ArchivDeutsches Ärzteblatt51-52/1998Moderne medikamentöse Glaukomtherapie

MEDIZIN: Die Übersicht

Moderne medikamentöse Glaukomtherapie

Pfeiffer, Norbert

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LNSLNS Das Glaukom ist in Deutschland die häufigste Ursache irreversibler Erblindung mit etwa 500 000 bis 800 000 betroffenen Patienten. Die meisten Patienten werden mit lokaler medikamentöser Therapie behandelt. Bisher standen drei Medikamentengruppen zur Verfügung: Pilocarpin, Adrenalinderivate und Betablocker. Mit letzteren wurden etwa 80 Prozent aller Glaukompatienten therapiert. Neuerdings sind drei neue Medikamentengruppen zur lokalen Behandlung hinzugekommen: lokale Carboanhydrasehemmer, Prostaglandine und Alpha-2-Agonisten. Alle senken den Augeninnendruck, jedoch über verschiedene Mechanismen. Der augeninnendrucksenkenden Wirkung stehen ungewöhnliche Nebenwirkungen gegenüber, welche ganz anders sind als bei den bisherigen Präparaten. Carboanhydrasehemmer führen zu Geschmacksveränderungen, Prostaglandine können die Farbe der Regenbogenhaut und die Form der Wimpern verändern, Alpha-2-Agonisten führen zur Blutdrucksenkung und Sedierung. Die große Zahl der Glaukompatienten und mögliche systemische Auswirkungen lokaler Therapie lassen eine Kenntnis dieser Medikamente auch beim Allgemeinarzt oder Internisten unumgänglich erscheinen.
Schlüsselwörter: Glaukom, Erblindung, okuläre Hypertension, medikamentöse Therapie


Modern Pharmacological Glaukoma Therapy
Glaucoma is the most frequent course of irreversible blindness in Germany with approximately 500000 to 800000 patients affected. Most glaucoma patients will currently be treated with topical medications. Until now three treatment options were available: pilocarpin, adrenaline and its derivatives, and beta-receptor-antagonists. The latter account for 80 per cent of all glaucoma treatments. Three new kinds of medications have been introduced recently: carbonic-anhydrase inhibitors, prostaglandins and alpha-2-agonists. These new drugs all lower intraocular pressure by different mechanisms, and their spectrum of side effects also differs from that known from current therapies. Carbonic-anhydrase inhibitors may induce an altered taste in 25 per cent of the patients. Prostaglandins can induce pigmentation of the iris as well as growth of eye lashes. Alpha-2-agonists lower systemic blood pressure and may lead to sedation. Due to the high number of glaucoma patients every physician should become aware of the possibility of systemic side effects under topical treatment.
Key words: Glaucoma, blindness, ocular hypertension, pharmacological therapy

Das Glaukom ist weltweit eine der häufigsten Ursachen irreversibler Erblindung. Man versteht darunter eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, welche zu einer progressiven Schädigung des Sehnervenkopfes (Abbildung 1) und Verlust visueller Funktion führt. Diese wird am besten erfaßt durch die Gesichtsfeld-Prüfung, bei der sich von außen her beginnende Einschränkungen und fokale Ausfälle (Skotome) finden (Abbildung 2). Als wichtigster, jedoch nicht einziger Schädigungsfaktor in diesem Prozeß wird ein erhöhter Augeninnendruck (intraokularer Druck, IOD) angesehen. Man unterscheidet primäre und sekundäre Glaukomformen. Am weitaus häufigsten ist in Europa das primäre Offenwinkelglaukom. Primäre Winkelblockglaukome (Glaukomanfall) und das kongenitale Glaukom sind sehr viel seltener. Sekundäre Glaukome treten auf als Folge anderer Augen- oder Allgemeinerkrankungen, zum Beispiel Diabetes mellitus, Durchblutungsstörungen, bei lokaler oder systemischer Steroidbehandlung sowie nach okulärem Trauma oder Operation (9, 27). Es wird geschätzt, daß in Deutschland ein bis zwei Prozent aller über 40jährigen ein Glaukom haben. Dies entspräche etwa 500 000 bis 800 000 Patienten allein in Deutschland. Die Prävalenz nimmt mit dem Alter steil zu und beträgt bei den über 80jährigen etwa 14 Prozent. Etwa zehnmal häufiger ist die okuläre Hypertension, bei welcher der IOD über die Norm erhöht, ein Papillen- oder Gesichtsfeldschaden jedoch nicht nachweisbar ist. Auch heute noch erblinden etwa zehn Prozent aller Glaukomerkrankten (14).
