ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2013Opioidmissbrauch: „Neue Strategien für alte Probleme“

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Opioidmissbrauch: „Neue Strategien für alte Probleme“

Dtsch Arztebl 2013; 110(44): A-2062 / B-1822 / C-1782

Ollenschläger, Philipp

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Der Missbrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten hat in den USA epidemische Züge angenommen. Inzwischen gibt es Programme, die den Einsatz von Naloxon auch durch Laien empfehlen, um Todesfälle zu vermeiden.

Diskutierten über weltweiten Medikamentenmissbrauch: Nicholas Clark (WHO), Vera Zylka-Menhorn (Deutsches Ärzteblatt), Murray Aitken (IMS Institute for Healthcare Informatics), Jodi Segal und Caleb Alexander (beide Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health) (v.l.) Foto: Dennis Drobny
Diskutierten über weltweiten Medikamentenmissbrauch: Nicholas Clark (WHO), Vera Zylka-Menhorn (Deutsches Ärzteblatt), Murray Aitken (IMS Institute for Healthcare Informatics), Jodi Segal und Caleb Alexander (beide Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health) (v.l.) Foto: Dennis Drobny

Das Problem ist massiv. Durchschnittlich stirbt in den Vereinigten Staaten alle 19 Minuten ein Mensch durch den Missbrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Im vergangenen Jahrzehnt waren es 125 000 Menschen, die an einer Überdosis starben; allein 2008 waren es 15 000. „Das sind mehr Todesfälle, als durch die illegalen Drogen Heroin und Kokain zusammen verursacht werden.“ Darauf wies Caleb Alexander auf dem World Health Summit beim Symposium „Prävention von Missbrauch und Überdosierung von verschreibungspflichtigen Medikamenten“ hin, das in Kooperation mit dem Deutschen Ärzteblatt durchgeführt wurde. Alexander ist Professor für Epidemiologie und Medizin an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore.

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Viele Frauen sind abhängig

Zwar hätten Medikamente wie Opioide und Benzodiazepine einen außerordentlichen Wert für Patienten, doch die Zahl der Missbrauchsfälle habe in den USA epidemische Züge angenommen. Es stürben mehr Menschen durch Medikamente als durch Verkehrsunfälle. Auf jeden Todesfall durch Überdosierung kämen zudem zehn Kranken­haus­auf­enthalte, 30 Besuche in der Notaufnahme sowie 100 Fälle von Missbrauch oder Abhängigkeit.

Insbesondere der Missbrauch von Opioiden sei besorgniserregend. „80 Prozent aller Opioide weltweit werden in den Vereinigten Staaten verbraucht. Und das, obwohl US-Amerikaner gerade einmal 4,6 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen“, erläuterte Alexander. Die Abhängigkeit von Opioiden sei, nach Alkohol- und Cannabisabhängigkeit, der dritthäufigste Grund für die Teilnahme an Drogenentwöhnungsprogrammen (Alkohol 40 Prozent, Cannabis 20 Prozent, Opioide 18 Prozent). Bemerkenswert sei zudem, dass Frauen, anders als bei anderen Suchtstoffen, fast genauso häufig zu dem Analgetikum griffen wie Männer.

Wo liegt die Lösung? Für die Bekämpfung dieser Epidemie sei es wichtig, dass schwächere Opioide auf den Markt gebracht würden, und Ärzte ihre Patienten dazu anhielten, geringere Dosen der Substanzen zu sich zu nehmen, sagte Nicholas Clark von der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO).

Ursachen bekämpfen

Um dem Problem Herr zu werden, haben zahlreiche US-Staaten mittlerweile Monitoringprogramme auf den Weg gebracht und den Medikamenten Beipackzettel mit abschreckenden Warnungen beigelegt.

Ganz entscheidend für die Prävention von Todesfällen durch Opioidüberdosierungen seien Naloxon-Distributionsprogramme, erklärte Jodi Segal, Professorin an der Johns Hopkins Bloomberg School. Naloxon ist ein Opioid-Antagonist, der die Wirkung von Opioiden für 30 bis 90 Minuten ganz oder teilweise aufhebt. Er könne sowohl intravenös, intramuskulär als auch subkutan injiziert werden. Dadurch könne das Mittel auch von medizinischen Laien weitestgehend problemlos verabreicht werden. Zudem gibt es Naloxon als Spray, das über die Nasenschleimhaut in den Körper gelangt.

In einigen Regionen des Landes führen inzwischen Polizisten den Opioid-Antagonisten mit sich, um Todesfälle durch Überdosierung zu verhindern. Landesweit, mit Ausnahme des Staates Missouri, sind Naloxon-Distributionsprogramme entweder implementiert worden oder in Planung.

„Wir brauchen neue Strategien für inzwischen alte Probleme“, sagte Alexander. Naloxon-Distributionsprogramme jedenfalls – so wertvoll das Mittel für das Verhindern von Todesfällen ist – dienen nicht zur Bekämpfung der Ursache des massiven Opioidmissbrauchs.

Philipp Ollenschläger

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