ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2013Die sieben Todsünden: SALIGIA

KUNST + PSYCHE

Die sieben Todsünden: SALIGIA

PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 482

Kraft, Hartmut

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Lucas Vorstermann der Jüngere, Luxuria. Radierung, 19,2 × 15 cm, Blatt mit Textzeilen aus einer Folge von sieben Radierungen mit Motiven nach Adriaen Brouwer. Foto: Eberhard Hahne
Lucas Vorstermann der Jüngere, Luxuria. Radierung, 19,2 × 15 cm, Blatt mit Textzeilen aus einer Folge von sieben Radierungen mit Motiven nach Adriaen Brouwer. Foto: Eberhard Hahne

Sagt Ihnen der Begriff SALIGIA etwas? Vermutlich nicht – es sei denn, Sie kennen mittelalterliche Theorien zur Entstehung der Pest, beziehungsweise Sie gehören zu den Lesern von Dan Browns neuem Thriller „Inferno“ (2013). Dann erinnern Sie sich vielleicht an diese Abkürzung als eine Zusammenfassung der sieben Todsünden:

- S Superbia (Hochmut, Hoffart)

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- A Acedia (Trägheit)

- L Luxuria (Genusssucht, Wollust)

- I Invidia (Neid, Missgunst)

- G Gula (Gefräßigkeit, Völlerei)

- I Ira (Zorn)

- A Avaritia (Habsucht, Geiz).

Auch wenn Todsünde als Begriff der katholischen Theologie entspringt, so weist er doch ebenfalls eine Beziehung zur Psychotherapie auf. Victor E. Frankl, der Begründer der Logotherapie, bezeichnete neurotische Symptome, die durch Sinndefizite oder starke Gewissenskonflikte verursacht werden, als „noogene Neurosen“; Edgar Schätzing sprach von „ekklesiogenen Neurosen“. Diese Diagnosen sind längst außer Mode gekommen, die damit gemeinte Problematik taucht heutzutage jedoch als „Skrupel-Syndrom“ im religiösen Kontext wieder auf, wie eine Übersichtsarbeit von Marion Sonnenmoser erst im August-Heft 2013 von PP aufgezeigt hat.

Todsünde wird definiert als eine freiwillige, absichtsvolle und schwerwiegende Übertretung göttlicher Gebote. Der „ewige Tod“ ist die Folge, sofern nicht im Bußsakrament, der Beichte, eine „vollkommene Reue“ gezeigt wird.

Die heute noch gültige Fassung der sieben Todsünden stammt von Papst Gregor I., dem Großen (um 540 bis 604), der seinerseits auf ältere Texte zum Beispiel von Tertullian (um 160 bis circa 222) und Evagrios Pontikos (345 bis 399) zurückgriff.

Die wirkungsreichste Gestaltung der Todsünden gelang Dante Aligheri (1265 bis 1321) im ersten Teil seiner „Göttlichen Komödie“, wo er in seiner Schilderung des „Inferno“ – siehe Dan Brown – eindrucksvolle, bis heute nachwirkende Bilder erfand. Sie wurden von Künstlern wie Pieter Breughel d. Ä., Adriaen Brouwer, James Ensor bis hin zu Salvador Dalí und zeitgenössischen Künstlern aufgegriffen. Ein Blick ins Internet zeigt das Ausmaß moderner Gestaltungen in Kunst, Musik, Film und in Computerspielen – womit wir mitten im Thema sind für 14 Hefte bis Ende 2014. Grundlage dieser Serie ist eine Folge von Pop-up-Grafiken der „edition burgart“ in Rudolstadt. Seit 2011 erscheinen dort im Halbjahresrhythmus Grafiken zu den sieben Todsünden, das letzte dieser Kunstwerke also erst 2014. In den folgenden Monaten werden jeweils eine ältere Druckgrafik im Wechsel mit einer dieser zeitgenössischen Gestaltungen als Titelbild in „Kunst & Psyche“ besprochen. Im Anschluss an das Thema „Liebe“, dem sich diese Serie bis Oktober 2013 gewidmet hat, beginnen wir – wie kaum anders denkbar – mit der „Luxuria“, der Wollust. Aus heutiger Sicht recht brav zeigt sie sich uns auf einer Radierung von Lucas Vorstermann d. J. (1624 bis circa 1666), die nach einem Bild von Adriaen Brouwer (1605 bis 1638) angefertigt wurde. Verglichen mit der Derbheit und Drastik vieler seiner Bilder hat der Künstler hier eine vergleichsweise zahme Darstellung der „Wollust“ gewählt, die unseren Vorstellungen von einer Todsünde kaum noch entsprechen dürfte.

Dr. med. Hartmut Kraft

Biografien Luca Vorstermann d. J. und Adriaen Brouwer

Lucas Vorstermann der Jüngere, geboren 1624 in Antwerpen, wo er 1651/52 Meister wurde. Er stach viele Reproduktionen nach Gemälden von Peter Paul Rubens, Jacob Jordaens, David Tenier und Brouwer. Gestorben 1666 in Antwerpen.

Adriaen Brouwer, geboren 1605/1606 in Oudenaarde/Flandern. Er gilt als der bedeutendste Bauernmaler der Zeit nach Peter Breughel dem Älteren. Sein Lebensstil gab Anlass zu biografischen Schilderungen und Anekdoten. Seine Bilder wurden schon zu Lebzeiten, oft ohne sein Einverständnis, kopiert. Gestorben 1638 in Antwerpen.

1.
Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co. In Therapie und Seelsorge. Psychologie der 7 Todsünden. Springer, Berlin, Heidelberg 2012.
2.
Giltaji J, u. a.: Der Zauber des Alltäglichen. Holländische Malerei von Adriaen Brouwer bis Johannes Vermeer. Hatje Cantz, Stuttgart 2005.
3.
Jacob-Friesen H: Von der Psychomachie zum Psychothriller. Die Sieben Todsünden in der Kunst. In: Bellebaum A, Herbers D (Hrsg.): Die sieben Todsünden. Aschendorff, Münster 2007: 29–85.
1.Bucher A: Geiz, Trägheit, Neid & Co. In Therapie und Seelsorge. Psychologie der 7 Todsünden. Springer, Berlin, Heidelberg 2012.
2.Giltaji J, u. a.: Der Zauber des Alltäglichen. Holländische Malerei von Adriaen Brouwer bis Johannes Vermeer. Hatje Cantz, Stuttgart 2005.
3.Jacob-Friesen H: Von der Psychomachie zum Psychothriller. Die Sieben Todsünden in der Kunst. In: Bellebaum A, Herbers D (Hrsg.): Die sieben Todsünden. Aschendorff, Münster 2007: 29–85.

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