ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2013Chefarzt: Kapitän oder Matrose?

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Chefarzt: Kapitän oder Matrose?

Dtsch Arztebl 2013; 110(45): A-2099 / B-1855 / C-1811

Hibbeler, Birgit

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Was macht einen guten Chefarzt aus? Er ist der Leuchtturm seiner Abteilung: ein Fels in der Brandung, ein markantes Bauwerk, das man schon von weitem sieht. Er gibt verlässliche Signale und Orientierung, hilft anderen dabei, ihr Ziel zu erreichen. Solche Vergleiche mit Bildern aus der Seefahrt lassen sich fortsetzen: Der Chefarzt ist schließlich der Kapitän auf dem Krankenhausschiff. Er weiß, wo es langgeht und gibt den Kurs vor.

Viele Chefärzte dürften bezweifeln, dass dieses Bild so noch stimmt. In einem Gesundheitswesen, in dem ökonomische, juristische und bürokratische Zwänge die Arbeit stärker beeinflussen als je zuvor, mag sich manch ein Chefarzt fühlen wie ein Matrose, der zu tun hat, was andere sagen. Außerdem sieht er sich mit einer Generation von Medizinern konfrontiert, die andere Prioritäten setzt, als er das als junger Arzt getan hat. Seine Mitarbeiter folgen ihm nicht mehr begeistert nach Dienstschluss in den OP, um interessante Eingriffe zu sehen. Die „Generation Y“ will ein Privatleben. „Wir sind noch nach dem Esel-Karotten-Prinzip sozialisiert“, sagte Prof. Dr. med. Hartwig Bauer, langjähriger Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, auf dem Europäischen Gesundheitskongress in München. „Anstrengung heute, Belohnung morgen.“ Doch die Möhre, die jahrelang vor der Nase baumelt, wird heute kaum noch als motivierend empfunden.

Über die Motivation und Belohnung von Chefärzten ist unterdessen in den vergangenen Monaten viel diskutiert worden. Stichwort: Bonuszahlungen. Das hat die Bundes­ärzte­kammer und den Verband der Leitenden Krankenhausärzte dazu veranlasst, verschiedene Arten von Zielvereinbarungen zu bewerten. Vielfach sehen sie berufsrechtliche Probleme (siehe „Wo der Rubikon überschritten ist“ in diesem Heft). Tatsächlich schaden Ärzte dem Ansehen ihres Berufsstandes, wenn der Eindruck entsteht, dass finanzielle Anreize medizinische Entscheidungen beeinflussen.

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Auch die Chefärzte selbst gewinnen dabei nichts. Für Prof. Dr. med. Matthias Anthuber, Klinikum Augsburg, ist Erfüllung im Beruf nicht in erster Linie an finanzielle Anreize gekoppelt. „Geld macht nicht glücklich“, sagte Anthuber. Er habe ein riesiges Problem mit Zielvereinbarungen. Sie könnten sogar motivationshemmend sein, denn sie unterstellten, „dass die volle Leistungsbereitschaft primär fehlt“. Was heißt das nun für das Schiff Krankenhaus? Treffen dort arbeitsscheue Jungmediziner auf Chefärzte, denen die intrinsische Motivation abhandengekommen ist? Auf einem solchen Schiff gäbe es weder glaubwürdige Lehrer noch aufnahmebereite Schüler.

Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Früher war nicht alles besser. Und das Bild der Chefärzte ohne Integrität ist vermutlich genauso übertrieben wie das der allein freizeitorientierten Generation Y. Trotzdem gibt es keine Entwarnung. Denn wer ein bisschen von Seefahrt versteht, weiß: Kommt man vom Kurs ab, sollte man das frühzeitig korrigieren. Gerade große Schiffe sind träge. Sie können nicht einfach bremsen. Deshalb hat jeder in der Mannschaft die Pflicht, auf Fehlentwicklungen hinzuweisen. Das gilt im Übrigen auch für Chefärzte, die ja keineswegs dazu verpflichtet sind, sich auf fragwürdige Zielvereinbarungen einzulassen. Auf der Veranstaltung in München erweiterte Prof. Dr. rer. pol. Günter Neubauer die Fragestellung „Kapitän oder Matrose“ um den Nachsatz „oder vielleicht Meuterer“.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

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