ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2013Traumatherapie: Eine professionelle Herausforderung

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Traumatherapie: Eine professionelle Herausforderung

PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 519

Fliß, Claudia Maria

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Das Buch ist kein Werk für Anfänger der Traumatherapie, sondern eine professionelle Herausforderung, die sich vielfältig lohnt.

Traumafolgestörungen werden als Anpassungsleistungen des Menschen an entsprechende Bedingungen definiert. Traumatisches Erleben wird als Zersplitterung von Wirklichkeit und Selbst erfasst mit den daraus resultierenden unterschiedlichen Störungsformen. Die Nutzbarkeit von „Teile-Arbeit“, Arbeit mit Ego-States, Modi, ANP/EP oder Persönlichkeitsanteilen wird praxistauglich beschrieben. Breitenbach stellt ein erweitertes BASK-Modell vor, das für alle Traumafolgestörungen bis hin zu den zerstörerischen Folgen ritueller Gewalt anwendbar ist.

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Weiterhin wird ein erstaunlich komplexer pädagogischer und therapeutischer Ansatz für Einzelne und Familiensysteme, die bereits von extremer Gewalt durchsetzt sind, dargestellt. Gründe für die Schwierigkeiten selbst gewalttätiger Menschen im Hinblick auf erforderliche Verhaltensänderungen werden nachvollziehbar dargestellt und Lösungsansätze vorgestellt. Auch das wichtige Thema der Suche nach dem Sinn eigener Gewalterfahrungen und nach dem Sinn der eigenen professionellen Arbeit mit traumatisierten Menschen findet seinen Platz.

Requardt beschreibt eine Anwendbarkeit der Konzepte für die pädagogische Arbeit und erinnert an den gesellschaftlichen Zusammenhang von Gewalt, an den Nutzen, den hochgestellte Personen bis hin zu Organisationen wie dem Vatikan aus der Unterstützung von Gewaltstrukturen ziehen, und an die Schwierigkeit für Professionelle aus dem sozialen System, diese Einflüsse auf die betroffenen Menschen wahrzunehmen und die Klienten und sich selbst vor Gefährdungen zu schützen. Schädliche professionelle Ansätze erfahren, auch in ihrer Nutzbarkeit für Tätergruppen und ihren Ähnlichkeiten und teilweisen Verbindungen zu Täterstrategien, eindeutige Kritik. Die transgenerationale Weitergabe von Traumata wird von Drexler und Requardt beschrieben.

Ein eigener therapeutischer Ansatz mit einer strukturierten Behandlungsplanung wird verständlich und nachvollziehbar vorgestellt und liefert auch zum Thema Trauma erfahrenen Therapeuten neue Ideen und Anregungen. Dazu gehört ebenso eine multiple Anwendung der verschiedensten traumatherapeutischen Behandlungsansätze und -methoden nach dem Motto „Maßanzüge für verschiedene Gelegenheiten“.

Den Abschluss des Buches bildet ein Kapitel von Breitenbach zur „Validitätsanalyse traumabezogener Berichte“, in dem sie zum einen logisch und kritisch mit dem für Traumatisierte unpassenden Ansatz der Aussagepsychologie zur Glaubhaftigkeit von Aussagen Betroffener vor dem Strafrecht und auch bei Gutachten zur Bewilligung – oder Ablehnung – einer Opferentschädigung vor Sozialgerichten „ins Gericht geht“. Außerdem stellt sie einen eigenen Ansatz vor, der auch aus der Sicht und Erfahrung der Gedächtnisleistungen von Menschen mit dissoziativen Störungen wesentlich adäquater ist.

Ein politisches und wegweisendes Buch, das jedem empfohlen wird, der sich mit dem Thema Traumatisierung von Menschen durch Menschen auseinandersetzen muss und/oder will. Claudia Maria Fliß

Gaby Breitenbach, Harald Requardt: Komplex-systemische Traumatherapie und Traumapädagogik. Asanger, Kröning 2012, 308 Seiten, gebunden, 31,20 Euro

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