POLITIK: Das Gespräch

Gespräch mit Prof. Dr. Jochen Schweitzer, scheidender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie – Systemische Therapie: „Ein Viertel des wirksamen Methodenspektrums wird ausgeschlossen“

PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 491

Bühring, Petra

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„Ich verstehe nicht, dass der G-BA alle Studien noch einmal prüfen will, obwohl dasselbe Methodenpapier angewendet wird. Das ist irrsinnig.“ Jochen Schweitzer
„Ich verstehe nicht, dass der G-BA alle Studien noch einmal prüfen will, obwohl dasselbe Methodenpapier angewendet wird. Das ist irrsinnig.“ Jochen Schweitzer

Systemische Therapeuten können zur Versorgung vieles beitragen, besonders durch die Kompetenz, vernetzt zu denken und zu arbeiten. Doch die fehlende sozialrechtliche Zulassung bremst die Entwicklung.

Die systemische Therapie (ST) befindet sich im Aufwind. Das zeigte nicht nur die große Zahl der Teilnehmer der 13. Wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) Ende September in Berlin. Die Zunahme der Zahl der Weiterbildungsinstitute von etwa 30 im Jahr 2000 auf mittlerweile 60 ist ebenfalls ein Beleg dafür. Dies hängt auch mit der Verabschiedung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung (MWBO) im November 2011 durch den Deutschen Psychotherapeutentag zusammen, die bislang in vier Bundesländern (Baden-Württemberg, Bremen, Hessen und Rheinland-Pfalz) umgesetzt worden ist. Weitere Länder sind auf dem Weg.

Systemisches Denken kommt nicht nur in der Psychotherapie zum Einsatz, sondern viel breiter gefasst in der Beratung und im Coaching sowie in der Familien- und Jugendhilfe. „Die Erfahrungen der Systemiker sind gefragt, gerade ihre Fähigkeit zum vernetzten Denken“, betonte der Präsident der Bundes­psycho­therapeuten­kammer, Prof. Dr. Rainer Richter, bei der Jahrestagung. Umso unerfreulicher sei, dass ein derart wirksames Verfahren in Deutschland den Patienten vorenthalten werde. Gerade für die Behandlung von Patienten mit schweren, komplexen psychischen Erkrankungen könne die systemische Therapie hilfreich sein. Richter sprach damit den Umstand an, dass das Verfahren 2008 zwar vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) als wissenschaftlich anerkannt wurde – sowohl für die Psychotherapie Erwachsener als auch für die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Eine Zulassung durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) zur Kostenübernahme in der GKV blieb ihm jedoch bislang verwehrt. Immerhin prüft der G-BA seit April dieses Jahres die sozialrechtliche Anerkennung.

Prof. Dr. Jochen Schweitzer hat die DGSF in den letzten sechs Jahren geführt. Der Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg gibt den Vorsitz nun turnusmäßig ab an Dr. Björn Enno Hermanns. Schweitzer ist zudem Mitglied im WBP und hat somit auch berufspolitische Erfahrung. Warum sich die ST gerade im Aufwind befindet, erklärt sich der Diplom-Psychologe damit, dass einige Ideen des systemischen Denkens momentan besonders aktuell werden; vor allem die Idee, dass Menschen immer in Kontexten leben, nie isoliert. „Bei einer Reihe von Dispositionen stoßen wir an die Grenzen dessen, was möglich ist in der Einzelsitzung.“ Das vernetzte Arbeiten sei dem systemischen Denken immanent. Gestärkt werde diese Kompetenz zudem durch die mehrdisziplinäre Weiterbildung: Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Pädagogen, Psychologen, Ärzte und auch Theologen werden gemeinsam weitergebildet. „Diese Weiterbildungskultur hat zur Folge, dass man lernt, wie die andere Profession tickt“, sagt Schweitzer.

Zurzeit gibt es unter den etwa 60 Weiterbildungsinstituten auch zwei Institute – in Berlin und in Essen –, die eine Approbationsausbildung in systemischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie anbieten. Und das, obwohl eine Niederlassung bisher nicht möglich ist, da das Verfahren eben noch nicht kassenrechtlich zugelassen ist. „Das ist ein heikler Punkt“, sagt Schweitzer. „Juristisch ist eine Approbationsausbildung möglich. Doch weil sich Ausbildungen häufig über Institutsambulanzen finanzieren, ist die systemische Ausbildung sehr schwer zu realisieren.“ Eine Genehmigung für die Ausbildung hätten zurzeit noch drei weitere Institute. „Aber ob man es macht, das ist eine ökonomische Frage. Das Problem ist die fehlende Zulassung zur GKV-finanzierten Versorgung.“ Die Teilnehmer könnten ihre Ausbildung nicht über geleistete Therapiestunden refinanzieren.

