ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2013Gesundheitsstudie: Von „Meckpomm“ in die Welt

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Gesundheitsstudie: Von „Meckpomm“ in die Welt

Dtsch Arztebl 2013; 110(45): A-2130 / B-1880 / C-1832

Schulte Strathaus, Regine

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Die SHIP-Studie wurde 1997 regional ins Leben gerufen, um die auffallend niedrige Lebenserwartung im Nordosten Deutschlands zu erklären. Mittlerweile ist das Untersuchungsprogramm das umfassendste dieser Art weltweit.

Foto: iStockphoto
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Wird es in Zukunft für jeden Patienten eine auf seinen genetischen Kode und seine Krankheit individuell abgestimmte medikamentöse Therapie geben? Eine Behandlungsform, die in kürzestem Zeitraum effektiv wirkt und gravierende Nebenwirkungen erspart? Welche die Lebensqualität erhöht und auch noch Kosten im Gesundheitssystem einsparen kann? Antworten auf diese komplexen Fragen erhofft man sich durch die SHIP-Studie (Study of Health in Pomerania), eine der größten Gesundheitsstudien zur Erforschung von Volkskrankheiten.

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Das Besondere an SHIP ist, dass sie nicht wie andere große epidemiologische Studien auf eine bestimmte Krankheit fokussiert, sondern Mensch und Gesundheit in seiner ganzen Vielschichtigkeit untersucht. Ihre Ergebnisse tragen künftig wesentlich dazu bei, den Zusammenhang zwischen Risikofaktoren und Krankheiten zu verstehen und Krankheitsverläufe individuell besser einschätzen zu können.

Genetische Unterschiede – wer profitiert von der Arznei?

Welche Voraussetzungen dafür notwendig sind, um dieser nicht ganz unrealistischen Vision in naher und ferner Zukunft näherzukommen, diskutierten die Korporativen Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) in Wiesbaden anlässlich ihrer Jahrestagung. Denn nicht bei jedem Menschen hat die gleiche Krankheit auch die gleichen Charakteristika. Patienten mit identischer Diagnose sprechen auf die Behandlung mit dem gleichen Medikament oft unterschiedlich an. Das ist auf die genetischen Unterschiede des Individuums zurückzuführen.

Bereits heute sind mehr als 20 Arzneimittel im Rahmen der „Companion Diagnostics“ (therapiebegleitenden Diagnostik) zugelassen, für die entsprechende Biomarker aus Gewebeproben den Ausschlag geben. In Hinblick auf die personalisierte Medizin ist die umfassende Analyse von Biomarkern auf Basis von Blut-, Urin-, Stuhl- und Speichelproben von erstrangiger Bedeutung. Idealerweise können so jene Patienten identifiziert werden, die mit großer Wahrscheinlichkeit von einem Arzneimittel profitieren können. Ebenso jene Subgruppen, die mit großer Wahrscheinlichkeit durch die Anwendung des Medikaments geschädigt werden (zum Beispiel durch die Nebenwirkungen einer Chemotherapie). Sind Patienten für eine medikamentöse Therapie jedoch geeignet, muss der Behandlungserfolg durch Monitoring überwacht werden, um die Therapie zu steuern. Beispiele dazu findet man heute primär im Bereich der Onkologie beim Melanom oder zur Behandlung des HER-2-Brustkrebses mit Herceptin, bei EGFR-Mutationen des NSCLC, die mit Gefitinib behandelt sowie den KRAS-Mutationen beim kolorektalen Karzinom, die mit Cetuximab behandelt werden, mit vorgeschriebener Begleitdiagnose zur Indizierung der Wirksamkeit.

Die Basis für eine personalisierte Medizin bildet die umfangreiche Beobachtungsstudie SHIP. Diese wurde erstmals im Jahr 1997 ins Leben gerufen, um die auffallend niedrige Lebenserwartung im Nordosten Deutschlands im bundesweiten Vergleich zu analysieren. „Es bestand der Verdacht, dass in der dortigen Bevölkerung Risikofaktoren für wichtige Erkrankungen besonders häufig auftreten“, sagte Priv.-Doz. Dr. rer. med. habil. Dr. phil. Carsten Oliver Schmidt vom Institut für Community Medicine an der Universitätsmedizin Greifswald.