Ursachen und Auswirkungen des Glaukoms
Erhöhter IOD entsteht beim Glaukom durch gestörten Kammerwasserabfluß aus dem Auge und führt durch mechanische Alteration des Sehnervs und/oder Störung der Durchblutung zum Sehnervenschaden. Schon lange ist der Zusammenhang zwischen erhöhtem IOD und Glaukomschaden bekannt. Weniger klar ist jedoch, ob die Senkung des IOD in allen Fällen einen Glaukomschaden aufhalten kann. Dabei spielt die Beobachtung eine Rolle, daß einerseits nicht jeder Patient mit okulärer Hypertension auch einen Glaukomschaden erleidet und es andererseits Patienten mit statistisch normalem IOD, jedoch typischem Glaukomschaden gibt (Normaldruckglaukom). Auch sind die Behandlungsergebnisse der IOD-Senkung nicht immer überzeugend. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, daß neben dem erhöhten IOD andere Faktoren, wie eine mangelnde Perfusion des Augapfels, zum Glaukomschaden beitragen können. Zudem ist man bisher möglicherweise von zu hohen Grenzwerten des IOD ausgegangen: Der mittlere IOD der Bevölkerung beträgt 15 mmHg. Als Normalbereich wurden von 9 bis 21 mmHg angegeben, was dem Doppelten der Standardabweichung nach unten und oben entspricht. Bisherige Glaukomtherapie hat in der Regel das Einhalten der oberen Normgrenze von 21 mmHg als Therapieerfolg angesehen. Mehrere Studien legen jedoch nahe, daß ein Schutz vor dem Fortschreiten eines Glaukomschadens erst beim Erreichen niedrigerer Normalwerte besteht (16, 29). Dieser sogenannte "Zieldruck" sollte um so niedriger sein, je niedriger der IOD war, bei dem ein Glaukomschaden eintrat. Daher können die Zieldrücke bei einzelnen Patienten durchaus bei 12 bis 15 mmHg liegen, während bei anderen Patienten höhere Werte tolerabel sind. Weitere Risikofaktoren für das Auftreten oder einen schwereren Verlauf des Glaukoms sind unter anderem nahe Verwandtschaft mit Glaukomerkrankten, Kurzsichtigkeit, Diabetes mellitus und Blutdruckstörungen sowie schwarze Rasse.
Therapiemöglichkeiten
Zur Senkung des erhöhten IOD stehen die medikamentöse Behandlung, Laserbehandlung oder Operation zur Verfügung. Man schätzt, daß in Deutschland über 90 Prozent aller Patienten mit Medikamenten behandelt werden. Laserbehandlung und Operation werden eher, jedoch nicht nur, fortgeschrittenen Glaukomfällen zugeordnet. Medikamentöse Therapie wird in der Regel als lokale Tropfentherapie ans Auge appliziert. Bisher standen hauptsächlich drei Medikamentengruppen für lokale Glaukomtherapie zur Verfügung: Parasympathomimetika, Sympathomimetika und b-Blocker. In den letzten zwei Jahren kamen gleich drei neue Therapieprinzipien dazu. Es handelt sich dabei um lokale Carboanhydrasehemmer, Alpha-2-Agonisten und Prostaglandine. Diese drei Gruppen werden den Einsatz der bisherigen Standardtherapien erheblich verändern. Die Kenntnis der medikamentösen Glaukomtherapie ist wegen der Häufigkeit der Glaukome und der möglichen systemischen Nebenwirkungen und Kontraindikationen auch für den Nicht-Augenarzt bedeutsam.
