ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2013„Collection de l’Art Brut“: Der Schrei der Seele

KULTUR

„Collection de l’Art Brut“: Der Schrei der Seele

Dtsch Arztebl 2013; 110(44): A-2089 / B-1847 / C-1803

Scheiper, Renate V.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Sammlung, die im Museum der Stadt Lausanne zu sehen ist, umfasst 60 000 Werke von 400 Künstlern aus aller Welt.

Guillaume Pujolle: Le Provence, Dessin animé, 1946, Aquarell, 48 × 63 cm. Foto: Claudine Garcia, Atelier de numérisation – Ville de Lausanne Collection de l’Art Brut, Lausanne
Guillaume Pujolle: Le Provence, Dessin animé, 1946, Aquarell, 48 × 63 cm. Foto: Claudine Garcia, Atelier de numérisation – Ville de Lausanne Collection de l’Art Brut, Lausanne

Gleißendes Sonnenlicht draußen – drinnen tiefes Schwarz. Fast ehrfürchtig betritt man in Lausanne den großen Raum im Erdgeschoss einer Patriziervilla. Auf vier Etagen ist dort seit 1971 die „Collection de l’Art Brut“ zu sehen: Bilder und kleine Skulpturen von Psychiatriepatienten vorwiegend aus dem frühen und mittleren 20. Jahrhundert. Einige der Werke stammen auch von sogenannten Außenseitern der Gesellschaft. Zunächst ziehen großflächige, vielfarbige Bilder an schwarzen Wänden unter der schwarzen Decke den Besucher in Bann – keines ist gerahmt. Zwei große Bilder hängen von der Decke herab, sind von beiden Seiten bemalt, scheinen einen Kosmos aus bunten, gebogenen Linien darzustellen, gefüllt mit Gesichtern, Gebäuden und Schrift. Gleich dahinter ist ein besonderer Bereich Aloïse Corbaz (1886–1964) gewidmet, die mit ihren ausdrucksstarken Malereien von Jean Dubuffet zur Hauptperson der von ihm „Art Brut“ genannten Kunstrichtung erklärt wurde.

Anzeige

Jean Dubuffet (1901–1985), selbst Maler und Bildhauer, war auf der Suche nach Werken von „Ausgestoßenen“, die Kunst schufen nicht des Erfolges wegen, sondern um dem Schrei ihrer Seele Ausdruck zu verleihen. Bei seiner Reise 1945 in die Schweiz besuchte Dubuffet gezielt psychiatrische Kliniken und Gefängnisse. In der Anstalt La Rosière in Gimel-sur-Morges wies ihn die Ärztin Jacqueline Porret-Forel auf Aloïse Corbaz hin, die sie seit 1941 betreute. Aloïse hatte früh die Mutter verloren, wurde von ihrer Schwester brutal aus einer Liebesbeziehung gerissen, war in Deutschland Erzieherin am Hofe Kaiser Wilhelms II., in den sie sich verliebte. 1913 zurück in der Schweiz, beginnen ihre Halluzinationen. Sie wird 1918 in der psychiatrischen Klinik Cery bei Lausanne interniert, später in die Anstalt La Rosière verlegt. Ununterbrochen malt sie auf altem Papier, näht Packpapier zusammen für größere Flächen. Ein solches Werk zieht sich im Museum von einer ebenen Vitrine die Wand hinauf. Auf allen ihrer Bildern dominieren Liebespaare mit großen, blauen Augen; Brüste sind umrahmt von Blüten und Kerzen.

Neben den Bildern und Plastiken gibt jeweils ein kurzer Lebenslauf Auskunft über das Schicksal der Künstler. Viele von ihnen erlitten grausame Kindheits- und Jugendschicksale. Ungewöhnlich ist ein großes, ovales schwarzes Gesicht von Heinrich Anton Müller (1865–1930) mit weiß umrandeten Augen, weißen Lippen, weißen Haaren. Immer wieder malt er in der psychiatrischen Klinik Münsingen bei Bern zwischen 1917 und 1922 kurios wirkende Porträts. Vielleicht Menschen, die ihn um das Patent auf eine von ihm erfundene Maschine betrogen? Die Londonerin Madge Gill (1882–1961) fühlt sich vom Geist „Myrninerest“ gezwungen zu malen. Bis 36 Meter lange Papierstücke heftet sie zusammen. Adolf Wölfli (1864–1930), erst Gefängnis, dann Psychiatrie, hinterlässt bei seinem Tod 25 000 Seiten bedeckt mit Zeichnungen, Gedichten, Noten, Mathematik und Geografie.

1976 schenkte Jean Dubuffet seine aus 5 000 Objekten bestehende Sammlung der Stadt Lausanne. Heute umfasst die Sammlung, die in ihrer Art, Größe und Intention weltweit einmalig ist, mehr als 60 000 Werke von 400 Künstlern aus aller Welt, und sie wird ständig durch Schenkungen bereichert. Mehrmals jährlich werden in Sonderausstellungen Werke einzelner Künstler vorgestellt.

Renate V. Scheiper

Informationen

Collection de l’Art Brut, Avenue des Bergières 11,
CH – 1004 Lausanne, Telefon: +41 21 315 25 70.

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr

Eintritt: zehn Schweizer Franken. Jeden ersten Sonntag im Monat Eintritt frei. Der informative und gut bebilderte Katalog (175 Seiten) kostet 24,90 Euro/35 Schweizer Franken. E-Mail: art.brut@lausanne.ch, www.artbrut.ch

Sonderausstellungen: Vom 8. November bis 27. April 2014 zeigt die Ausstellung „Véhicules“ Werke von 40 Künstlern, die unterschiedliche Vehikel der Fortbewegung darstellen.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema