ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2013Von schräg unten: Autofahrt

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Autofahrt

Dtsch Arztebl 2013; 110(44): [60]

Böhmeke, Thomas

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Der ältere der frechen Neffen hat seinen Führerschein gemacht. Ich weiß gar nicht, wie es so weit kommen konnte; glauben Sie mir, wenn ich früher davon Kenntnis gehabt hätte, ich hätte es zu verhindern gewusst. So bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zwecks Überprüfung des nun entstehenden Sicherheitsrisikos bei dem frechen Neffen auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. Sicherheitshalber führe ich ein Pappschild mit, auf dem als Warnung „Unkontrolliertes Testosteron + ungenügende Fahrkenntnisse = unglaubliche Gefahr!“ zu lesen ist. „Onkel Thomas, du bist der letzte Arsch“, kommentiert der Neffe und fährt los. In einer engen Kurve fährt er zu schnell und verfehlt die Ideallinie. Die Hinterreifen gehen kurzzeitig von der Haft- in die Gleitreibung über, was zu einer abrupten Lateralbewegung des Fahrzeughecks führt. Verfehlt ist allerdings nicht nur die Ideallinie, sondern auch ein Betonpfeiler. „Geiler Drift, ey!“ meint der Neffe, ein bisschen blass um die Nase.

Ich halte mein Pappschild hoch. „Tu dein blödes Schild weg!“ Nein. Kraft gleich Masse mal Beschleunigung, so erkläre ich ihm, und die kinetische Energie steigt im Quadrat zur Geschwindigkeit. „Was laberst du da?!“ Wenn du auf den Betonpfeiler fährst, wird die kinetische Energie in eine Deformation des Fahrzeugs als auch deines Körpers umgewandelt. „Muss ich mir diesen Stuss merken?“ Merkbar wird dies durch Quetschungen innerer Organe. „Ich will das nicht hören!“ Hörbar durch Knirschen und Knacken von Knochen. „Hör’ auf!“ Die Geschichte hört hier aber nicht auf.

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Feuerwehrleute werden dich bergen, der Notarzt in die nächste Unfallklinik bringen. „Eh, super, freie Fahrt im Rettungswagen!“ Nichts ist super. Du merkst davon nichts, weil du narkotisiert, intubiert und beatmet bist. „Och, schade!“ Du kommst erst wieder zu dir, wenn sie dich vom Beatmungsgerät entwöhnen. „Echt?“ Dann tun dir deine gebrochenen Rippen weh und auch der Schnitt im Bauch, den meine freundlichen chirurgischen Kollegen gesetzt haben, um deine zerfetzte Leber zu flicken. „Also, Onkel Thomas, als Rennfahrer muss man da durch!“ Nicht notwendigerweise. Also, du liegst da in deinem Intensivbett, überall hängen Kabel und Schläuche an dir, du kannst Dich kaum bewegen. „Wie uncool.“ Dann kommt eine freundliche Intensivschwester zu dir. „Hey, cool! Mit der kann ich ein bisschen säuseln!“ Nein. Eine Konversation zum Zweck gegengeschlechtlicher Annäherung ist nicht möglich. „Wieso?!“ Weil du einen fingerdicken Schlauch in der Luftröhre hast. „Bo, ey, wie ätzend!“ Die freundliche Intensivschwester wechselt die Infusionen und vielleicht auch den transurethralen Charrière-18-Dauerkatheter. „Den WAS?“ Den Plastikschlauch in deiner Harnröhre. „Bo, das ist ja so was von krass! Onkel Thomas, du kannst einem aber auch alles vermiesen!“

Ich halte mein Pappschild hoch. „Ich schmeiße das gleich aus dem Fenster!“ Könntest du bitte auf den Verkehr achten. „Und dich hinterher!“ Hinterher, also nach der intensivmedizinischen Betreuung, wirst du mobilisiert. „Schluss jetzt!“ Freundliche Krankengymnastinnen werden versuchen, deine Beweglichkeit wieder herzustellen. „Ah, gut, mit denen kann ich was rocken!“ Wenn du darunter konvulsivische Zuckungen zum Takt elektrisch verstärkter Instrumente verstehst, so muss ich dich enttäuschen. „Nee, Onkel Thomas, da kennst Du mich aber schlecht. Irgendwas geht immer!“ Gehen wird dir so schwer fallen, dass du froh bist, wenn Du einen Rollator zur Verfügung hast. „Nee, das ist wirklich das Allerletzte! Okay, du hast gewonnen, ich fahr’ langsamer.“ Danke. „Wirklich!“ Vielen herzlichen Dank. „Und wie ich dich Arsch kenne, schreibst du das alles ins Deutsche Ärzteblatt!“

Exakt.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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