Bisherige medikamentöse Therapien
Parasympathomimetika
Wichtigster Vertreter dieser Gruppe ist das Pilocarpin, 1876 von Weber eingeführt. Drei- bis viermal täglich als Tropfen in den Bindehautsack appliziert, führt es zur Verbesserung des beim Glaukom gestörten Kammerwasserabflusses und senkt den IOD um etwa 25 Prozent. Nebenwirkungen sind bei allen Patienten die Pupillenverengung (Abbildung 3) mit gestörter Dunkeladaptation und bei jungen Menschen induzierte Kurzsichtigkeit durch Kontraktion des Ziliarmuskels. Durch Kontraktion glatter Muskelzellen in den Bronchien kann es bei disponierten Patienten zur Auslösung oder Verstärkung von Asthma kommen. Bislang erhielten etwa zehn Prozent aller Glaukompatienten in Deutschland Pilocarpin oder das synthetische Aceclidin (8). Wegen der erheblichen lokalen Nebenwirkungen wird Pilocarpin in Zukunft eher weniger verwendet werden. Das länger wirkende Carbachol spielt eine untergeordnete Rolle. Kaum noch verwendet werden wegen starker Nebenwirkungen Cholinesterasehemmer wie Neostigmin.
Sympathomimetika
Hauptvertreter dieser Gruppe war über lange Zeit das Adrenalin, welches, zweimal täglich appliziert, den IOD ähnlich senkt wie Pilocarpin. Die Gabe ist von initialer Vasokonstriktion und nach Stunden reaktiver Vasodilatation der konjunktivalen Bindehautgefäße begleitet (Abbildung 4). Auch kardiovaskuläre Nebenwirkungen durch systemische Resorption können die Anwendung dieser Substanzen limitieren.
Leider kommt es in einem erheblichen Prozentsatz zu Kontaktsensibilisierung und Allergie. Reduziert wurden diese Nebenwirkungen durch Einführung einer Pro-Drug-Formulierung (Dipivalylepinephrine, zum Beispiel dEpifrin): Verestertes Adrenalin wird dabei erst mit Penetration durch die Hornhaut in das aktive Adrenalin umgewandelt. Bislang erhielten etwa 10 Prozent der Glaukompatienten Adrenalinderivate (8).
b-Blocker
Betaadrenozeptoren blockierende Substanzen, kurz b-Blocker genannt, sind hinlänglich aus der Behandlung der systemischen Hypertonie bekannt. Die Beobachtung, daß sie bei systemischer Gabe auch den IOD senken, führte zu ihrer Verwendung zur Glaukombehandlung durch lokale Gabe. Die okulären Nebenwirkungen sind bis auf eine lokalanästhetische Nebenwirkung und Hervorrufen eines trockenen Auges eher gering. Jedoch stellte sich entgegen der ursprünglichen Annahme heraus, daß auch lokal gegebene b-Blocker grundsätzlich die gleichen Nebenwirkungen und damit Kontraindikationen aufweisen wie bei systemischer Gabe. So sind b-Blocker unter anderem kontraindiziert bei atrioventrikulärem Block II. Grades wegen der Gefahr des totalen AV-Blockes sowie bei Asthma. Durch lokale Anwendung von b-Blockern ist es unter diesen Patienten zu Todesfällen gekommen (3). Obwohl in Deutschland zahlreiche verschiedene b-Blocker zur Verfügung stehen, sind die Kontraindikationen für alle Substanzen dieser Klasse die gleichen. Weitere wichtige Nebenwirkungen sind zentralnervöse Störungen sowie die Maskierung einer Hypoglykämie bei Diabetikern durch Verhinderung des reaktiven Pulsanstieges. Störend ist auch die weitere Absenkung des Blutdruckes bei Hypotonie. Dennoch wurden bisher etwa 80 Prozent der Glaukompatienten mit b-Blockern behandelt.