Behinderung der Forschung

Welche weiteren Konsequenzen für die Versorgung hat die fehlende sozialrechtliche Zulassung? Schweitzer weist darauf hin, dass der Anteil der Systemiker in der niedergelassenen Praxis kaum zunehmen werde. Er sei zwar noch erheblich bei den Psychotherapeuten mit Übergangsregelung nach dem Psychotherapeutengesetz. Der Anteil bleibe auch konstant, weil sowohl Verhaltenstherapeuten als auch psychodynamisch Tätige Weiterbildungen in ST vor oder nach ihrer Approbationsausbildung absolvieren. Aktuell arbeiteten in der Praxis geschätzte 20 Prozent der Therapeuten mit systemischem Hintergrund. Durch die Verabschiedung der MWBO könne der Anteil noch einmal ansteigen.

Eine weitere Konsequenz sei, dass die Forschung behindert werde. Randomisiert kontrollierte Studien würden gemacht, die nur psychodynamische oder verhaltenstherapeutische Studienarme haben. Entsprechend seien Systemiker auch in den Kammern unterrepräsentiert: „Wir können uns nicht so einbringen, wie wir möchten.“

Zudem werde im klinischen Bereich die Entwicklung gebremst, wenngleich die ST trotzdem gedeihe, aber stärker in anderen Bereichen als im Gesundheitswesen. „Das kassenfinanzierte Psychotherapiewesen behindert sich dadurch selbst. Ein Viertel des wirksamen Behandlungs- und Methodenspektrums wird ausgeschlossen“, sagt Schweitzer. Die systemische Therapie biete ein komplementäres Profil; sie setze Akzente, die anderen Verfahren fehlen: den Mehr-Personenansatz, mit Familien, Paaren oder Netzwerken zu arbeiten; die stärkere Lösungs- und Ressourcenorientierung; die intensivere Kompetenz in der multi-professionellen Kooperation.

Heute selbst Mitglied im WBP, war Schweitzer früher Koautor einer Expertise, die der Begutachtung der systemischen Therapie zugrunde gelegt wurde. Viele Studien wurden hinsichtlich der Wirksamkeit über zwei Jahre sorgfältig überprüft. Im Dezember 2008 hat der WBP das Verfahren schließlich zur vertieften Ausbildung empfohlen. Bei der Frage, warum der Gemeinsame Bundes­aus­schuss die Expertise des WBP nicht einfach übernehmen oder fortführen könnte, muss Schweitzer lächeln: „Ich verstehe, dass der G-BA den Kosten-/Nutzeneffekt überprüfen muss. Ich verstehe nicht, dass der G-BA alle Studien noch einmal prüfen will, obwohl dasselbe Methodenpapier angewendet wird. Das ist irrsinnig.“ Schon die Diskussion darüber lasse bei allen Beteiligten angesichts der zu erwartenden Arbeit „den Schweiß ausbrechen“. Wenn die Prüfung der ST nicht an das IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) ausgelagert werde, was als „Beschleunigungsidee“ gelte, könne der G-BA vermutlich noch zehn Jahre für die Prüfung brauchen. Zunächst müssten ja die Richtlinien-Verfahren überprüft werden, man rechnet dort mit drei bis acht Jahren Prüfzeit pro Verfahren. „Man sollte die damalige Überprüfung durch den WBP als Basis nehmen und schauen, was seitdem passiert ist.“ Rational sei auch zu prüfen, ob es zusätzliche Studien gebe, die zeigten, dass die systemische Therapie schadet. „Die Verfahren der Richtlinien-Psychotherapie sind ja bisher auch nicht im G-BA abschließend geprüft. Sie werden erstattet, obwohl es nur die bestehende Praxis als Legitimationsgrundlage dafür gibt“, fügt Schweitzer hinzu.

Richtlinien anpassen

Können die Psychotherapie-Richtlinien denn überhaupt der systemischen Therapie gerecht werden? Man brauche auf jeden Fall eine Verständigung über die Sinnhaftigkeit von Mehr-Personentherapie: Darüber, dass die Behandlung von einem Kind und einem Elternteil in derselben Familientherapie oder von zwei erkrankten Partnern in einer Paartherapie erwünscht ist und gefördert wird. Die Trennung Kinder- und Jugendlichentherapie und Erwachsenentherapie sei deshalb für die ST nicht sinnvoll, weil das ganze System im Fokus stehe.

Die Reform der Psychotherapieausbildung wird derzeit aus vielen Perspektiven diskutiert. Was wäre die beste Lösung aus systemischer Sicht: Auch bei den Systemikern gebe es hierzu unterschiedliche Positionen, weiß Schweitzer. „Ich persönlich bin für eine Direktausbildung mit Approbation am Ende eines Psychotherapiestudiums, das klinische Psychologie, Pädagogik und die lebensweltlichen Traditionen umfasst.“ Psychodynamische, systemische und humanistische Inhalte müssten – neben der zurzeit im Psychologiestudium übermächtigen kognitiven Verhaltenstherapie – in ein Curriculum integriert werden, das auch in pädagogischen oder medizinischen Fakultäten angeboten werden könnte.

Petra Bühring

Zur Person

Fotos: Petra Bühring
Fotos: Petra Bühring

Prof. Dr. rer. soc. Jochen Schweitzer, Dipl.-Psych. leitet zurzeit kommissarisch das Institut für Medizinische Psychologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Er ist Dozent in der Weiterbildung am Helm-Stierling-Institut, das er mitgegründet hat. Zudem ist er Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie.

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