Beeindruckende Quantität und Qualität

Schon die in „SHIP-0“ zwischen 1997 und 2001 durchgeführte Eingangsuntersuchung bestätigte die Annahme: „Einwohner dieser Region haben ein besonders hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Häufigkeit von Adipositas, Hypertonie und Typ-2-Diabetes liegt hier über dem Bundesdurchschnitt, bei Gallensteinen belegt Vorpommern sogar weltweit eine Spitzenposition.“ Zu den diagnostischen Basisdaten von 4 308 Erwachsenen folgten in den Jahren 2002 bis 2006 sowie 2007 bis 2012 zwei Nachuntersuchungen an zusätzlich 4 422 Probanden. Bis heute blicken die Forscher auf einen Datenpool von 8 730 Personen zurück, zu dem im Jahr 2014 noch neue Teilnehmer rekrutiert werden.

Insgesamt, so die Aussage des stellvertretenden Studienleiters, werden nach Beendigung der SHIP-Studie aus Deutschland circa 20 000 Teilnehmer eingebunden sein; international etwa 200 000 Personen. Im nächsten Jahr wird SHIP auf deutsche Auswanderer in der Region Pommerode/Blumenau in Brasilien ausgedehnt.

Doch nicht nur die Quantität der Studie ist beeindruckend, sondern auch die Qualität. Denn angesichts der demografischen Entwicklung (durch Abwanderung und Geburtenrückgang) wird in Vorpommern eine Entwicklung vorweggenommen, die in den alten Bundesländern erst in zehn bis 20 Jahren zu erwarten ist. Die SHIP-Studie ermöglicht somit einen einzigartigen Blick auf die Gesundheitsprobleme der Zukunft.

Für eine zügige Durchführung aller Untersuchungen bedarf es eines Zeitaufwands von ungefähr 20 Stunden. Neben dem Interview umfasst das Programm unter anderem EKG und Blutdruckmessungen, Zahnstatus, Echokardiographie, Leber-, Schilddrüsen- und Karotis-Ultraschall, kardiopulmonale Belastungsuntersuchungen und eine dermatologische Befundung. Die Teilnehmer erhalten zudem die Möglichkeit, eine Nacht im Schlaflabor zu verbringen. Ebenso kommen innovative Technologien wie Kernspintomographie und Positronen­emissions­tomo­graphie zum Einsatz.

So ist SHIP die erste Bevölkerungsstudie, die eine Ganzkörperuntersuchung im Kernspintomographen einschließt. Ein weiteres Beispiel ist der Einsatz eines 3D-Body-Scanners zur Vermessung des Körpers. Ergebnisse der SHIP-Studie belegen die Bedeutung von Genen für das Risiko, an Gicht oder an einer Helicobacter pylori-Infektion zu erkranken, oder wie sich Kaffee auf den Organismus auswirkt. Darüber hinaus trägt die Ermittlung von Referenzwerten von Labormarkern für die Bevölkerung zu einer verbesserten Diagnostik und Therapie bei. Nicht zu unterschätzen, so Schmidt, sei die Bedeutung von Referenzwerten auch für bildgebende Befunde. „Je mehr Daten aus der Kombination von Labormarkern und klinischen Symptomen vorliegen, desto besser wird die Analyse des Zusammenspiels zwischen Risikofaktoren und Erkrankungen ausfallen.“

Grundlage für Entwicklung neuer Medikamente

Dass „Companion Diagnostics“ mit einem enormen Potenzial ausgestattet ist, steht für Dr. Michael Meyer, Vice President Health Policy, Siemens Deutschland Healthcare, Erlangen, außer Frage. „Durch den Einsatz von therapiebegleitender Diagnostik können unnötige Kosten vermieden und wertvolle Zeit eingespart, Therapievorhersagen verbessert und somit auch bessere Therapieerfolge erzielt werden. Die Patienten profitieren von optimierten Therapiemöglichkeiten – die Kostenträger im Gesundheitsbereich von einer Eindämmung der Ausgaben, da unwirksame Arzneimitteltherapien sowie unerwünschte Nebenwirkungen unterbleiben.“

Auch für die Pharmahersteller ergäben sich neue Betätigungsfelder. Sowohl diese als auch die Hersteller im Bereich der Labordiagnostik hätten dieses Potenzial bereits erkannt und entwickelten entsprechende Tests sowie neue Medikamente gegen Aids oder Krebs.

Ende April 2013 habe auch der Deutsche Ethikrat in einer Stellungnahme zur Zukunft der genetischen Diagnostik Empfehlungen zur Übernahme der Kosten für „Companion Diagnostics“ im Gesundheitswesen gegeben, so dass zu erkennen sei, welchen Stellenwert dieses Themengebiet bereits heute schon einnehme.

Regine Schulte Strathaus

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