ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2013Psychische Erkrankungen: Arbeitswelt bleibt oft außen vor

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Psychische Erkrankungen: Arbeitswelt bleibt oft außen vor

PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 490

Ankowitsch, Eugenie

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Arbeit hat einen großen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen. Bei der Behandlung psychischer Erkrankungen werden aber arbeitsplatzbezogene Aspekte nur unzureichend berücksichtigt.

Foto: iStochphoto
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Viele Menschen verbringen einen großen Teil des Tages am Arbeitsplatz. Wenig verwunderlich, dass die Arbeitsbedingungen einen großen Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Beschäftigten haben, und zwar sowohl positiven als auch unter Umständen negativen. Dennoch würden arbeitsplatzbezogene Aspekte in einer psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung oftmals nur unzureichend oder erst sehr spät berücksichtigt, kritisierte Dr. Hans-Peter Unger, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Zentrum für Seelische Gesundheit der Asklepios- Klinik Hamburg-Harburg, anlässlich des 10. Europäischen Depressionstages am 1. Oktober.

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Therapeuten müssten besser über die Arbeitswelt informiert sein und ihren Patienten regelmäßig arbeitsweltbezogene therapeutische Angebote unterbreiten, forderte Unger. So sollte beispielsweise die Wiedereingliederungsphase bereits am ersten Tag der Behandlung beginnen. „Ein geeigneter und nicht überfordernder Arbeitsplatz kann bei einer Depression stabilisieren und wie ein Antidepressivum wirken“, sagte auch Prof. Dr. Detlef Dietrich, Ärztlicher Direktor des AMEOS-Klinikums Hildesheim und Repräsentant der European Depression Association in Deutschland. Dietrich und Unger betonten dabei die immense Bedeutung der Kooperation der Betriebsärzte mit niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten, aber auch mit Kliniken und Institutsambulanzen.

Unternehmen unvorbereitet

Etwa vier Millionen Menschen, darunter circa zwei Millionen Arbeitnehmer, leiden in Deutschland unter Depressionen. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen steigt kontinuierlich. Psychische Störungen sind der Deutschen Rentenversicherung Bund zufolge die häufigste Ursache für krankheitsbedingte Frühberentungen.

Aber nicht nur Ärzte sind angesichts dieser Zahlen gefragt, sondern auch die Unternehmen. Denn am Arbeitsplatz ist das Verhalten der Führungskräfte entscheidend. Noch stehen jedoch viele Unternehmen dem Problem eher unvorbereitet gegenüber. Um betroffene Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu unterstützen, hat die European Depression Association einen Leitfaden mit Anregungen für den Umgang mit depressiv erkrankten Menschen am Arbeitsplatz und Präventionsmöglichkeiten herausgegeben (www.european-depression-day.de). In Vorträgen und Schulungen informiert auch die Stiftung Deutsche Depressionshilfe Führungskräfte und Gesundheitsverantwortliche in Unternehmen über psychische Erkrankungen.

Nicht nur im Berufsleben, sondern auch bei Langzeitarbeitslosen sind psychische Erkrankungen ein häufiges Vermittlungshemmnis. Sie werden aber oft nicht erkannt und bleiben unbehandelt. „Depressiven Menschen fällt die Arbeitssuche aufgrund der Antriebslosigkeit besonders schwer. Sie können sich auch krankheitsbedingt in Bewerbungsgesprächen oft nicht positiv darstellen“, sagte Priv.-Doz. Dr. Christine Rummel-Kluge, Geschäftsführerin Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Diesem Problem kann jedoch erfolgreich begegnet werden, wie Modellprojekte „Psychosoziales Coaching“ in München und Leipzig, die in Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur vor Ort durchgeführt werden, zeigen. Das Ziel sei, Langzeitarbeitslose mit psychischen Erkrankungen zu identifizieren und bei entsprechender Indikation in das Versorgungssystem zu lotsen. „Im Leipziger Projekt wurde festgestellt, dass etwa 64 Prozent der 600 Personen, mit denen ein Erstgespräch geführt wurde, eine psychische Erkrankung hatten. Über 90 Prozent der Betroffenen erhielten keine oder keine leitliniengerechte Behandlung. Durch das Projekt bekommen die meisten von ihnen nun eine passende Therapie“, fasste Rummel-Kluge die ersten Ergebnisse des Projektes zusammen.

Eugenie Ankowitsch

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