Systemische Carboanhydrasehemmer
Carboanhydrasehemmer wurden mit Acetazolamid (zum Beispiel Diamox) 1954 in die Glaukombehandlung eingeführt. Sie mußten oral oder intravenös appliziert werden. Wirkmechanismus ist die Hemmung der Carboanhydrase im Ziliarkörperepithel des Auges, da die Carboanhydrase ein Schlüsselenzym für die Entstehung von Kammerwasser ist. Die Anwendung systemischer Carboanhydrasehemmer ist aber von erheblichen systemischen Nebenwirkungen begleitet, wie allgemeines Unwohlsein, Gewichtsverlust, Nierensteine, Hypokaliämie, selten Ateminsuffizienz, Verschlimmerung von Lebererkrankungen und aplastischer Anämie, sogar mit Todesfolge. Grund für dieses breite Spektrum an Nebenwirkungen ist die fast ubiquitäre Verteilung der Carboanhydrase im menschlichen Körper. Carboanhydrasehemmer wurden deshalb nur bei Kontraindikationen gegen Lokaltherapeutika oder der Notwendigkeit sehr schneller und zuverlässiger IOD-Senkung, wie etwa beim Glaukomanfall, eingesetzt.
Neue Glaukommedikamente
Lokale Carboanhydrasehemmer
Aufgrund der erheblichen systemischen Nebenwirkungen lag der Gedanke nahe, Carboanhydrasehemmer lokal zu applizieren und damit die systemischen Nebenwirkungen zu verringern. Die systemisch angewendeten Substanzen eigneten sich hierzu jedoch nicht, da sie nur ungenügend ins menschliche Auge penetrieren. 1995 wurde Dorzolamid (Trusopt®) eingeführt, ein carboanhydrasehemmendes Sulfonamid, dessen Molekülstruktur eine Penetration ins menschliche Auge erlaubt (22, 24). Dieses Medikament muß bei Monotherapie dreimal täglich appliziert werden und senkt den IOD in einem ähnlichen Maße wie b-Blocker (30); es kann bei manchen, jedoch nicht allen, Patienten systemische Carboanhydrasehemmer ersetzen (21). Lokale Nebenwirkungen umfassen passageres Verschwommensehen kurz nach Applikation, Augenbrennen und -stechen durch niedrigen pH-Wert sowie Allergien bei etwa fünf Prozent aller Patienten. Systemische Nebenwirkungen sind selten.
Lediglich bei niereninsuffizienten Patienten wird eine Entgleisung des Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushaltes für möglich gehalten. Eine Förderung der Nierensteinbildung ist wenig wahrscheinlich. Störungen der Blutbildung, wie aplastische Anämie, wurden bisher nicht beobachtet. Da ein Teil dieser Blutbildungsstörungen bei systemischen Carboanhydrasehemmern jedoch ein dosisunabhängiges Geschehen darstellt, ist mit solchen Störungen grundsätzlich auch nach lokaler Gabe zu rechnen. Warnhinweise könnten erhöhte Blutungsneigung (Thrombozytopenie), häufige Infektionserkrankungen (Agranulozytose) oder Blutarmut (Störung der Erythropoese) sein. Solche Symptome, die eher vom Hausarzt festgestellt werden dürften, müßten zum sofortigen Abbruch der Therapie führen.
Eine spezifische Nebenwirkung der lokalen Carboanhydrasehemmer ist häufig, aber harmlos: Etwa ein Viertel der Patienten stellt einen unangenehmen Geschmack nach Tropfeninstillation fest, vor allem beim Genuß von Getränken mit Kohlensäure. Die Carboanhydrase der Geschmackspapillen wird gehemmt, und man schmeckt nun das sonst schnell in Wasser und CO2 gespaltene Bicarbonat.
