ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2013Barrierefreiheit: Schwerhörigkeit wird verdrängt
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Sie schreiben „In Deutschland leben etwa 9,6 Millionen Menschen mit Behinderungen“. In dieser Zahl fehlen die zwölf bis 14 Millionen Hörbehinderte in Deutschland.

Zu denen gehöre auch ich mit einem amtlichen Schwerbehindertenausweis RF bei mittel- bis hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit.

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In keinem anderen Land mit hohem industriellem Standard wird Schwerhörigkeit so in die Ecke gedrängt wie in Deutschland! . . .

Schwerhörigkeit bedeutet: Du bist blöd, bist doof (mit deinem verlangsamten oder falschen Verstehen), und so wird Schwerhörigkeit zu verdrängen versucht, sowohl von Behinderten wie von Normalhörenden. Das Verdrängen führt ins soziale Abseits. Bei Hörbehinderung ist der Mensch vom Menschen getrennt. Informative Bücher über die vielerlei Möglichkeiten, die Hörbehinderung zu kompensieren, werden kaum gekauft.

Als ich mit Anfang 40 hörbehindert wurde (vor 40 Jahren), bekam ich vom Akustiker ein Hörgerät mit einem Zusatzprogramm T (Telefon). Ich erhielt keine Information, dass in dem Hörgerät eine Induktionsspule eingebaut war, was diese leisten kann (außer T, das ich nicht brauchte). Zu meinem Glück fuhr ich nach Schweden in Urlaub und stand an einem Sonntag vor einer kleinen Dorfkirche. An der Tür ein Schild „diese Kirche hat eine Hörschleife“. Ich hatte keine Ahnung, was das ist, und schaltete Programm T ein. Oh Wunder! Ich hörte den Pfarrer klar und deutlich reden, als spräche er direkt in mein Ohr hinein, ohne Störschall! Zu Hause habe ich mir gleich vom Akustiker diese „Ringschleife“ (ein ringförmig im Zimmer ausgelegter Draht mit Induktionsstrom) in mein Sprechzimmer legen lassen.

In der Schweiz, in der seit Jahrzehnten eine vom Staat beaufsichtigte hörbehindertengerechte Versorgung besteht, kann ich in einem Freilichttheater über die Ringschleife prima verstehen, während ich in Frankfurt am Main von keinem öffentlichen Großraum mit dieser Anlage weiß.

Seit 2007 haben wir ein Gesetz, dass in öffentlichen Großräumen eine Induktionsanlage installiert sein muss (nicht teuer); dieses wird nicht beachtet!

Dr. med. Dietmut Thilenius, 65812 Bad Soden

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