ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2013Neuromolekulare Analogien
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Den Autoren der Übersichtsarbeit zur Hirnentwicklung in der Adoleszenz (1) sei ausdrücklich gedankt. Sie tragen mit ihrer Arbeit zu einem differenzierteren Umgang mit einem sensiblen Thema bei, welches zuweilen stark durch Vereinfachungen geprägt ist.

Ich stimme den Kernaussagen ausdrücklich zu, möchte aber noch einen weiteren Aspekt unterstreichen: Hinter den beschriebenen Reifungsprozessen und einer Asynchronizität ihrer Verteilung über den Kortex stehen parallel auch neuromolekulare Analogien, welchen wiederum auf der phänomenologischen Ebene zwei Pole oder „Grundbedürfnisse“ (das heißt Funktionen der Reifung) entsprechen – biologisch könnte man hier von „Sicherheit und Verbundenheit“ einerseits und „Autonomie und Freiheit“ andererseits sprechen (2). Während die unteren limbischen Ebenen früher ausreifen, werden die oberen beziehungsweise paralimbischen Areale erst später „reif“ und verlieren an Plastizität, was neurobiologisch wohl auch an der Wirkung dopaminerger Neuronengruppen im mesokortikalen Netzwerk liegt (2, 3).

Die endogenen Belohnungssysteme steuern nicht nur die affektiv-emotionale Konditionierung sowie die „Einprägung“ der entsprechenden Kontexte, sondern offenbar auch, wenngleich zeitlich versetzt, die soziale Integration und Kontrolle. Prinzipiell scheint jene Fähigkeit über die Adoleszenz hinaus erhalten zu bleiben, was für die Medizin hochrelevant ist, weil von jenen Belohnungsmechanismen sowie einer erst langsam ausreifenden Integrations- und Kontrollfähigkeit Entscheidungen zu Lebensstil und Gesundheitsverhalten über die gesamte Lebensspanne abhängen. Auch subjektive Lebensqualität und Lebenszufriedenheit scheinen hiervon beeinflusst (4). Interventionen zur Gesund­heits­förder­ung, nicht nur in der Jugendmedizin, sollten von jenem Wissen vermehrt Gebrauch machen (2, 4).

DOI: 10.3238/arztebl.2013.0732b

Prof. Dr. med. Tobias Esch

Neuroscience Research Institute,
State University of New York
College at Old Westbury sowie
Beth Israel Deaconess Medical Center,
Harvard Medical School
Boston, USA

tesch@bidmc.harvard.edu

Interessenkonflikt

Der Autor erhielt Gelder für von ihm initiierte Forschungsvorhaben von der Stiftung Humor hilft heilen, der Oberberg-Stiftung und dem Samueli Institute.

1.
Konrad K, Firk C, Uhlhaas PJ: Brain development during adolescence: neuroscientific insights into this developmental period. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(25): 425–31 VOLLTEXT
2.
Esch T: Die Neurobiologie des Glücks. Wie die Positive Psychologie die Medizin verändert. Stuttgart: Thieme 2012.
3.
Stefano GB, Bianchi E, Guarna M, et al.: Nicotine, alcohol and cocaine coupling to reward processes via endogenous morphine signaling: The dopamine-morphine hypothesis. Medical Science Monitor 2007; 13: RA91–102 MEDLINE
4.
Buchheim A, Viviani R, Kessler H, et al.: Changes in prefrontal-limbic function in major depression after 15 months of long-term psychotherapy. PLoS One 2012; 7: e33745 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Konrad K, Firk C, Uhlhaas PJ: Brain development during adolescence: neuroscientific insights into this developmental period. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(25): 425–31 VOLLTEXT
2.Esch T: Die Neurobiologie des Glücks. Wie die Positive Psychologie die Medizin verändert. Stuttgart: Thieme 2012.
3.Stefano GB, Bianchi E, Guarna M, et al.: Nicotine, alcohol and cocaine coupling to reward processes via endogenous morphine signaling: The dopamine-morphine hypothesis. Medical Science Monitor 2007; 13: RA91–102 MEDLINE
4.Buchheim A, Viviani R, Kessler H, et al.: Changes in prefrontal-limbic function in major depression after 15 months of long-term psychotherapy. PLoS One 2012; 7: e33745 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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