Alpha-2-Agonisten
In Deutschland steht mit Clonidin im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern ein Alpha-2-Agonist zur IODSenkung schon seit über 20 Jahren zur Verfügung. Clonidin senkt bei lokaler Gabe nicht nur den IOD, sondern auch den Blutdruck, vermittelt nach systemischer Resorption durch einen zentralnervösen Effekt. Blutdrucksenkende und sedierende Wirkung des Clonidin limitierten seine Anwendung. Neue Substanzen mit modifizierter Molekülstruktur respektieren die Bluthirnschranke stärker und weisen ein geringeres Nebenwirkungsspektrum auf (26). Zuerst eingeführt wurde das Apraclonidin (Para-Amino-Clonidin), welches seit drei Jahren in Deutschland zugelassen ist. Es ist bei chronischer Gabe etwa so wirksam wie der b-Blocker Timolol (28), seine Gabe ist jedoch, wie auch die anderer Sympathomimetika, mit einer hohen Allergierate belastet (Abbildung 5): Diese beträgt bei der 0,5prozentigen Konzentration etwa 19 Prozent (1), bei der einprozentigen Konzentration etwa 50 Prozent innerhalb eines Jahres (4). Das Medikament ist daher überwiegend schwierigen Glaukomfällen beziehungsweise der Kurzzeitbehandlung vorbehalten. Allergien können bei allen Ophthalmika vorkommen und auch gegen die beigefügten Konservierungsmittel gerichtet sein. Konservierungsmittelfreie Einzeldosisbehälter können hier hilfreich sein, wenn auch zu deutlich höherem Preis (10). Die neueste Entwicklung aus der Gruppe der Alpha-2-Agonisten ist Brimonidin (Alphagan). In der Wirksamkeit ist es dem b-Blocker Timolol vergleichbar (17). Die deutsche Zulassung erfolgte im letzten Jahr. Die Allergierate des Brimonidin ist deutlich niedriger als die des Apraclonidin. Systemische, vor allem sedierende Wirkungen sind wahrscheinlich geringer als die des Clonidin, so daß es im Wirkungs- und Nebenwirkungsspektrum zwischen Clonidin und Apraclonidin angeordnet werden kann (26). Interessant ist eine mögliche neuroprotektive Wirkung, deren Bedeutung beim Glaukom jedoch noch unklar ist (32).
Prostaglandine
Prostaglandine wurden ursprünglich auch aus der Iris als sogenannte "Irine" isoliert. Sie fungieren als Entzündungsmediatoren und werden bei der Iritis und Uveitis freigesetzt. Einer altbekannten Beobachtung entsprach, daß der IOD am von einer Uveitis betroffenen Auge häufig niedriger war als am Gegenauge. Während normalerweise über 80 Prozent des Kammerwassers über die Vorderkammer, Trabekelwerk und Schlemm-Kanal aus dem Auge herausfließen, verstärken Prostaglandine den Abfluß des Kammerwassers über ansonsten wenig bedeutende uveosklerale Abflußwege, also durch Aderhaut und Lederhaut. Physiologisch ist eine solche Reaktion wahrscheinlich sinnvoll: Durch Entzündung des Trabekelwerks bei der Uveitis kann der Abfluß durch das Trabekelwerk gestört sein. Zur Senkung des IOD eignen sich synthetische Prostaglandine, die überwiegend am Prostaglandin-FP-Rezeptor angreifen. Dieser vermittelt wahrscheinlich die IOD-senkende Wirkung, weniger die Entzündungsreaktion mit Hyperämie und Störung der Blutkammerwasserschranke (2, 5).
Zwei Prostaglandine sind zur Zeit kommerziell erhältlich: Latanoprost (Xalatan) wurde 1996 in Amerika, Schweden und England und im Juli 1997 in Deutschland eingeführt. Dieses Medikament muß nur einmal täglich gegeben werden, die Wirksamkeit entspricht oder übertrifft diejenige des b-Blockers Timolol. Das zweite Medikament, Unoprostone (Rescula), ein schwächeres Derivat, stand schon seit einigen Jahren, jedoch nur in Japan, zur Verfügung.
Lokale Nebenwirkungen von Prostaglandinen beinhalten Hyperämie und Entzündungsreaktion des Auges, beim disponierten Auge möglicherweise Entstehung eines Makulaödems. Eine spezifische Nebenwirkung der Prostaglandine ist jedoch eine Braunfärbung der Regenbogenhaut, und zwar insbesondere bei Augen mit Mischfarben. Vor allem bei grün-brauner und gelb-brauner Iris wurde in bis zu 50 Prozent ein Braunerwerden der Regenbogenhaut beobachtet (31). Zugrundeliegender Mechanismus der Dunklerfärbung ist mit Wahrscheinlich eine Vermehrung des Melaningehaltes der anterioren Melanozyten der Iris. Ein proliferativer, möglicherweise maligner Prozeß ist dagegen nach unseren histologischen Untersuchungen sehr unwahrscheinlich (23). Dennoch soll Latanoprost vorerst nur eingesetzt werden, wenn andere Medikamente nicht wirksam sind oder nicht vertragen werden.
