ArchivDeutsches Ärzteblatt45/201321. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte: Spaß an der „schrecklichen Passion“

SCHACH

21. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte: Spaß an der „schrecklichen Passion“

Dtsch Arztebl 2013; 110(45): A-2149 / B-1895 / C-1845

Pfleger, Helmut

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Hohe Arztdichte im beschaulichen Bad Neuenahr: 134 Mediziner widmeten sich ein verlängertes Wochenende dem Schach. Als Beobachter und Berichterstatter dabei: der Arzt und internationale Schachgroßmeister Helmut Pfleger.

Fotos: Josef Maus
Fotos: Josef Maus

Wenn sich Ärzte aus allen Teilen Deutschlands zu ihrem alljährlichen Schachturnier treffen, so macht sich auch die Umgebung Gedanken, wie es beispielhaft in einem Dialog zweier Zimmermädchen des Steigenberger-Hotels in Bad Neuenahr zum Ausdruck kam, den der das Turnier stets mit Witz und Wissen an seinem Schachstand belebende Manfred Mädler aufschnappte: Die Erste: „Schach muss ein schönes Spiel sein – mit festen Regeln.“ Die Zweite (skeptisch bis gelangweilt): „So, so, so.“ Die Erste wieder (emphatisch): „Ja, wenn das die Ärzte spielen, dann muss was dran sein!“

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Beide haben vermutlich weder vom Diktum Raymond Chandlers gehört, der befand: „Schach ist die komplizierteste Vergeudung menschlicher Intelligenz außerhalb einer Werbeagentur“, was ihn allerdings nicht daran hinderte, selbst gerne seine Intelligenz derart zu vergeuden, noch von der Aussage des englischen Schriftstellers H. G. Wells: „Schach ist eine schreckliche Passion. Willst du jemand zerstören, so lehre ihn Schach. Politiker regieren nicht mehr, Väter kümmern sich nicht mehr um ihre Familie.“ Da klingt doch der Arzt und neben Lasker vor 100 Jahren weltbeste Schachspieler Dr. Siegbert Tarrasch viel sympathischer: „Ich bedaure jeden, der das Schachspiel nicht kennt. Es hat, wie Musik und die Liebe, die Kraft, Menschen glücklich zu machen.“

Die Besten unter 134 Teilnehmern: Peter Weber, Johannes Dorst, der diesjährige Sieger Giampiero Adocchio, Hannes Knuth und Stefan Müschenich (von links nach rechts)
Die Besten unter 134 Teilnehmern: Peter Weber, Johannes Dorst, der diesjährige Sieger Giampiero Adocchio, Hannes Knuth und Stefan Müschenich (von links nach rechts)

Man darf vermuten, dass der Arzt Lasker mit seiner Sicht auf das Schachspiel am ehesten zum Ausdruck brachte, was die 134 Kolleginnen und Kollegen aus allen Teilen Deutschlands dazu veranlasst hat, den mehr oder weniger weiten Weg nach Bad Neuenahr anzutreten, um sich für ein verlängertes Wochenende ganz der „schrecklichen Passion“ zu widmen. Und bei manch einem war die Anreise schon ungewöhnlich. „Der Weg ist das Ziel“, heißt es. Und je beschaulicher dieser, desto besser. Entsprechend radelte der Kinderarzt Dr. med. Thomas Hoth die 150 Kilometer von Bad Kreuznach nach Bad Neuenahr (wie übrigens auch Dr. med. Ralf Knickrehm aus Duisburg). Respekt – und im Falle von Dr. Hoth trotzdem ein gewisser Abstieg, denn letztes Jahr lief er die ganze Strecke noch zu Fuß. Ein veritabler Pilgerweg! Zur Beruhigung von uns Normalsterblichen, nicht an einem Tag!

Auch Könner können ein schönes Selbstmatt basteln

134 Teilnehmer ist die eine beeindruckende Zahl, Turnier Nummer 21 die andere. Das ist sicher nicht schlecht, und alle anderen Berufsgruppen, insbesondere die Juristen und Lehrer erblassen vor Neid, doch zumindest unter Kinderärzten gibt es noch Ausdauerndere. Hier meine ich nicht den Fuß- und Radwanderer Dr. Hoth, sondern die Kinderarztpraxis Dr. Giffhorn in Braunschweig, die bereits 1913 gegründet wurde und heuer 100 Jahre alt wird. Der jetzige Praxisinhaber und Schachspieler Dr. med. Andreas Giffhorn übernahm sie vor Jahren von seinem älteren Bruder, und nun wird ihm seine Tochter nachfolgen. Möge es bis zum Nimmerleinstag so weitergehen!

