ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2013Medica 2013, 20. bis 23. November 2013: Vernetzte Medizintechnik

TECHNIK

Medica 2013, 20. bis 23. November 2013: Vernetzte Medizintechnik

Dtsch Arztebl 2013; 110(45): A-2152

Krüger-Brand, Heike E.

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Die Integration von Medizintechnik und IT-Systemen, Telemedizin und intelligente Implantate sind zentrale Themen der Medizinmesse.

Medica-Daten Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag: 10.00–18.30 Uhr, Samstag: 10.00–17.00 Uhr Ort: Messegelände Düsseldorf Internet: www.medica.de, Fotos: medica
Medica-Daten Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag: 10.00–18.30 Uhr, Samstag: 10.00–17.00 Uhr Ort: Messegelände Düsseldorf Internet: www.medica.de, Fotos: medica

Die Medizintechnikbranche profitiert vom globalen Gesundheitsmarkt: Dieser wächst jährlich um circa sechs Prozent. Dazu tragen vor allem die demografische Entwicklung, der technische Fortschritt und die Zunahme der Kaufkraft in vielen Ländern bei. Nach einer Studie von Roland Berger im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums wird der Markt von derzeit fünf Billionen Euro auf ein Volumen von etwa 15 Billionen Euro im Jahr 2030 ansteigen*. Im Vergleich mit anderen Wirtschaftsbereichen steht die Medizintechnik daher vor allem in Europa weiterhin gut da. Dennoch ist die Perspektive nicht mehr ganz so ungetrübt wie noch vor einigen Jahren.

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Branche im Wandel

Nach dem kürzlich veröffentlichten „Medizintechnik-Report 2013“ der Beratungsgesellschaft Ernst & Young (EY; siehe www.de.ey.com) befindet sich die Branche sogar in einem tiefgreifenden, kritischen Veränderungsprozess: Strengere Regulierung durch Zulassungsbehörden und knappe Gesundheitsbudgets führen zu einem nur noch verhaltenen Umsatzwachstum und forcieren einen Wandel der Geschäftsmodelle der Anbieter – weg vom Techniklieferanten hin zu einem ganzheitlichen Dienstleister. Das gebremste Umsatzwachstum schlägt sich der Analyse zufolge zunehmend in sinkenden Budgets für Forschung und Entwicklung nieder. Vor allem in Europa haben es kleinere Unternehmen und Startups schwer, an Innovationskapital zu gelangen. „Mit innovativer Technik allein können sich Medizintechnikunternehmen auf Dauer nicht mehr behaupten“, kommentierte Heinrich Christen, Analyst bei EY, die Ergebnisse. Für die Branche sei es entscheidend, innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln, statt auf reine technische Verbesserungen ihrer Produkte zu setzen.

Künftige Wachstumsmärkte sehen die Autoren der Studie vor allem in Anwendungen, die über die akute medizinische Behandlung und den Kranken­haus­auf­enthalt hinausgehen und die einen klaren Mehrwert im Dienstleistungsgefüge des Gesundheitswesens bieten. Ein Beispiel dafür sind telemedizinische Anwendungen. Vor diesem Hintergrund sind laut Studie etwa Lösungen gefragt, mit denen die Versorgung von Patienten außerhalb der Krankenhäuser und Arztpraxen kosteneffizient sichergestellt werden kann. Hierfür seien medizintechnische Geräte erforderlich, die neue Anforderungen hinsichtlich der Kommunikationsfähigkeit und Bedienbarkeit erfüllen.

Die Medica bietet dem Besucher eine gute Gelegenheit, sich über die neuesten medizin- und informationstechnischen Entwicklungen und Trends für die Versorgung zu informieren. Sie präsentiert das gesamte Spektrum der Medizinprodukte einschließlich Labortechnik, Diagnostica, Physiotherapie und Orthopädietechnik sowie Informations- und Kommunikationstechnik. In diesem Jahr verzeichnet die weltgrößte Medizinmesse mehr als 4 600 Aussteller aus 66 Nationen (Vorjahr: 4 594). Drei Viertel der Aussteller kommen dabei aus dem Ausland nach Düsseldorf – ein Zeichen für den hohen Internationalitätsgrad der Veranstaltung.

Computerisierung nimmt zu

Als Megatrends in der Medizin gelten nach wie vor die zunehmende Computerisierung, Molekularisierung und Miniaturisierung. Die IT-Durchdringung im Gesundheitsbereich schreitet weiter voran. Beispiele hierfür sind Lösungen für die computergestützte Mikroskopie und Laborautomation in der Labortechnik, die computergestützte Chirurgie und Anästhesie, die Vernetzung der medizinischen Bildgebung bis hin zu mobilen Lösungen für das Echtzeit-Monitoring von Patienten und telemedizinische Anwendungen für den Einsatz außerhalb von Arztpraxis und Klinikum.

Ein wichtiges Thema ist derzeit die digitale Integration im Operationssaal (OP). Im OP werden viele unterschiedliche Geräte, etwa für die Bildgebung, die Intervention, das Vitalparameter-Monitoring und die Dokumentation, eingesetzt. Das Problem: Proprietäre Schnittstellen der Gerätehersteller erschweren die Vernetzung und das Management dieser heterogenen Ausstattung. Offene „Plug & Play“-Standards und einheitliche zentrale Steuereinheiten für den OP sind nötig, um die Interoperabilität und vor allem auch die Wirtschaftlichkeit der eingesetzten Medizintechnik zu optimieren. Gleichzeitig geht es auch um mehr Sicherheit im OP, denn die Medizinprodukte sind nur unzureichend oder gar nicht gegen Malware geschützt und daher ein großes Risiko für die medizinischen IT-Netzwerke. Forschungsprojekte wie das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte „smartOR“- Verbundprojekt (www.smartor.de) und das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Folgeprojekt OR.NET (www.ornet.org) arbeiten an Lösungen für dieses Problem.

Leuchtturmprojekt OR.NET

Beim „Health IT Forum“ der Medica in Halle 15 wird das „Leuchtturmprojekt“ OR.NET vorgestellt. Im interdisziplinären Verbund arbeiten Medizintechnikunternehmen, IT-Dienstleister, Forschungsinstitute, Kliniken und Standardisierungsgremien zusammen, um die Standardisierung im Zusammenspiel von Medizintechnik und medizinischen IT-Systemen voranzubringen. Ziel ist es, zertifizierbare und herstellerunabhängige sichere Vernetzungsmöglichkeiten von Medizingeräten und Softwarelösungen zu schaffen. Das Konsortium wird für die dreijährige Projektlaufzeit vom BMBF mit insgesamt circa 15 Millionen Euro gefördert, das Gesamtbudget liegt bei 18,5 Millionen Euro.

Hüftprothese mit integrierter Sensorik: Beschleunigungssensoren melden künftig, ob das Implantat korrekt sitzt. Foto: Fraunhofer IPMS
Hüftprothese mit integrierter Sensorik: Beschleunigungssensoren melden künftig, ob das Implantat korrekt sitzt. Foto: Fraunhofer IPMS

Die fortschreitende Miniaturisierung in der Medizintechnik lässt sich unter anderem bei Entwicklungen der Implantatemedizin verfolgen. So beschäftigt sich beispielsweise das Fraunhofer-Institut für Photonische Mikrosysteme in einem Arbeitsschwerpunkt mit der Entwicklung mikroelektronischer Komponenten zur Verbesserung und Erweiterung der Funktionalität von Implantaten (Halle 3/E74A). Um etwa den korrekten Sitz von Implantaten, wie zum Beispiel Hüftgelenken, möglichst einfach kontrollieren zu können, werden in „intelligenten“ Prothesen Beschleunigungssensoren integriert, die einen zu lockeren Sitz des Implantats erfassen und entsprechende Signale per RFID-Schnittstelle an eine Controller-Einheit übermitteln. Auch andere Implantate lassen sich mittels Transpondertechnologie mit Überwachungs- und Messfunktionen ausstatten, um beispielsweise kontinuierlich Temperatur, Druck, Beschleunigung oder pH-Wert zu erfassen.

Ausbau der Telemedizin

Telemedizinische Anwendungen finden zunehmend den Weg in die breite medizinische Versorgung. Zwei Beispiele: In Nordrhein-Westfalen etwa fördert das Land derzeit 30 Projekte mit etwa 25 Millionen Euro im Rahmen der Landesinitiative eGesundheit.nrw. Ein eigenes Kompetenzzentrum, das Zentrum für Telematik und Telemedizin (www.egesundheit.nrw.de, Halle 15/ G32), koordiniert die Landesinitiative und baut seit 2012 mit dem Zentrum für Telemedizin auch eine eigenständige Abteilung für Telemedizin auf.

Der Freistaat Bayern treibt ebenfalls seit Jahren den Ausbau der Telemedizin voran und hat zuletzt im Rahmen des Programms „Aufbruch Bayern“ zwei Millionen Euro für die Telemedizin bereitgestellt. Die Mitte 2012 gegründete „Bayerische TelemedAllianz“ (www.telemedallianz.de, Halle 15/G58) dient als Kompetenzzentrum und soll die bisherigen Aktivitäten und Projekte vernetzen.

Telemedizin und Gesundheitstelematik zählen seit Jahren zu den inhaltlichen Schwerpunkten des „Health IT Forums“. Weitere Themen sind unter anderem elektronische Aktensysteme im Rahmen eines vernetzten Gesundheitswesens, der interoperable elektronische Datenaustausch für Ärzte, Big Data in der Medizin, intelligente Implantate sowie die Einsatzmöglichkeiten von E-Health in der Weiter- und Fortbildung.

Ein fester Bestandteil des Programms ist darüber hinaus das Thema „mobile Health“. Das umfasst sowohl die Hardware – mobile Sensoren und Geräte – als auch mobile Applikationen, deren Anzahl förmlich zu explodieren scheint. Viele Apps aus dem Gesundheitsbereich könnten künftig eine gesündere Lebensführung durch eine aktive Einbindung des Patienten in den Behandlungsprozess unterstützen. Einen Überblick über Trends und beispielhafte Gesundheits-Apps gibt der „AppCircus“ (http://appcircus.com), bei dem Entwickler beziehungsweise Anbieter innovative Lösungen präsentieren können. Zum zweiten Mal wird außerdem am 22. November ein Live-Wettbewerb um die „beste mHealth App“ ausgetragen. Hierfür haben sich zuvor acht Bewerber in einem globalen, online ausgetragenen Ideenwettbewerb qualifiziert.

Apps zum Ausprobieren

Neu ist innerhalb des Forums zudem der „mHealth Playground“, eine Ausstellungsfläche, auf der mobile Geräte und Apps nicht nur wie üblich vorgestellt werden. Vielmehr kann der Besucher verschiedene Smartphones und Tablet-PCs und die auf ihnen installierten Gesundheits-Apps selbst ausprobieren.

Technologien und Dienstleistungen für ein selbstständiges Leben im Alter (Ambient Assisted Living) sind ein weiterer Themenschwerpunkt. Das Forschungszentrum Informatik Karlsruhe (FZI) hat hierfür das „Living Lab AAL“ aufgebaut, in dem erfolgreiche Lösungsansätze wie beispielsweise die Integration innovativer Sensorik für AAL-Umgebungen oder häusliche Assistenzsysteme für die Alltagsbegleitung evaluiert werden. Für die Medica hat das FZI das Labor in ein mobiles „Living Lab“ verwandelt: In einem begehbaren Wohncontainer mit den Ausmaßen von etwa drei mal acht Metern können Besucher die Möglichkeiten alltagsunterstützender Technologien anschaulich und nah erleben (Halle 15/G55).

Heike E. Krüger-Brand

*„Weltweite Gesundheitswirtschaft – Chancen für Deutschland“, Download unter: www.rolandberger.de/media/pdf/Roland_Berger_Weltweite_Gesundheitswirtschaft_D_20110901.pdf

Medica-Konferenzen

Das Kongressprogramm der Medizinmesse wurde mit Blick auf den hohen Anteil ausländischer Fachbesucher hinsichtlich internationaler Bestandteile weiter ausgebaut. Ab dem Jahr 2014 wird zudem die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin das wissenschaftliche Programm der Medica Education Conference ausrichten.

  • Ein Schwerpunkt der neu konzipierten Education Conference vom 20. bis 23. November ist die personalisierte Medizin und ihre Bedeutung für Früherkennung, Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen.
  • Am 21. November startet erstmals die englischsprachige internationale Medicine + Sports Conference (CCD Süd). Die Konferenz widmet sich der thematischen Schnittmenge von Sport und Medizin. Unter anderem geht es um die präventive Wirkung von Sport und um die gezielte Verbesserung von Trainingsergebnissen bei gleichzeitiger Verletzungsprävention.
  • Neu ist auch die International Conference on Disaster and Military Medicine – DiMiMED am 21. und 22. November (CCD Süd). Die englischsprachige Konferenz für Katastrophen- und Militärmedizin thematisiert Formen und Aufgaben der internationalen Zusammenarbeit und die daraus resultierenden Anforderungen an die Medizintechnik.

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