ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2013Organspende in Europa: „Vertrauen ist etwas Zerbrechliches“

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Organspende in Europa: „Vertrauen ist etwas Zerbrechliches“

Dtsch Arztebl 2013; 110(45): A-2126 / B-1877 / C-1830

Klinkhammer, Gisela

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Der Organspendemangel ist nicht nur ein deutsches Problem. Wie auf europäischer Ebene versucht wird, die Zahl der Transplantationen zu erhöhen, erläutert die EU-Kommission in Brüssel.

Foto: dpa
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Organmangel ist nicht nur ein deutsches, sondern ein gesamteuropäisches Problem. Das wurde auf einem Journalistenworkshop der Europäischen Union (EU) Anfang Oktober in Brüssel deutlich. Circa 63 800 Patienten stehen in der EU auf der Warteliste (Stand: 31. Dezember 2012). Zum Vergleich: Am 31. Dezember 2011 waren es 61 500. Die Zahl der Patienten, die auf der Warteliste verstorben sind, wird für das Jahr 2012 auf 3 780 geschätzt. An der Spitze der Spender liegen Spanien mit 35,6 und Kroation mit 34,8 Spenden auf eine Million Einwohner. Am unteren Ende der Skala befinden sich Bulgarien (0,5), Rumänien (3,6) und Zypern (5,5). Deutschland rangiert mit 14,7 Spenden pro eine Million Einwohner im unteren Mittelfeld (eTabelle).

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Donation and Transplantation numbers per country (2012 data)
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Als Vorbild gilt Spanien

Dabei hat der sogenannte Transplantationsskandal sogar noch zu einem weiteren Rückgang geführt. Im Jahr 2012 ging die Zahl der postmortalen Organspender im Vergleich zum Vorjahr nach Angaben der Stiftung Organtransplantation um 12,8 Prozent auf 1 046 zurück.

Als vorbildlich, was die Anzahl der Transplantationen angeht, gilt Spanien. Als der Nephrologe Rafael Matesanz 1989 die spanische nationale Transplantationsorganisation (Organización Nacional de Trasplantes, ONT) ins Leben rief, hatte Spanien ungefähr dieselbe Spenderrate wie Deutschland heute. Dass sich diese Rate seitdem mehr als verdoppelt hat, liegt Matesanz zufolge vor allem daran, dass die öffentliche Unterstützung und das Vertrauen in das Spendesystem in Spanien nicht das Ergebnis direkter Werbekampagnen, sondern einer kontinuierlichen und aktiven Zusammenarbeit mit den Massenmedien seien. Negative Berichterstattung dagegen, wie zum Beispiel über die Manipulationen auf den Wartelisten in Deutschland, könne letztendlich zu einem Vertrauensverlust im Bereich der gesamten Europäischen Union führen, fürchtet der ONT-Chef.

Axel Rahmel, Medizinischer Direktor von Eurotransplant (ET), befürchtet ebenfalls einen Vertrauensverlust als Folge des Skandals, der nur schwer wiedergutzumachen sei. Rahmel vermutet, dass die Manipulationen in Deutschland, die von den anderen ET- und EU-Ländern genau beobachtet würden, großen Schaden angerichtet haben: „Vertrauen ist etwas Zerbrechliches. Es ist leicht zu brechen, leicht zu verlieren, aber sehr schwer zurückzugewinnen.“ Die Konsequenz sei ein weiterer Anstieg der Patientenzahl auf der Warteliste. „Sie müssen letztendlich für den Vertrauensverlust zahlen“, meinte Rahmel.

Doch was kann getan werden, um gleichzeitig die Zahl der Transplantationen zu erhöhen und das Vertrauen in die Organspende zu erhalten? „Die Organtransplantation ist eben insofern speziell, als dass sie ein Bereich der Hightechmedizin ist und dass sie ethische und soziale Probleme wie die Todesdefinition aufwirft“, berichtete Rahmel. Von besonderem Gewicht für die Spenderate sei aber vor allem auch die gesetzliche Regelung, die den Rahmen festlegt, in dem sich das System entwickelt.

Aktionspläne der EU

Die EU-Kommission versucht einerseits die Zahl der verfügbaren Organe zu erhöhen und gleichzeitig ihre Qualität zu verbessern. Anfang August 2012 sind in Deutschland Änderungen am Transplantationsgesetz in Kraft getreten, die im Zusammenhang mit der Umsetzung der EU-Richtlinie zur Qualität und Sicherheit menschlicher Organe verabschiedet worden sind. Neben der Richtlinie arbeitete die Europäische Kommission mehrere Aktionspläne aus, die von Hélène Le Borgne, Beauftragte für Transplantationen und Organspenden der EU-Kommission, vorgestellt wurden. In der Aktion „ACCORD“ (2012–2015) werde unter anderem eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen Intensivstationen und Transplantationskoordinatoren empfohlen. „Denn eins ist klar: Niemand geht als Spender in ein Krankenhaus. Man kommt als Patient. Und Ärzte müssen in erster Linie alles unternehmen, um ihre Patienten zu retten“, brachte der belgische Transplantationskoordinator, Luc Colenbie, die Problematik auf den Punkt. Länder mit besonders guten Erfahrungen mit Transplantationskoordinatoren wie Spanien könnten hier zum Vorbild für andere werden.

Gisela Klinkhammer

@ eTabelle: www.aerzteblatt.de/132126

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