Doch zurück zur 21. Schachmeisterschaft für Ärztinnen und Ärzte im schönen Ahrtal. Spannend war’s wieder an vielen Brettern. Wenn die Sekunden auf der Schachuhr unerbittlich wegticken, kann selbst ein ausgewiesener Könner wie der dreimalige Sieger des Ärzteturniers, Dr. med. Patrick Stiller, gegen Prof. Dr. med. Peter Krauseneck ein „wunderschönes“ Selbstmatt basteln; nur wird die Ästhetik leider nicht belohnt, sondern mit einer fetten Null in der Punktetabelle bestraft. Allenfalls vergleichbar mit traumhaften Eigentoren beim Fußball.

Bei einem anderen Brett stellt der eine einzügig die Dame ein. Noch im Ziehen bemerkt er das Malheur, ein gequältes und gleichzeitig für den Gegner zutiefst freudiges „Oh je“ entweicht seinen Lippen. Zu spät, mein Freund, du rettest sie nicht mehr, berührt – geführt heißt die unbarmherzige Regel.

Natürlich kann es ratsam sein, den Gegnern schon vor der Partie Angst einzuflößen und nicht nur auf die Geistesblitze am Brett zu vertrauen. So erwägt der Verbandsarzt des Deutschen Schachbunds, Dr. med. Stefan Hehn aus dem schwäbischen Grünkraut (wie Rotkohl, wenn Sie es sich unbedingt merken wollen), sich ein Schild mit seinen Meriten anzufertigen: Remisen im Simultanspiel gegen die Großmeister Jussupow sowie Hort und gar ein Sieg gegen den Exweltmeister Kramnik. Kennen Sie das Märchen vom Schneider aus Ulm mit seinem „Sieben auf einen Streich“?!

Mit sieben Gegnern ist es beim Ärzteschach indessen nicht getan, es sind gar neun! Gespielt wird dabei nach dem Schweizer System, das in den jeweils neu auszulosenden Runden möglichst Spieler mit einem vergleichbaren Punktestand zusammenführt. Neun Runden sind es insgesamt, davon sechs am ersten Turniertag und drei am Abschlusstag. Allzu gemächlich geht’s dabei in der Regel nicht zu, denn pro Spieler und Partie ist eine halbe Stunde Bedenkzeit erlaubt. Da gerät man mitunter schon mal in arge Zeitnot.

Anerkennender Beifall für die besten Fünf des Turniers

Am Ende hatte mit acht von neun möglichen Punkten Dr. med. Giampiero Adocchio aus Mosbach das bessere Ende für sich. Mt einem halben Punkt Vorsprung sicherte er sich den Turniersieg vor Johannes Dorst aus Ulm. Auf den dritten Platz kam Dr. med. Hannes Knuth, auf den Plätzen vier und fünf folgten Dr. med. Stefan Müschenich und Dr. med. Peter Weber. Allesamt mit einer großartigen Leistung, die bei der Siegerehrung von den Kollegen anerkennend beklatscht wurde.

Zum Abschluss galt der Dank der schachspielenden Ärzte dem „Deutschen Ärzteblatt“ für die wie immer glänzende Organisation des Turniers und der Deutschen Apotheker- und Ärztebank, vertreten durch deren Repräsentanten Reimund Koch, für die stete und großzügige Unterstützung. Mögen dem 21. Turnier noch viele weitere folgen.

Dr. med. Helmut Pfleger

Zwei allein gegen Viele

Meistens geht es nicht gut aus. Dennoch versuchen es zahlreiche Ärzte Jahr für Jahr aufs Neue: einmal einen Großmeister schlagen – oder wenigstens ein Unentschieden erkämpfen. Helmut Pfleger (Foto oben) und Artur Jussupow stellten sich der Herausforderung in Simultanpartien gegen zwölf und 22 Gegner. Pfleger absolvierte ein sogenanntes Uhrenhandicap, bei dem jeder einzelne Gegenspieler genauso viel Bedenkzeit hat wie der Großmeister insgesamt für alle. Zehnmal siegte Pfleger, einmal musste er sich geschlagen geben, und einmal hieß es am Ende unentschieden. Jussupow gewann beim „normalen“ Simultan 20 Partien, zweimal gab es ein Remis.

Großmeister Jussupow lud zudem am Abend des ersten Turniertages zu einem Schachseminar mit dem Thema „Meine Begegnungen mit Botwinnik und Tal“. Im Mittelpunkt standen interessante Partien dieser beiden Schachgrößen und ein wenig „Typenlehre“, die das Naturell der Weltmeister ein wenig näher beleuchte.

Am Tag darauf kam es bei der Schachmeisterschaft zu einer hochspannenden Begegnung an Tisch eins, dem Spitzenbrett des Turniers. Giampiero Adocchio (Foto unten, links) und Hannes Knuth, mehrfacher mecklenburgischer Schachmeister, trafen aufeinander. Adocchio gewann in der achten Runde mit Schwarz. JM

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