ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2013Nationalsozialismus: Reue und willensstarke Aufbauleistung

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Nationalsozialismus: Reue und willensstarke Aufbauleistung

PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 517

Moser, Tilmann

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Um die Bedeutung des faszinierenden Buches zu kennzeichnen, braucht man sich nur die Namensliste der Personen anschauen, deren Lebensschicksale Herwig untersucht, und die die junge Bundesrepublik politisch und intellektuell geprägt haben: Genscher, Eppler, Karl Schiller, Scheel, Carstens, Zimmermann, Dregger, Ehmke und unter den Geistesgrößen etwa Martin Walser, Dieter Hildebrandt, Siegfried Lenz, Hermann Lübbe, Walter Jens, Günter Grass und Iring Fetscher. Sie alle hatten ihre späte NS-Mitgliedschaft fast lebenslänglich „vergessen“, manche versuchten noch zu leugnen, als andere sich spät bekannten. Waren sie freiwillig eingetreten oder mit der Märchenlösung einer über ihre Köpfe hinweg vollzogenen kollektiven Übernahme? Malte Herwig hat jahrelang geforscht und im ersten Teil des Buches einen Krimi über die Schicksale der NSDAP-Mitgliedsakten geschrieben. Die Bundesregierung wollte sie vom US-amerikanischen Document Center gar nicht haben, aus Angst vor „nationalen Peinlichkeiten“, wenn der NS-Hintergrund so vieler Politiker herauskäme.

Dieser mehr politische Teil des Buches ist durchaus auch für Psychotherapeuten wichtig. Erfahren sie doch einen Teil der deutschen Geschichte, die auch ihre Lehrväter der ersten und zweiten Nachkriegsgeneration geprägt hat. Das vertraute „Nicht-Wissen-Wollen“ aus Angst und Scham, das sie aus vielen Behandlungen kennen, durchzog auch die politische Stammesgeschichte der jüngeren Bundesrepublik, und es gelingt Herwig, die sozialpsychologische Stimmung dieser Jahrzehnte brillant zu illustrieren.

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Ganz anders der zweite Teil, die Untersuchung der persönlichen Biografien ausgewählter Größen des öffentlichen Geisteslebens. Am Beispiel von Günter Grass analysiert er das Auf und Ab des Verschweigens, des Leugnen, des Bekennens, der Scham sowie der darauf folgenden intensiven Beschuldigungs- und Entlastungsdiskussion, das späte intellektuelle Scherbengericht einer Generation, deren Verhalten man sowohl unter Jugendsünden und unter gefährlicher Identifizierung mit der NS-Ideologie verbuchen könnte. Die Lebensleistung der meisten ist für Herwig sozusagen tätige Reue und willensstarke Aufbauleistung. Sie ist am besten dargestellt am Leben des bedeutenden Politologen Iring Fetscher, der sich seinem frühen Engagement im Alter nur noch kopfschüttelnd annähern konnte, und der die rätselhafte Faszination für Goebbels später in einem eigenen Buch dargestellt hat.

Nicht alle schafften nach 1945 einen raschen Übergang zur Demokratie: „Zu dem Mythos der Flakhelfer gehört auch, dass alle im Mai 1945 mit einem Schlag zur Demokratie erlöst wurden. Tatsächlich dauerte der Lernprozess länger, war die Entgiftung ein zäher Prozess.“ Herwig zitiert aus Hans Dieter Schäfers „Das gespaltene Bewusstsein“ die Sätze: „Wie viele andere meiner Generation ging ich in einer Art von Verblödung aus der Nazizeit hervor.“ Manche wurden zu Missionaren der Demokratie, auch wenn sie den Ausgangspunkt ihrer inneren Umkehr lange beschweigen wollten: „Grass gehörte ja einer Generation an, deren Angehörige als Jugendliche keine Instrumente an die Hand bekommen hatten, die ihnen bei einer moralischen Neuorientierung helfen konnten. Ihnen hatte man eine Trommel in die Hand gedrückt, sie exerzieren lassen und in den Krieg geschickt, auf den Lippen keine Kinderlieder, sondern die Hymne der Hitlerjugend ,Die Fahne flattert uns voran‘.“ Tilmann Moser

Malte Herwig: Die Flakhelfer. Wie aus Hitlers jüngsten Parteimitgliedern Deutschlands führende Demokraten wurden. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2013, 320 Seiten, gebunden, 22,99 Euro

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