Systemische Nebenwirkungen bei Lokaltherapie?
Warum können Augentropfen auch bei lokaler Gabe überhaupt systemische Nebenwirkungen hervorrufen (Tabelle)? Von einem Augentropfen wird nur ein Bruchteil durch Bindehaut und Sklera beziehungsweise durch die Hornhaut ins Auge aufgenommen. Ein größerer Teil wird durch oberes und unteres Tränenpünktchen in den Nasen-Rachenraum abgeleitet. Dort steht ihm eine große Schleimhautfläche zur schnellen Resorption zur Verfügung, der Rest wird geschluckt. Während Substanzen aus dem Magen-Darm-Trakt der Leberpassage und damit einem First-Pass-Effekt unterliegen, der bei b-Blockern etwa eine Metabolisierung zu zwei Dritteln bedeutet (13, 25), entfällt dieser Entgiftungsmechanismus für im Nasen-Rachen-Raum resorbierte Medikamente. Sie werden unter Umgehung des Leberkreislaufes direkt der systemischen Zirkulation zur Verfügung gestellt. Die Gabe von Augentropfen wurde deshalb mit einer langsamen intravenösen Injektion verglichen. Eine Kompression der Tränenpünktchen nach Tropfengabe kann die systemische Aufnahme von Augentropfen und Nebenwirkungen erheblich reduzieren (19). Diese Maßnahme ist in Abbildung 6 dargestellt.
Strategie der Glaukombehandlung
Ziel der Glaukombehandlung ist die Verhinderung der Progression von Papillen- und Gesichtsfeldschaden durch Senkung des meist über die Norm erhöhten IOD. Mit Diagnose des Glaukoms wird nach IOD-, Papillen- und Gesichtsfeldbefund die Behandlungsmodalität festgelegt werden. In den meisten Fällen wird mit medikamentöser Lokaltherapie begonnen. Dies ist aber nur dann sinnvoll, wenn man erwarten kann, damit den IOD auf Werte zu senken, die eine Progression des Glaukomschadens unwahrscheinlich machen. Eine Substanz senkt langfristig den IOD um etwa 20 bis 25 Prozent. Mittel der ersten Wahl sind b-Blocker; Pilocarpin und Adrenalin verlieren an Bedeutung und werden zunehmend durch die neueren Therapien ersetzt werden. Die Kombination verschiedener Therapieprinzipien (beispielsweise Reduktion der Kammerwasserproduktion mit Verbesserung des Abflusses) ist sinnvoll, jedoch nicht völlig additiv. Eine Limitierung der medikamentösen Behandlung ergibt sich oft durch Kontraindikationen und Nebenwirkungen, aber auch durch mangelnde Compliance: Das Glaukom ist wegen des langsamen und von außen fortschreitenden Gesichtsfeldverfalles eine praktisch asymptomatische Erkrankung. Erst im Spätstadium, wenn Erblindung nahe ist, werden Ausfälle bemerkt, Schmerzen oder Druckgefühl bestehen typischerweise nicht. Der Glaukompatient verspürt durch die Therapie zunächst nur Nachteile in Form von Nebenwirkungen und erkennt keinen Therapieerfolg. Daher ist es nicht überraschend, daß etwa die Hälfte aller Tropfen nicht wie empfohlen angewendet werden (12, 15, 18). Die Compliance erhöht sich jedoch um etwa ein Drittel mit dem Wissen, daß eine mögliche Glaukomfolge die Erblindung ist und drucksenkende Therapie protektiv sein kann. Leider bestehen in der Bevölkerung bisher nur geringe Kenntnisse über das Glaukom (20). Die Kontrolle der Behandlung geschieht nur vordergründig durch Kontrollen des IOD. Genauso wichtig jedoch ist zu überprüfen, ob das eigentliche Behandlungsziel, nämlich Bewahrung von Sehnervenkopf und Gesichtsfeld, erreicht wird. Je nach Erkrankungsstadium und Intensität sind in der Regel viermal jährlich Kontrollen des IOD, ein bis zweimal jährlich Gesichtsfeldkontrollen und in ein- bis zweijährigem Turnus Kontrollen der Papille sinnvoll, doch können andere Intervalle notwendig werden (6).
