ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2013Georg Büchner (1813–1837): Radikalste Umsetzung seines literarischen Programms

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Georg Büchner (1813–1837): Radikalste Umsetzung seines literarischen Programms

PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 506

Krämer, Sandra

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Vor 100 Jahren wurde Georg Büchners „Woyzeck“ uraufgeführt. Das am häufigsten gespielte Stück auf deutschsprachigen Bühnen ist sowohl in literatur- als auch medizinhistorischer Hinsicht revolutionär.

Woyzeck-Aufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin, 2009: Moritz Growe (Mitte) als Woyzeck. Fotos: dpa
Woyzeck-Aufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin, 2009: Moritz Growe (Mitte) als Woyzeck. Fotos: dpa

Erst von der Bühne herab wirkt die knappe Plastik der Büchnerschen Bildersprache mit jener Unwiderstehlichkeit, die dem Hörer des Dichters Hintergedanken aufzwingt und den grauen Alltag zum leuchtenden Symbol erhebt.“ (1) So das begeisterte Urteil des Theaterkritikers Edgar Steiger anlässlich der Uraufführung von Georg Büchners „Woyzeck“ am 8. November 1913 im Münchner Residenztheater.

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Wie in seiner Erzählung Lenz (1839) greift der Schriftsteller und Mediziner Georg Büchner in seinem letzten Drama authentische Ereignisse auf. Im Mittelpunkt steht der Fall des ehemaligen Soldaten, gelernten Perückenmachers und späteren obdachlosen Gelegenheitsarbeiters Johann Christian Woyzeck (1780–1824), der am 2. Juni 1821 in Leipzig seine Geliebte erstach. Mit der Überprüfung der Zurechnungs- und damit Straffähigkeit Woyzecks wurde der damalige Leipziger Stadtphysikus Johann Christian August Clarus (1774–1854) betraut.

Leiden an „Verstandesirrungen“

Anlass für die Wiederaufnahme des Verfahrens und die vorübergehende Aufhebung des bereits am 11. Oktober ausgesprochenen Todesurteils war die redaktionelle Anmerkung des Leipziger Publizisten Johann Adam Bergk, dass der Verhaftete „während des Sommers stets an Verstandesirrungen leide (. . .)“ (2) sowie die Zeugenaussage eines früheren Zimmerwirtes, psychische Auffälligkeiten an dem ehemaligen Untermieter beobachtet zu haben. Während sich Clarus in seinem ersten gerichtsärztlichen Gutachten auf eine Beurteilung der körperlichen und geistigen Verfassung des Verurteilten Woyzecks zum Zeitpunkt der Tat beschränkte, erhob er in seinem zweiten Gutachten eine ausführliche Anamnese. Nichtsdestotrotz fällt sein abschließendes Urteil „dahin aus, daß (. . .) die über die gegenwärtige körperliche und geistige Verfassung des Inquisiten angestellten Beobachtungen kein Merkmal an die Hand gäben, welches auf das Dasein eines kranken, die freie Selbstbestimmung und die Zurechnungsfähigkeit aufhebenden Seelenzustandes zu schließen berechtigte.“ (3)

Georg Büchner war ein hessischer Schriftsteller, Mediziner, Naturwissenschaftler und Revolutionär. Er gilt trotz seines schmalen Werkes – er starb bereits im Alter von 24 Jahren – als einer der bedeutendsten Literaten des Vormärz.
Georg Büchner war ein hessischer Schriftsteller, Mediziner, Naturwissenschaftler und Revolutionär. Er gilt trotz seines schmalen Werkes – er starb bereits im Alter von 24 Jahren – als einer der bedeutendsten Literaten des Vormärz.

Die sich über drei Jahre erstreckende Gerichtsverhandlung sowie die im August 1824 vollzogene Hinrichtung lösten eine wissenschaftliche Debatte um die Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit von straffälligen Tätern durch psychische Störungen und deren endogene und exogene Ursachen aus. Diese spiegelt die zeitgenössische Diskussion zwischen sowohl politischen als auch medizinischen Gruppierungen wider: christlich-konservativer versus revolutionär-liberaler Tendenzen in Psychiatrie und Gerichtsbarkeit, Somatiker, namentlich vertreten durch Friedrich Nasse (1778– 1851), versus Psychiatriereformer wie Johann Christian August Heinroth (1773–1843). Umstritten blieb vor allem die Frage der Zurechnungsfähigkeit bei psychischen Partialerkrankungen, die nur vorübergehend auftreten oder nur bestimmte Leistungsbereiche negativ beeinflussen. Auch Clarus beschränkte sich bei der Beurteilung der Zurechnungsfähigkeit auf eine Untersuchung des Vorhandenseins oder des völligen Verlustes der freien Willensbestimmung. Entsprechend wurden die von dem Inquisiten selbst geschilderten „Beängstigungen und Beunruhigungen durch Stimmen“ (4), „beunruhigende Träume“ (5) sowie sonstiger unerklärlicher Vorfälle in seinem Leben mit denen „Gott sich auch ihm auf diese Weise habe offenbaren wollen“ (6), „als Sinnestäuschungen, welche durch Unordnungen des Blutumlaufes erregt und durch seinen Aberglauben und Vorurteile zu Vorstellungen von einer objektiven und übersinnlichen Veranlassung gesteigert worden sind, betrachtet (. . .)“ (7) Diese können jedoch nicht, „die Zurechnungsfähigkeit desselben in so fern zu vermindern, oder aufzuheben vermögen, als sie bei ihm entweder überhaupt ein Hinderniß für den freien Gebrauch des Verstandes gewesen sind, oder als ein direkter Antrieb zu der That selbst betrachtet werden können.“ (8) Abschließend attestierte Clarus dem Verurteilten eine uneingeschränkte Schuldfähigkeit, da es keinen Grund gebe, „anzunehmen, daß derselbe zu irgend einer Zeit in seinem Leben und namentlich unmittelbar vor, bei und nach der von ihm verübten Mordtat sich im Zustande einer Seelenstörung befunden, oder dabei nach einem notwendigen, blinden und instinktartigen Antriebe und überhaupt anders, als nach gewöhnlichen leidenschaftlichen Anreizungen gehandelt habe, (. . .).“ (9)

„Was ist es, was in uns lügt, mordet, stiehlt“

Woyzeck ist jedoch kein Dokumentardrama dieses psychiatrisch-juristischen Diskurses. Büchner konzentrierte sich in seiner literarischen Umsetzung auf die hierbei weitgehend ausgeklammerte Frage, inwieweit soziale Faktoren an der Erkrankung und Gewalttätigkeit Schuld tragen und ein physisch und psychisch ruiniertes Opfer der Gesellschaft zum Täter werden lassen. Franz Woyzeck, mittelloser Infanterist, von seinem Vorgesetzten gedemütigt und von der Wissenschaft missbraucht, nimmt jede Art von Arbeit an, um den Lebensunterhalt für seine Geliebte Marie und das gemeinsame Kind bestreiten zu können. Als Marie den Avancen eines Nebenbuhlers nachgibt, wird dem gequälten Menschen der einzige Lebenssinn seines erbärmlichen Daseins genommen. Erschöpft und getrieben von Wahnvorstellungen und Eifersucht ermordet er die untreue Geliebte. Büchner verlagerte den Schwerpunkt der Darstellung hin zur Vorgeschichte der Tat und damit der Pathogenese des Täters. Die Prozessakten, Berichte und gerichtsmedizinischen Abhandlungen zu diesem und ähnlichen Fällen, die ihm als Quellen dienten, gaben neben Informationen zur Mordtat und die Umstände einer möglichen psychischen Erkrankung auch einen aufschlussreichen Einblick in die sozialen Biografien der Verurteilten. Die von Clarus in seiner Anamnese erhobenen und ausführlich dokumentierten unwürdigen Lebensbedingungen der unteren Bevölkerungsschichten wurden von ihm selbst jedoch nicht berücksichtigt. Anders Georg Büchner. Seine im berühmten Fatalismus-Brief aufgeworfene Frage „Was ist es, was in uns lügt, mordet, stiehlt“ (10) beantwortete er mit Hinweis auf die soziale Zwangslage, die soziale Determinierung. Da „es in Niemands Gewalt liegt, kein Dummkopf oder kein Verbrecher zu werden – weil wir durch gleiche Umstände wohl Alle gleich würden, und weil die Umstände außer uns liegen.“ (11)

