ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2013Teilnahme an klinischen Studien: Ein kostbares Geschenk

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Teilnahme an klinischen Studien: Ein kostbares Geschenk

Dtsch Arztebl 2013; 110(45): A-2128 / B-1878

Golder, Werner

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Prof. Dr. med. Werner Golder, Radiologe, Avignon
Prof. Dr. med. Werner Golder, Radiologe, Avignon

Es kommt nicht oft vor, dass Autoren einer klinischen Studie den Patienten, die daran teilgenommen haben, wenigstens im Nachwort, wo Sponsoren, Schreib- und studentische Hilfskräfte feste Plätze haben, danken. Diese Beobachtung kann man in allen Disziplinen machen, sie wird durch jede neue medizinisch-wissenschaftliche Zeitschrift bestätigt. Dabei hätten die mit Abstand wichtigsten Partner eines derartigen Forschungsprojekts besondere Anerkennung verdient.

Schon das Rekrutierungsverfahren ist unbarmherzig. Bereits der erste Kontakt mit dem Studienarzt kann tief treffen und dauerhaft verletzen. Da wird der Kandidat mit akademischer Präzision auf seine Diagnose angesprochen; es werden ihm die Mängel der bisher üblichen und möglicherweise auch bei ihm bereits angewandten diagnostischen/therapeutischen Verfahren dargelegt; anschließend wird ihm das neue Produkt/Verfahren vorgestellt, das im Dienste der klinischen Forschung erprobt werden soll. Mag der Patient dem Fortschrittsdenken in der Medizin gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen sein und dem Arzt, der ihm gegenübersitzt, persönlich vertrauen, so wird ihm in dieser Situation doch schonungslos bewusstgemacht, dass er an einer für die Wissenschaft interessanten Erkrankung leidet oder das Stadium der Erkrankung, in dem er sich gerade befindet, für die Wissenschaft interessant ist.

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Auch wenn der Patient bis dahin noch nie etwas von „Studienarm“ oder „Kontrollgruppe“ gehört hat, erkennt er bei der Lektüre des Aufklärungsbogens, dass das Vorhaben für einige Teilnehmer möglicherweise nicht frei von unerwünschten Wirkungen ist. Durch die Medikamenten-Beipackzettel sind Patienten an solche Warnungen gewöhnt. Die mit der Teilnahme an der Studie verbundenen Risiken sind freilich anders als die Nebenwirkungen zugelassener Pharmaka – sie sind zumindest teilweise unbekannt und potenziell größer.

Die Teilnahme an der Studie verlangt viel Zeit und viel Geduld – bei den An- und Abfahrten, in den Warteräumen, bei den Gesprächen, bei den Untersuchungen. Manchmal wird aus Gründen des Studiendesigns der Verzicht auf die Fortsetzung der Einnahme bisher verwendeter Medikamente und/oder die Unterbrechung der bisherigen therapeutischen Maßnahmen gefordert. Nicht immer wird im Detail erläutert, ob die begleitenden körperlichen und instrumentellen Untersuchungen studienbedingt sind oder auch sonst sinnvoll und notwendig gewesen wären. Jeder einzelne Test erhöht aber die physische und psychische Belastung des Patienten.

Allein die Intensivierung der somatischen Überwachung führt unweigerlich dazu, dass der Kranke von seinem Leiden noch stärker vereinnahmt wird, als es ohnehin der Fall ist. Das hohe Ziel der ärztlichen Kunst, den Patienten durch die Therapie, sei sie kausal und/oder symptomatisch, in die Lage zu versetzen, seinen Zustand so lange oder so oft wie möglich zu vergessen und so bedingungslos wie möglich aus dem Bewusstsein zu verdrängen, rückt dadurch konzeptionell in die Ferne.

Zum objektiven Erwartungsdruck kommen die mit Fortschreiten der Studie sich unweigerlich mehrenden subjektiven Ahnungen und Befürchtungen. Jeder Studienteilnehmer bringt einen natürlichen, in jeder Hinsicht verständlichen Egoismus in das Projekt ein. Er hofft auf Linderung, Besserung, vielleicht sogar Heilung durch die Teilnahme an der Studie – als Belohnung für die Entbehrungen, die er dafür auf sich nimmt. Es ist ihm nicht anzulasten, wenn er den potenziellen Eigennutzen mit der Leistung, die er für Wirtschaft und Wissenschaft erbringt, verrechnet, danach fragt, was er persönlich vom Ergebnis der Studie zu erwarten hat, und aus dem Studienziel individuelle Zuversicht ableitet. Doch der Optimismus der Startphase ist vielfach von begrenzter Dauer. Nach einer mehr oder weniger langen Frist stellt sich immer häufiger und drängender die Frage: Welcher Gruppe gehöre ich an – der, die den Nutzen hat, oder jener, die auf den zweiten Platz kommt?

Studienpatienten erklären sich mit ihrem Ja gleichsam zu Dienstleistern für anonyme Nachfolger in der gemeinsamen Krankheit. Als ob das Tragen und Ertragen des Leidens nicht schwer genug und die Not, in die sie die Krankheit gestürzt hat, nicht bitter genug wäre, stellen sie ihr beschädigtes Leben für einen Versuch zur Verfügung, verinnerlichen sie sich, dass dabei von ihrer Person krankheitsbedingt etwas Außergewöhnliches erwartet wird, nehmen sie den zusätzlichen Erwartungsdruck, der ihnen mit der Rolle des Forschungssubjekts zugefallen ist, auf sich und gehen die von dem einen als mehr, von dem anderen als weniger bedrückend empfundene Verpflichtung ein, in und mit und durch die Krankheit einen Beitrag zum Fortschritt der Medizin zu leisten.

Die Studienpatienten bleiben im Schatten des Kollektivs verborgen. Gerade dann, wenn die Teilnehmer im Anhang wieder einmal nicht dankend erwähnt werden, sollten sich nicht nur die Leser und Nutznießer jeder einzelnen Studie, sondern auch die Initiatoren laufender und geplanter klinischer Prüfungen deren Verdienste voll Bewunderung und Dankbarkeit vergegenwärtigen.

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