Behandlung des Normaldruckglaukoms
Häufig werden Allgemeinarzt oder Internist vom Augenarzt eines Patienten mit der Diagnose eines sogenannten Normaldruckglaukoms konfrontiert werden. Für seine Behandlung gibt es bisher noch keine verbindlichen Therapierichtlinien. Meist wird sich der IOD zwar im statistisch normalen Bereich, jedoch an dessen oberer Grenze befinden. Erste Maßnahme ist daher in der Regel die Senkung des IOD auf niedrig normale Werte, etwa von 20 auf 12 mmHg (11). Bei einigen Patienten, vor allem relativ jungen Patientinnen mit vasospastischer Disposition, Migräne, Raynaud-Phänomen oder niedrigem Blutdruck, wird jedoch ein IOD-unabhängiger Mechanismus postuliert. Unter der Vorstellung, daß eine vasospastische Komponente oder gestörte Perfusion eine Rolle spielen, wurden Kalziumantagonisten oder Magnesium zu deren Behandlung vorgeschlagen (7). Einige Pilotstudien zeigten einen positiven Effekt solcher Behandlung; größere Studien müßten allerdings noch zeigen, ob dieses eigentlich rationale Therapiekonzept einer wissenschaftlichen Prüfung standhält. Gerade auch beim Normaldruckglaukom ist die Zusammenarbeit von Augen- und Allgemeinarzt oder Internist zur Abklärung und Behandlung von Durchblutungsstörungen oder Hypotonie sehr wünschenswert.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 1998; 95: A-3292-3297
[Heft 51-52]
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über die Internetseiten (unter http://www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Norbert Pfeiffer
Universitäts-Augenklinik Mainz
Langenbeckstraße 1 · 55131 Mainz


Tabelle Typische Nebenwirkungen lokaler Glaukommedikamente
Substanzgruppe lokale Nebenwirkungen systemische Nebenwirkungen
Parasympathomimetika Miosis, Myopisierung Asthma
(z. B. Pilocarpin, Aceclidin, Carbachol)
Sympathomimetika reaktive Hyperämie, Allergie, Adrenalinwirkung im
(z. B. Adrenalin, Dipivalylepinephrin) Makulaödem, Pigmentablagerungen Herz-Kreislauf-System
b-Blocker trockenes Auge, lokalanästhetischer AV-Blockierung, Asthma,
(z. B. Timolol, Metipranolol, Effekt, Kontaktlinsenunverträglichkeit Hypotonie, zentralnervöse
Betaxolol) Störungen, Maskierung von
Hypoglykämie, Sedierung
systemische Carboanhydrasehemmer praktisch keine, selten Myopisierung Unwohlsein, Gewichtsverlust,
(Acetazolamid, Diclophenamid) Hypokaliämie, Nierensteine,
Atem-/Leberfunktionsstörungen,
Medikamenteninteraktionen,
Blutbildungsstörungen
lokale Carboanhydrasehemmer Verschwommensehen, Brennen, unangenehmer Geschmack,
(Dorzolamid) Tränen, Allergien, evtl. Hornhautödem Nierensteine?,
Blutbildungsstörungen?
Alpha-2-Agonisten Allergien, Vasokonstriktion, Hypotonie, Sedierung
(Clonidin, Apraclonidin, Brimonidin) Oberlidretraktion
Prostaglandine Hyperämie, Störung der Blutkammer- bisher keine bekannt, evtl.
(Latanoprost, Unoprostone) wasserschranke, Irispigmentierungen Vorsicht bei Asthma geboten

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