ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/201340 Jahre ZI-Analysen: Versorgung im Fokus

POLITIK

40 Jahre ZI-Analysen: Versorgung im Fokus

PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 494

Ankowitsch, Eugenie

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Seit 40 Jahren analysiert das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung die ambulante Versorgung aus verschiedenen Blickwinkeln. In Zukunft soll die räumliche Versorgungsforschung helfen, Herausforderungen gezielter zu begegnen.

Früher war alles besser? Prof. Dr. med. Friedrich W. Schwartz, ehemaliger Direktor des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (ZI), kann das nicht bestätigen. Empirische Forschung und wissenschaftliche Studien bildeten heutzutage eine wichtige Grundlage für Verhandlungen zwischen Ärzteschaft und den Krankenkassen. So war es aber nicht immer, erinnerte Schwartz bei einer Fachtagung zum 40-jährigen Jubiläum des ZI Mitte Oktober in Berlin: „Vor den 70er Jahren spielten sie keine Rolle. Dafür bestimmten persönliche Beziehungen oftmals den Erfolg oder Misserfolg der Verhandlungen.“

Das ZI wurde von den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) 1973 ins Leben gerufen. Es sollte, erinnerte Schwartz, vor allem „Gegengründung zu dem seitens der AOK geplanten wissenschaftlichen Institut WIdO“ sein. Beide Institute müssen sich seitdem vorwerfen lassen, parteiisch zu sein. Beide haben aber mit ihren Studien dazu beigetragen, die Versorgungswirklichkeit zu beleuchten. So hat das ZI wichtige Impulse gesetzt, um regionale Unterschiede in der Versorgung zu erkennen und darauf zu reagieren.

Anzeige

Zukünftig dürfte die Bedeutung dieses Analyseansatzes weiter wachsen. Von der Versorgungsforschung erhoffen sich viele Akteure neue Erkenntnisse, um innovative Lösungsstrategien zu erarbeiten. Auch der KBV-Vorstandsvorsitzende, Dr. med. Andreas Köhler, sagte bei der Tagung: „Aus den regionalen Unterschieden der Versorgungsstrukturen und -prozesse sowie aus ihrer Entwicklung im Zeitablauf lassen sich Erklärungsmodelle und Handlungsbedarfe für die KVen und ihre Vertragspartner ableiten.“

„Die räumliche Versorgungsforschung, wie sie das ZI betreibt, kann ein Kompass für die Gestaltung der Versorgung sein“, ergänzte ZI-Mitarbeiter Thomas Czihal. Er hält es allerdings für falsch, die Versorgung überall an den Durchschnitt angleichen zu wollen. Vielmehr solle man bei der Sicherstellung jeweils eine lokale Benchmark anstreben. Damit gab Czihal zu erkennen, dass er wie viele andere Fachleute nicht mehr davon ausgeht, dass die grundgesetzlich garantierte Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse noch maßgebend für die Sicherstellung der medizinischen Versorgung sein kann.

Denn Altersstrukturen, Arbeitsmarkt und Einkommen unterscheiden sich regional längst. „Eine Gleichheit der Lebensverhältnisse ist illusorisch. Man sollte vielmehr die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse im Blick haben, und zwar dort, wo sie sich überhaupt noch herstellen lässt“, befand Prof. Dr. Elke Pahl-Weber vom Institut für Stadt- und Regionalplanung der Technischen Universität Berlin.

Betroffen von schlechteren Versorgungsstrukturen ist vor allem der Osten. Aber auch im Westen, gerade im bevölkerungsreichen Nordrhein-Westfalen, gebe es Gebiete, wo immer mehr alte, arbeitslose und arme Menschen lebten, stellte Pahl-Weber klar. Dort, wo Abwanderung und Überalterung eine Region prägen, wird es aber besonders teuer, Infrastrukturleistungen aufrechtzuerhalten. Das gilt auch für die medizinische Versorgung.

Es kommt erschwerend hinzu, dass sich immer weniger Ärzte auf dem Land niederlassen. „Wir können nicht erwarten, dass Ärzte ausgerechnet dorthin gehen, wo kein anderer hin will“, sagte Pahl-Weber. Die Konsequenz: Über kurz oder lang ist eine bundesweit gleiche flächendeckende medizinische Versorgung nicht mehr möglich. Statt diesem Ideal nachzuhängen, sollte man sich nach Ansicht der Wissenschaftlerin auf die Städte und Regionen konzentrieren, die die Menschen besiedeln wollen. Sie seien wie Anker, die stabilisiert, weiterentwickelt und nachhaltig ausgestaltet werden sollten.

Pahl-Weber lehnt deshalb auch eine rein quantitative Betrachtung von Versorgungsstrukturen, beispielsweise feste Relationen für das Verhältnis von Arzt- und Einwohnerzahlen, ab. Sie plädiert stattdessen dafür, die Qualität der medizinischen Versorgung in den Mittelpunkt zu rücken – selbst wenn dies bedeute, Siedlungen aufzugeben.

Eugenie Ankowitsch

EXPERTISE AUS DEM ZI

  • Versorgungsatlas.de: Für den Überblick über die ambulante ärztliche und psychotherapeutische Versorgung. Neben Strukturdaten werden Forschungsergebnisse und Analysen zu regionalen Besonderheiten präsentiert.
  • ZI-Praxis-Panel (ZiPP): Seit 2010 veröffentlicht das ZI jährlich Daten zur betriebswirtschaftlichen Entwicklung von Praxen. Sie erlauben, aufbereitet für die einzelnen Fachgruppen, eine detaillierte Einsicht in die Umsatzentwicklung, die Betriebskosten, das Investitionsverhalten und die Patientenstruktur.
  • RX-Trendbericht: monatlich aktualisierte Übersicht zur Entwicklung des Verordnungsgeschehens in Deutschland.
  • Studien: Unter anderem Auswertung von Früherkennungsangeboten, zum Beispiel der Darmkrebs- und Hautkrebsfrüherkennung sowie dem Mammographie-Screening, und allgemeine Untersuchungen zur Akzeptanz von Früherkennungsuntersuchungen.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema