ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2013Methodische Probleme bei den genannten Studien
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Die Infragestellung von Hydroxyethylstärke (HES) zur Volumentherapie kritisch Kranker (1) basiert fast ausschließlich auf den Ergebnissen der 6S- (2) und CHEST-Studie (3). In beiden Studien lagen vor der Randomisierung zentralvenöser Druck, zentralvenöse Sättigung, Urinausscheidung und Serum-Laktat-Konzentration sämtlich im von der Surviving Sepsis Campaign bei der initialen Therapie der Sepsis empfohlenen Bereich (4). Dies legt nahe, dass die Patienten zum Zeitpunkt der Randomisierung bereits hämodynamisch stabilisiert und normovolämisch waren. Das wäre nicht verwunderlich, denn Patienten der 6S-Studie (2) hatten vor Randomisierung durchschnittlich 3,0–3,5 L Flüssigkeit und 42 % dieser Patienten Kolloide erhalten. Damit lag in beiden Studien eine Kontraindikation für eine Volumentherapie mit HES vor. In keiner der beiden Studien waren die Flüssigkeitszufuhr standardisiert oder „goal-directed“ und die Kriterien für die Nierenersatztherapie a priori definiert, obwohl es sich dabei um eine sekundäre Outcome-Variable handelte. Die Daten der CHEST-Studie (3) belegen zudem keine statistisch vermehrte Nierenersatztherapie (relatives Risiko [RR], 1,20; 95-%-Konfidentintervall [KI], 1,00 bis 1,44; p = 0,05) und nach den RIFLE-Kriterien sogar eine eher geringere Nierenschädigung unter HES.

Gänzlich unerklärlich ist, warum in der CHEST-Studie (3) zwei hyperchloräme Lösungen zur Volumensubstitution bei kritisch kranken Patienten verwendet wurden, obwohl seit Langem bekannt ist, dass Chlorid ein renaler Vasokonstriktor ist. Selbst bei Gesunden kann die Infusion von NaCl zu einer 40%igen Abnahme der Nierendurchblutung führen (5). Wegen dieser (und weiterer nicht genannter) beträchtlichen methodischen Probleme erlauben die Ergebnisse beider Studien keinerlei Rückschlüsse auf die Wirksamkeit balanzierter HES-Lösungen, schon gar nicht bei hypovolämen, hämodynamisch instabilen Patienten, bei denen diese indiziert sind.

DOI: 10.3238/arztebl.2013.0735a

Prof. em. Dr. med. Hans-Joachim Priebe

Merzhausen

hans-joachim.priebe@uniklinik-freiburg.de

1.
Hartog CS, Welte T, Schlattmann P, Reinhart K: Fluid replacement with hydroxyethyl starch in critical care—a reassessment. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(26): 443–50 VOLLTEXT
2.
Perner A, Haase N, Guttormsen AB, et al.: Hydroxyethyl starch 130/0.42 versus Ringer’s acetate in severe sepsis. N Engl J Med 2012; 367: 124–34 CrossRef MEDLINE
3.
Myburgh JA, Finfer S, Bellomo R, et al.: Hydroxyethyl starch or saline for fluid resuscitation in intensive care. N Engl J Med 2012; 367: 1901–11 CrossRef MEDLINE
4.
Chowdhury AH, Cox EF, Francis ST, Lobo DN: A randomized, controlled, double-blind crossover study on the effects of 2-L infusions of 0.9% saline and Plasma-Lyte(R) 148 on renal blood flow velocity and renal cortical tissue perfusion in healthy volunteers. Ann Surg 2012; 256: 18–24 CrossRef MEDLINE
1.Hartog CS, Welte T, Schlattmann P, Reinhart K: Fluid replacement with hydroxyethyl starch in critical care—a reassessment. Dtsch Arztebl Int 2013; 110(26): 443–50 VOLLTEXT
2.Perner A, Haase N, Guttormsen AB, et al.: Hydroxyethyl starch 130/0.42 versus Ringer’s acetate in severe sepsis. N Engl J Med 2012; 367: 124–34 CrossRef MEDLINE
3.Myburgh JA, Finfer S, Bellomo R, et al.: Hydroxyethyl starch or saline for fluid resuscitation in intensive care. N Engl J Med 2012; 367: 1901–11 CrossRef MEDLINE
4.Chowdhury AH, Cox EF, Francis ST, Lobo DN: A randomized, controlled, double-blind crossover study on the effects of 2-L infusions of 0.9% saline and Plasma-Lyte(R) 148 on renal blood flow velocity and renal cortical tissue perfusion in healthy volunteers. Ann Surg 2012; 256: 18–24 CrossRef MEDLINE

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