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Die Thematik „Adoleszenz, Hirnentwicklung und psychische Störungen“ ist für die Kinder- und Jugendpsychiatrie von hoher Bedeutung, weil die Früherkennung psychischer Störungen (Prodromalsymptome) und die Abgrenzung von „normalen“ pubertätstypischen Auffälligkeiten nicht immer einfach ist und Risiken in zwei Richtungen generiert: einerseits Überinterpretation von „normalen“ Auffälligkeiten und deren Pathologisierung, die gerade in dieser Lebensphase, in der es um Findung einer eigenen Identität geht, und die mit einer hohen Suggestibilität einhergeht, das Risiko birgt, dass Jugendliche eine Diagnose als eigene Identität annehmen, iatrogene Fehlentwicklungen Folge sein können. Andererseits die folgenreiche Bagatellisierung von Prodromalsymptomen im Sinne von „das wächst sich aus“. Es ist daher eine alle Facetten einbeziehende fachlich profunde Diagnostik notwendig, um eine angemessene Behandlung einleiten zu können. „Frühschüsse“ können, ebenso wie zu langes Zuwarten, fatal sein. Eine psychische Erkrankung kann bei Nichtbehandlung, insbesondere in der sensiblen Adoleszenzphase, schwerwiegende Folgen für die weitere Hirnentwicklung haben. Eine falsche Symptomeinordnung, zum Beispiel alterstypische Stimmungsschwankungen, jugendtypische narzistische oder histrionische Muster als psychiatrische Erkrankung zu diagnostizieren und pathologisierend zu fokussieren, kann ebenso fatale Folgen für die weitere Hirnentwicklung haben, weil zum Beispiel Psychopharmaka in relevante Hirnprozesse eingreifen und gegebenenfalls Störungen generieren können. Auch das Selbstverständnis, psychisch erkrankt zu sein, kann Folgen für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und damit für die Hirnentwicklung haben.

Mein Plädoyer: Zeit nehmen für intensive Diagnostik unter Einbezug der familiären Dynamik/des Lebensumfeldes. Im Fall einer klaren Diagnosestellung auch mutig sein und konsequent behandeln. Bei unsicherer Diagnose sollten regelmäßige fachärztliche Nachuntersuchungen/ Medikationsauslassversuche erfolgen. Ebenso sollte eine Kosten-Nutzen-Abwägung von Medikation gemeinsam mit dem Patienten zu verschiedenen Verlaufszeitpunkten erfolgen.

DOI: 10.3238/arztebl.2013.0732a

Giulio Calia

Kinder-, Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Tagesklinik Walstedde, Drensteinfurt

calia@tagesklinik-walstedde.de

Interessenkonflikt

Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

1.
Konrad K, Firk C, Uhlhaas PJ: Brain development during adolescence: neuroscientific insights into this developmental period. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(25): 425–31 VOLLTEXT
1.Konrad K, Firk C, Uhlhaas PJ: Brain development during adolescence: neuroscientific insights into this developmental period. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(25): 425–31 VOLLTEXT

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