ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2013Finanzierung der Hochschulmedizin: „Es ist fünf vor zwölf“

POLITIK

Finanzierung der Hochschulmedizin: „Es ist fünf vor zwölf“

Dtsch Arztebl 2013; 110(43): A-2000 / B-1768 / C-1732

Flintrop, Jens

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Extreme Kosten: Als Letztversorger von schwierigen und komplizierten Fällen haben Universitätsklinika einen signifikant höheren Anteil an den Extremkostenfällen. Foto: laif
Extreme Kosten: Als Letztversorger von schwierigen und komplizierten Fällen haben Universitätsklinika einen signifikant höheren Anteil an den Extremkostenfällen. Foto: laif

Der Verband der Universitätsklinika und der Medizinische Fakultätentag erneuern ihre Forderung nach einem Systemzuschlag für die Hochschulmedizin.

Die finanzielle Situation der 32 Universitätsklinika in Deutschland hat sich seit Beginn des Jahres weiter verschlechtert. Nach Umfragen des Verbands der Universitätsklinika (VUD) werden in diesem Jahr nur noch einige wenige Uniklinika ein positives Ergebnis erzielen. Unter denen, die Verluste schreiben, seien auch sehr angesehene Einrichtungen, berichtete der VUD-Vorsitzende Prof. Dr. med. Michael Albrecht am 15. Oktober beim Herbstforum der Deutschen Hochschulmedizin in Berlin: Insgesamt kumulierten sich die Verluste in den betroffenen Häusern im Jahr 2013 auf bis zu 100 Millionen Euro. Albrecht: „Mit Managementfehlern lässt sich diese Entwicklung in der Fläche sicher nicht erklären.“

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Der Medizinische Vorstand des Universitätsklinikums Dresden sieht die Uniklinika vielmehr systematisch unterfinanziert. Ein Systemzuschlag für die Hochschulmedizin sei deshalb überfällig: „Neben den Erlösen aus dem DRG-System und der Finanzierung von Investitionen durch die Länder muss eine dritte Säule aus Bundesmitteln und einem Zuschlag die Sonderaufgaben der Universitätsmedizin abdecken.“ Andere Länder hätten schon lange eine solche Zusatzfinanzierung für die besonderen Aufgaben ihrer Universitätskrankenhäuser. Zu diesen zählten neben der Ausbildung künftiger Ärztegenerationen vor allem die Versorgung besonders schwerer Erkrankungen und der Aufgabenverbund von Forschung, Lehre und Krankenversorgung.

Albrecht zog ein positives Fazit der vergangenen Monate, in denen sich die Hochschulmedizin konsequent für einen pauschalen Zuschlag eingesetzt hat: „Vorher haben wir auf Arbeitsebene eher kleinteilig diskutiert und wenig Gehör gefunden. Das ist jetzt anders.“ Den Auftakt machte im Januar ein Aufsatz im Deutschen Ärzteblatt (Heft 3/2013).

„Der Wissenschaftsrat, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und zentrale Akteure der Politik haben vor der Bundestagswahl festgestellt, dass wichtige Sonderaufgaben der Hochschulmedizin nicht ausreichend finanziert sind“, ergänzte Prof. Dr. rer. nat. Heyo Kroemer, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT). Nach der Wahl seien nun die Politiker in Bund und Ländern aufgerufen, über konkrete Lösungen zu sprechen. Das Gesundheitssystem sei auf eine funktionsfähige Hochschulmedizin angewiesen. Die „außerordentlich dramatische“ Finanzsituation gefährde aber diese Funktionsfähigkeit. „In unseren Einrichtungen ist es wirklich fünf vor zwölf“, sagte der Sprecher des Vorstands der Universitätsmedizin Göttingen: „Wenn wir noch bis 2019 diskutieren, werden wir eine Schadenssituation erreichen, die irreversibel ist.“

Das 2006 mit der Föderalismusreform verankerte Kooperationsverbot von Bund und Ländern müsse wieder fallen, forderte Kroemer: „Denn eine direkte strukturelle Förderung einzelner Einrichtungen der Hochschulmedizin durch den Bund ist seither ausgeschlossen.“ Viele Bundesländer kämen ihren Zahlungsverpflichtungen aber nicht ausreichend nach. Wenn dann noch die Schuldenbremse greife, ab 2016 für den Bund und ab 2020 für die Länder, werde das Geld für die Hochschulmedizin richtig knapp. Der MFT-Präsident sprach sich dafür aus, das im Grundgesetz (Artikel 91 b) verankerte Verbot der Hoch­schul­finan­zierung durch den Bund wieder zu streichen. Dafür wäre eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag notwendig. Da ist es eine gute Nachricht, dass Union und SPD nun Koalitionsverhandlungen miteinander führen wollen.

Jens Flintrop

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