„Er ist ein interessanter Kasus . . .“

Arbeitsüberlastung und Selbstausbeutung bedingen maßgeblich Woyzecks physische und psychische Destabilisierung. Vor allem spielt aber die Degradierung zum Versuchsmenschen der medizinischen Wissenschaft eine bedeutsame Rolle. Woyzeck ist nicht nur gezwungen wie jeder Proletarier seine Arbeitskraft zu verkaufen, sondern sogar seinen Körper. Vertraglich an den Doktor gebunden, steht er ihm als Versuchsperson für ein Experiment zur Verfügung, in dem die Wirkung einer langfristigen einseitigen Ernährung mit Erbsen getestet werden soll. „(. . .) in den Zwiegesprächen zwischen Wozzek und dem Arzt, dem der Ärmste als Versuchskarnickel für seine Erfindung dienen muß, haben wir den ganzen Büchner: hinter der unwiderstehlichen Komik der Erscheinung, die uns ständig zum Lachen reizt, zittert ein tragisches Mitleid mit der gepeinigten Kreatur und ein heiliger Zorn gegen die satten Peiniger, die sich in moralischer Erbärmlichkeit so hoch erhaben über das arme Opfer ihrer Willkür dünken.“ (12) Dieses menschenverachtende Humanexperiment, in dem über die gezielt gesundheitsschädigende Beeinflussung des Verdauungsapparates Wahnvorstellungen provoziert werden sollten, gehört zum empirischen Instrumentarium eines zeitgenössischen psychiatrisch-physiologischen Forschungsansatzes, der seelische Störungen als Folgeerscheinungen somatischer Probleme betrachtete. Verarbeitet der Naturwissenschaftler Büchner in seinem Drama auch Erfahrungen aus seinem Studium, so geht es ihm hier nicht um eine Abrechnung mit konkreten Vorfällen und Personen, sondern eine generelle Kritik an der Haltung der zeitgenössischen Medizin und Gesellschaft.

Aufgrund des frühen und unerwarteten Todes des 24-jährigen Dichters ist das bis heute am häufigsten gespielte Stück auf deutschsprachigen Bühnen nur als Fragment erhalten. Aber „gerade in der Reihenfolge dieser vielen kleinen, lose aneinander gefügten Szenen, in der wundervollen Kontrastierung, die dadurch vielfach zustande kommt, liegt ein Hauptreiz dieses seltsamen dichterischen Werkes.“ (13) Büchners Drama ist sowohl in literatur- als auch medizinhistorischer Hinsicht revolutionär. Die einzelnen Szenen sind Ausschnitte aus einem Geschehen, haben den Charakter von Momentaufnahmen. Der Held kein klassisch Tragischer, die Sprache einfach und ohne Pathos. Die Darstellung von Armut und entfremdeter, körperlicher Arbeit konkret und prae-naturalistisch. Woyzeck ist Büchners radikalste Umsetzung seines literarischen Programms: „Man versuche es einmal und senke sich in das Leben des Geringsten und gebe es wieder, in den Zuckungen, den Andeutungen, dem ganzen feinen, kaum bemerkten Mienenspiel, (. . .) (14, 15).

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    PP 2013; 12(11): 506–7

Anschrift der Verfasserin
Sandra Krämer M.A. , Schottweg 1, 22087 Hamburg Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit1113

