - übernimmt die Pflege zunächst ohne Vorbehalt. Erst im Laufe der Zeit spürt sie, wie sehr die eigene Person, die eigenen Lebenswünsche und -ziele eingeschränkt werden.
Falsche Erwartungen
Der Zeitraum der Pflegebedürftigkeit wird zu Anfang oft falsch eingeschätzt: was zunächst nach einer kurzen Überbrückungszeit aussieht, stellt sich schon bald als Aufgabe ohne absehbares Ende heraus. Der pflegende Angehörige verschiebt seine eigenen Zukunftspläne immer wieder, bis sie schließlich in einer fernen Zukunft als Phantome verschwinden. Die Zeitintensität der Pflege kann den Angehörigen zuweilen ganz in Anspruch nehmen; die eigene Person muß immer mehr in den Hintergrund gedrängt werden.
Eine andere wichtige Frage ist: Bis zu welchem Grad der Pflegebedürftigkeit kann der Angehörige die anfallenden Arbeiten verrichten? Die Konfrontation mit Ausscheidungen fällt vielen - auch nach einer Eingewöhnungsphase - sehr schwer. Ein möglicherweise aufkommender Ekel wird unterdrückt; Scham, solches überhaupt zu empfinden, läßt keinen Platz für derartige Gefühle.
Hinzu kommt eine Überlagerung verschiedenster Gefühle, die durch die Pflege einer Person aus dem engsten Familienkreis entsteht. Werden im Alltagsleben menschliche Beziehungen durch Rollenzuweisungen vereinfacht, so werden sie in der Pflegesituation erheblich in Frage gestellt und nicht selten umgekehrt. Dem Vater, dem mit einer gewissen Achtung begegnet wurde, muß nun bei banalen und gegebenenfalls intimen Alltagsverrichtungen geholfen werden. Der Körper des Ehepartners, der einst Begehren auslöste, verursacht nun womöglich sogar Abscheu. Die Gefühle des pflegenden Angehörigen werden beträchtlichen Schwankungen und Wandlungen unterworfen, die dem Pflegebedürftigen, meist unbewußt, zur Last gelegt werden.
Die Spannungen, die daraus entstehen, verlaufen unterschwellig. Sie entladen sich zuweilen in unkontrollierbaren Wutausbrüchen: "Wenn ich nicht zweimal am Tag mit meiner Mutter rumbrülle, überstehe ich es nicht", so ein typischer Ausspruch der überlasteten Tochter. Der Teufelskreis: Nach dem Anbrüllen stellen sich sofort wieder Schuldgefühle ein, die eine vermehrte Bemühung um die eben noch beschimpfte Person zur Folge haben. Die Aggression entstand aber gerade, weil die pflegende Person in einem Netz aus Verpflichtungen gefangen ist.
Die eigene Person befragen
Die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten müssen aber kein unüberwindbares Hindernis darstellen, einen Angehörigen in der häuslichen Gemeinschaft zu betreuen. Die Familie ist immer noch der größte Pflegedienst der Gesellschaft: 80 Prozent der behinderten Menschen in Deutschland werden zu Hause gepflegt, und es gibt viele Gründe - humanitäre wie auch finanzielle -, diesen Sektor im Pflegenetz weiter auszubauen.
Wenn es darum geht, eine Pflege zu übernehmen, kann der Arzt bereits im Vorfeld mit seinen Patienten Sachverhalte klären, die einer Selbstverständigung dienen. Wer die Pflege übernehmen will, muß sich und anderen gegenüber folgende Fragen ehrlich beantworten.
- Kann und will ich die Pflege, jenseits moralischer Verpflichtung und gesellschaftlichem Druck, wirklich übernehmen?
- Wo ist meine persönliche Grenze in bezug auf Scham- oder Ekelgefühle?
- Welche zeitliche Belastung für welchen zu erwartenden Zeitraum kommt auf mich zu?
- Wieweit helfen andere Angehörige bei der Pflege? (Auf detaillierte Aufgabenzuweisung pochen.) !
- Wie groß ist die Einschränkung meiner persönlichen Freiheit? Muß ich die Arbeit aufgeben, die Wohnung umbauen oder umziehen? Kann ich damit leben?
Wenn sich der Angehörige für die Pflege entscheidet, sollte der Arzt darauf hinweisen, wie wichtig ein genau umrissener Zeitraum für die Freizeit ist. Die Akzeptanz auf seiten des Pflegebedürftigen ist allemal höher, wenn er von Anfang an weiß, daß die pflegende Person ihm zu bestimmten Zeiten nicht zur Verfügung steht.
In aller Regel werden auch von den ortsansässigen Pflegeversicherungen Beratungsgespräche angeboten. Der Arzt kann die entsprechenden Termine als besonderen Service seiner Praxis in Form eines Merkzettels an seine Patienten weiterreichen. Es ist empfehlenswert, eine solche Beratung selber einmal in Anspruch zu nehmen. Nicht nur können die dort gewonnenen, zusätzlichen Informationen an die Patienten weitergegeben werden, sondern der Arzt steht wahrscheinlich selber einmal vor dem Problem, ob und wie er seine Eltern pflegen soll.
Alle Möglichkeiten in Erwägung ziehen
In der Beratung ist ebenfalls die Frage zu klären, ob und in welchem Maße ein ambulanter Pflegedienst hinzugezogen wird. Die 11 000 Pflegedienste in der Bundesrepublik Deutschland bieten ihre Dienste auch als professionelle Ergänzung der privaten Betreuung an. So ist es beispielsweise möglich, Tätigkeiten, die der Angehörige ungern verrichtet, auf den ambulanten Dienst zu verlagern. Über eine finanzielle Unterstützung durch die Pflegeversicherung informiert der ambulante Dienst oder eine Beratungsstelle der gesetzlichen Krankenkassen.
Ein Heimaufenthalt gilt vielen Angehörigen als absolutes Tabu. Dabei kann er möglicherweise die - auch für den Pflegebedürftigen - bessere Lösung darstellen. Wenn die Beziehung zwischen dem Pflegebedürftigen und dem Pflegenden durch eine Überlastung den Leidensdruck des Gepflegten unerträglich macht, kommt zu der vorhandenen Behinderung noch die, mehr oder minder verdeckte, Ablehnung und Aggression der Person hinzu, die ihm vielleicht am nächsten steht. Erst eine Versorgung im Heim verschafft dem Angehörigen den Freiraum, sich auf den Hilfsbedürftigen angemessen einzustellen.
Die Überlastungen, die durch eine nicht genügend durchdachte Pflegesituation entstehen können, werden allmählich immer offenkundiger. Das Notruf-Telefon des Fördervereins Gerontopsychiatrie e.V. "Bonner Initiative gegen Gewalt im Alter" schrillt häufiger, als den Initiatoren lieb ist (Förderverein: Münsterstraße 21, 53111 Bonn, Telefon 02 28/69 68 68). Psychische und physische Gewalt gegen alte Menschen in ihren eigenen vier Wänden geht oftmals von deren Nächsten aus. Was aus Liebe und Zuneigung begonnen wurde, landet in der Sackgasse von Wut und Aggression. Nicht zu unterschätzen ist dabei die Geduld, die pflegebedürftige Menschen in Anspruch nehmen. Die gutmeinenden Helfer werden so selber hilflos, und es kommt im extremsten Fall sogar zur Gewaltanwendung.
Durch die demographische Verschiebung werden in zunehmendem Maß Probleme der häuslichen Pflege akut. Die Angehörigen stolpern oftmals lediglich durch Naivität in eine Situation, die sie dann nicht mehr bewältigen können. Der Arzt, der häufig Einblick in die Krankheitsgenese der Familienmitglieder hat, kann bereits in einem frühen Stadium auf Problemfelder und entsprechende Beratungsstellen hinweisen. In jedem Fall sollte er klarstellen, daß nur, wenn die Situation für den pflegenden Angehörigen erträglich gestaltet wird, dieser dem Pflegebedürftigen die menschliche und seelische Unterstützung zukommen lassen kann, die jener dringend benötigt. Reimund Freye
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