ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2013World Health Summit: Für einen gerechten Zugang zur Gesundheitsversorgung

POLITIK

World Health Summit: Für einen gerechten Zugang zur Gesundheitsversorgung

Dtsch Arztebl 2013; 110(44): A-2060 / B-1820 / C-1780

Korzilius, Heike

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Millionen Menschen weltweit haben keinen oder nur mangelhaften Zugang zur Gesundheitsversorgung. In Europa wirkt sich die Wirtschaftskrise negativ auf die Gesundheit der Bevölkerung in den betroffenen Ländern aus.

Der Weltsaal im Auswärtigen Amt war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Wo sonst der Bundesaußenminister Diplomaten aus aller Welt empfängt, trafen sich am 20. Oktober gut 1 000 Entscheidungsträger aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft aus 50 Ländern zur Eröffnung des World Health Summit. Das Gipfeltreffen fand zum fünften Mal in Berlin statt. Im Zentrum stand der gerechtere Zugang aller Menschen zur Gesundheitsversorgung.

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„Gesundheit ist eine globale Aufgabe“: Sherry Ayittey, Ge­sund­heits­mi­nis­terin von Ghana, John Eu Li Wong, Präsident des World Health Summit 2013, Detlev Ganten, Gründungspräsident des World Health Summit, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr, EUKommissionspräsident José Manuel Barroso und Bundesaußenminister Guido Westerwelle (v.l.) Foto: Steffen Kugler
„Gesundheit ist eine globale Aufgabe“: Sherry Ayittey, Ge­sund­heits­mi­nis­terin von Ghana, John Eu Li Wong, Präsident des World Health Summit 2013, Detlev Ganten, Gründungspräsident des World Health Summit, Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr, EUKommissionspräsident José Manuel Barroso und Bundesaußenminister Guido Westerwelle (v.l.) Foto: Steffen Kugler

„Es gibt große Fortschritte in der Medizin“, erklärte der Gründungspräsident des Gipfels, Prof. Dr. med. Detlef Ganten. „Aber die Menschen, denen am dringendsten geholfen werden muss, haben dazu keinen Zugang. Wir haben eine Verantwortung, das zu ändern. Das ist eines der Ziele des World Health Summit.“ Der Gipfel schaffe ein Forum, um über Strategien zu diskutieren und Empfehlungen für die Politik zu erarbeiten.

Die war am Eröffnungsabend hochrangig vertreten. „Gesundheit ist ein Menschenrecht und die Bedingung für Entwicklung und Stabilität“, sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP), der nach der Wahlniederlage seiner Partei noch so lange geschäftsführend im Amt bleibt, bis eine neue Regierung gebildet ist. Deutschland bekenne sich zu seiner Verantwortung, sich global für den Zugang aller Menschen zur Gesundheitsversorgung einzusetzen.

Herzstück der Sozialmodelle

Auch José Manuel Barroso betonte die Bedeutung von Gesundheit. „Sie ist das Herzstück unserer Sozialmodelle“, sagte der Präsident der Europäischen Kommission. Zwar seien in der Europäischen Union (EU) die Mitgliedstaaten für die Gestaltung ihrer Gesundheitssysteme verantwortlich. Die EU könne aber durch Rahmenvorgaben dazu beitragen, die Gesundheitsversorgung für alle zu verbessern. Als Beispiele führte Barroso Richtlinien und Verordnungen zur Infektions- und Tabakkontrolle oder zu klinischen Prüfungen an. Die EU übernehme aber auch entwicklungspolitische Verantwortung. Die Europäische Kommission allein gewähre jährlich mehr als acht Milliarden Euro an Hilfsgeldern, von denen etwa eine halbe Milliarde speziell in Gesundheitsprojekte fließe. „Unser Ziel ist es, nachhaltige Entwicklung zu fördern. Und das schließt den Zugang aller Menschen zur Gesundheitsversorgung ein“, sagte Barroso.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Daniel Bahr (FDP) nutzte das hochkarätig besetzte Forum, um das neu erarbeitete Konzept der Bundesregierung zur globalen Gesundheitspolitik vorzustellen, an dem neben seinem Haus das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, das Außenministerium, das Wirtschafts- und das Forschungsministerium beteiligt waren. „Wir wollen uns dafür einsetzen, dass es überall auf der Welt gerechte Gesundheitssysteme gibt“, erklärte der Minister.

Ziel der internationalen Gesundheitsstrategie ist es danach, deutsche Erfahrungen, Expertise und Finanzmittel zur Verbesserung der globalen Gesundheit bereitzustellen sowie Partnerstaaten dabei zu unterstützen, nachhaltig finanzierte und sozial gerechte Gesundheitssysteme aufzubauen. Das Konzept sieht fünf Schwerpunkte vor: den Schutz vor Gesundheitsgefahren, die Stärkung von Gesundheitssystemen, den Ausbau der Kooperation mit anderen Politikbereichen, die Förderung von Gesundheitsforschung und Gesundheitswirtschaft sowie die Stärkung der globalen Gesundheitsarchitektur. Um das zu erreichen, setzt die Bundesregierung vor allem auf die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO). „Diese Strategie ist ein Bekenntnis, dass Deutschland eine aktive Rolle in der globalen Gesundheitspolitik spielen will“, erklärte Bahr.

Mehr als Entwicklungshilfe

Bei den Experten für globale Gesundheit fand das Konzept überwiegend Anklang. „Es ist ein Anfang“, sagte Prof. Dr. rer. pol. Ilona Kickbusch vom Graduate Institute Geneva. Deutschland habe Schwerpunkte gesetzt, an denen es sich messen lasse. Länder wie die Schweiz, Großbritannien, Japan, Schweden und Norwegen hätten ähnliche Papiere erarbeitet. „Ich halte das eigentlich für alle Staaten für wichtig“, sagte Kickbusch dem Deutschen Ärzteblatt. Begrüßenswert sei vor allem der ressortübergreifende Ansatz, „denn Gesundheit ist in vielen Politikbereichen von Bedeutung“. Jetzt müsse man sicherstellen, dass das Konzept nach dem Regierungswechsel nicht in der Schublade verschwinde.

Positiv findet Dr. med. Peter Tinnemann vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité in Berlin, dass sich die Bundesregierung ausdrücklich für eine Stärkung der WHO einsetzt. Das sei absolut notwendig, denn die WHO sei die einzige internationale Gesundheitsinstitution, die repräsentativ und demokratisch legitimiert sei. Kritisch sieht der Wissenschaftler allerdings, dass die Bundesregierung in ihrem Konzept die Gesundheitswirtschaft als Feld herausstellt, „auf dem deutsche Wirtschaftsinteressen vertreten und befördert werden können; da habe ich große Bedenken“. Tinnemann hält es ebenfalls für ein Manko, dass das Konzept nichts über die Implikationen globaler Gesundheit für Deutschland enthält. „Wenn wir über globale Gesundheit reden, denken viele an Entwicklungshilfe.“ Das greife aber zu kurz.

Im Programm des World Health Summit fand sich dieser Gedanke wieder. Man beschäftigte sich unter anderem mit den negativen Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Gesundheit der Bevölkerung in den am meisten betroffenen Ländern Europas. „Es gibt starke Belege dafür, dass vor allem arme und vulnerable Bevölkerungsgruppen betroffen sind“, sagte Dr. med. Hans Kluge, Leiter der Abteilung Gesundheitssysteme und öffentliche Gesundheit im Regionalbüro für Europa der WHO.

Die betroffenen Staaten stehen vor enormen Herausforderungen, denn die Schulden- und Wirtschaftskrise – gepaart mit den strengen Sparvorgaben der Troika aus Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds – erfordert tiefe Einschnitte auch im Gesundheitswesen. Um die Länder bei ihren Reformbemühungen zu unterstützen, hat die WHO zehn Empfehlungen abgegeben, die Kluge in Berlin erläuterte. Unter anderem fordert die WHO betroffene Länder auf, langfristige Gesundheitsziele, wie den allgemeinen Zugang der Bevölkerung zu medizinischer Versorgung, nicht kurzfristigen Sparmaßnahmen zu opfern. Um das zu gewährleisten, sollten Regierungen von direkten Patientenzuzahlungen absehen und stattdessen durch strukturelle Reformen Einsparreserven heben. Kluge betonte aber vor allem, dass es an den Ge­sund­heits­mi­nis­terien liege, Prioritäten zu setzen. „Die Verantwortlichen haben eine Wahl“, erklärte er. „Sie können entscheiden, in welchen Bereichen sie kürzen und in welchen sie investieren.“

Krise ermöglicht Reformen

Irland ist wie Griechenland und Portugal einer der Krisenstaaten, die unter den europäischen Rettungsschirm flüchten mussten. Auf der Insel wurden die öffentlichen Ausgaben unter den Sparauflagen der EU zwischen 2009 und 2013 um zwölf Prozent gekürzt. Die Gesundheitsausgaben pro Kopf sanken um acht Prozent. „Die Krise hat uns aber auch die Gelegenheit gegeben, überfällige Reformen anzugehen“, erklärte Laura McGarrigle vom irischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Die Reformpolitik habe gegen große Widerstände und Ängste durchgeführt werden müssen, aber man sei auf einem guten Weg. „Wir haben es geschafft, trotz massiver Einsparungen unseren nationalen Gesundheitsdienst auf einem qualitativ guten Niveau zu erhalten.“ Der erforderliche strukturelle Wandel sei aber schwierig und nicht über Nacht zu schaffen.

Heike Korzilius

@Das Regierungskonzept
zur Globalen Gesundheitspolitik und
5 Fragen an Daniel Bahr:
www.aerzteblatt.de/442060

Internationale Netzwerker

Mehr Gesundheit weltweit – das ist nach eigenem Bekunden die Vision des World Health Summit, der in diesem Jahr zum fünften Mal in Berlin stattfand. Er bringt Entscheidungsträger aus Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um gemeinsam Strategien für Forschung und weltweite Gesundheitsversorgung zu entwerfen.

Inzwischen stehen viele Themen auf der Tagesordnung, die die Gesundheit in den ärmeren Ländern der Welt betreffen. Das war nicht immer so. Beim ersten Gipfel im Jahr 2009 veranstalteten die etablierten Hilfsorganisationen einen Gegengipfel, weil sie den Summit für zu industrienah hielten und fanden, dass sich die Organisatoren zu sehr auf die Belange der reichen Länder konzentrierten.

Als wissenschaftliche Basis des World Health Summit versteht sich die M8-Alliance, ein Netzwerk renommierter akademischer medizinischer Einrichtungen. Die Mitglieder stammen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, den USA, Kanada, Australien, Japan, Singapur, China, Brasilien, Russland und Uganda.

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