1.
Anmerkungen des Theaterkritikers Edgar Steiger zur Uraufführung des Woyzeck. In: Goltschnigg D (Hrsg.): Materialien zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte Georg Büchners. Kronberg 1974: 223.
2.
Der Korrespondent von und für Deutschland. Nr. 166, Sonnabend 9. Juni 1821. In: Dedner B: Georg Büchner. Sämtliche Werke und Schriften. Historisch-kritische Ausgabe mit Quellendokumentation und Kommentar (Marburger Ausgabe). Bd. 7, 2: Woyzeck. Text, Editionsbericht, Quellen, Erläuterungsteile. Darmstadt 2005: 361.
3.
Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders Woyzeck, nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde aktenmäßig erwiesen von Hrn. Hofrath Dr. Clarus. Abgedruckt in: Zeitschrift für die Staatsarzneikunde hrsg. von Adolph Henke. Viertes Ergänzungsheft. Erlangen 1828; 1–97. In: Dedner B: Georg Büchner: 263.
4.
Ebd.; 280.
5.
Ebd.; 277.
6.
Ebd.; 276.
7.
Ebd.; 295.
8.
Ebd.; 287.
9.
Ebd.; 295.
10.
Brief an die Braut um den 9. bis 12. März 1834 aus Gießen. In: Pörnbacher K, Schaub G, Simm HJ, Ziegler E (Hrsg.): Georg Büchner. Werke und Briefe. München 1988: 288.
11.
Brief an die Familie vom Februar 1843 aus Gießen. In: Pörnbacher K (Hrsg.): 285.
12.
Anmerkungen des Theaterkritikers Edgar Steiger zur Uraufführung des Woyzeck. In: Goltschnigg D (Hrsg.): 222.
13.
Anmerkungen des Regisseurs Eugen Kilian zur Uraufführung des Woyzeck. In: Goltschnigg D (Hrsg.): 221.
14.
Büchner G: Lenz. In: Pörnbacher K (Hrsg.): 144.
15.
Hauschild JC: Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit. Hamburg 2013. / Ders.: Georg Büchner mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg, 1992. / Kubik S: Krankheit und Medizin im literarischen Werk Georg Büchners. Stuttgart 1991/ Mayer H: Georg Büchner und seine Zeit. 3. Auflage. Frankfurt a. M. 1977 / Reuchlein G: Das Problem der Zurechnungsfähigkeit bei E. T. A. Hoffmann und Georg Büchner. Zum Verhältnis von Literatur, Psychiatrie und Justiz im frühen 19. Jahrhundert. Frankfurt a. M. 1985.
1. Anmerkungen des Theaterkritikers Edgar Steiger zur Uraufführung des Woyzeck. In: Goltschnigg D (Hrsg.): Materialien zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte Georg Büchners. Kronberg 1974: 223.
2.Der Korrespondent von und für Deutschland. Nr. 166, Sonnabend 9. Juni 1821. In: Dedner B: Georg Büchner. Sämtliche Werke und Schriften. Historisch-kritische Ausgabe mit Quellendokumentation und Kommentar (Marburger Ausgabe). Bd. 7, 2: Woyzeck. Text, Editionsbericht, Quellen, Erläuterungsteile. Darmstadt 2005: 361.
3. Die Zurechnungsfähigkeit des Mörders Woyzeck, nach Grundsätzen der Staatsarzneikunde aktenmäßig erwiesen von Hrn. Hofrath Dr. Clarus. Abgedruckt in: Zeitschrift für die Staatsarzneikunde hrsg. von Adolph Henke. Viertes Ergänzungsheft. Erlangen 1828; 1–97. In: Dedner B: Georg Büchner: 263.
4.Ebd.; 280.
5. Ebd.; 277.
6.Ebd.; 276.
7.Ebd.; 295.
8.Ebd.; 287.
9.Ebd.; 295.
10.Brief an die Braut um den 9. bis 12. März 1834 aus Gießen. In: Pörnbacher K, Schaub G, Simm HJ, Ziegler E (Hrsg.): Georg Büchner. Werke und Briefe. München 1988: 288.
11.Brief an die Familie vom Februar 1843 aus Gießen. In: Pörnbacher K (Hrsg.): 285.
12.Anmerkungen des Theaterkritikers Edgar Steiger zur Uraufführung des Woyzeck. In: Goltschnigg D (Hrsg.): 222.
13.Anmerkungen des Regisseurs Eugen Kilian zur Uraufführung des Woyzeck. In: Goltschnigg D (Hrsg.): 221.
14.Büchner G: Lenz. In: Pörnbacher K (Hrsg.): 144.
15.Hauschild JC: Georg Büchner. Verschwörung für die Gleichheit. Hamburg 2013. / Ders.: Georg Büchner mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg, 1992. / Kubik S: Krankheit und Medizin im literarischen Werk Georg Büchners. Stuttgart 1991/ Mayer H: Georg Büchner und seine Zeit. 3. Auflage. Frankfurt a. M. 1977 / Reuchlein G: Das Problem der Zurechnungsfähigkeit bei E. T. A. Hoffmann und Georg Büchner. Zum Verhältnis von Literatur, Psychiatrie und Justiz im frühen 19. Jahrhundert. Frankfurt a. M. 1985.

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