ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2013Psychoanalyse: Traumata als genetische Faktoren

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Psychoanalyse: Traumata als genetische Faktoren

PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 516

Ploeger, Andreas

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Psychoanalyse wird gegenwärtig nur begrenzt angewendet und vielfach kritisch kommentiert. Das trifft besonders seit 1999 zu, als das Psychotherapeutengesetz Psychologischen Psychotherapeuten die Integration in die Kassenärztliche Versorgung ermöglichte. Die Verhaltenstherapie – vorwiegend von Psychologen betrieben – gewann seitdem breiten Raum. Dadurch wurden psychodynamische Verfahren der Psychotherapie, insbesondere die klassische Psychoanalyse, zurückgedrängt.

Dieser Entwicklung setzt das Buch ein Gegengewicht. Ebenso dankenswert ist, dass Franziska Henningsen dem originären Freud’schen Prinzip der Konfliktdynamik in der Psychogenese das der Traumatisierung hinzufügt. Dabei stützt sie sich auf Freud, der bereits unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges Traumata in der Psychogenese beachtete. Die Autorin stellt überzeugend dar, dass in jeder Phase der seelischen Entwicklung, auch in der frühkindlichen, Traumata als genetische Faktoren eine Rolle spielen.

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Diese theoretischen Feststellungen werden konkretisiert mit Patientenbehandlungen, deren unterschiedliche Traumatisierung sie in vier Kapiteln darstellt: „Kranke Kinder – kranke Mütter“ ist der Fallbericht, bei welchem eine traumatisch erlebte Krankheit des Kindes im Mittelpunkt steht. Es seien Todesängste entstanden, welche nicht verarbeitet werden konnten. Unter „Trennungstraumata“ wird der Verlust früher Bezugspersonen in seiner Konsequenz auf die weitere Entwicklung dargestellt. Als die gravierendste Form der Traumatisierung in der Kindheit stellt die Autorin „Gewalterfahrungen in der Kindheit“ dar. Diese Patienten haben meist auch Verluste erfahren. Im letzten Kapitel erörtert sie solche seelischen Störungen, bei denen die Gewalt im Erwachsenenalter eine Störung hervorgerufen hat. Es sind die Patienten mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Hier wird eine variierte psychoanalytische Behandlung empfohlen, denn – so die Erklärung des Rezensenten – hier traf die traumatisierende Gewalt auf eine zuvor intakte Persönlichkeitsstruktur. Hier gehe es nicht um die „regressionsfördernde“ Haltung herkömmlicher psychoanalytischer Behandlungen, sondern um Stützung zielgerichteter Aktivitäten.

Ausführlich geht die Autorin auf ihre Erfahrungen als Gutachterin ein. Auch hier macht sie deutlich, wie die psychoanalytischen Prinzipien der Übertragung und Gegenübertragung entstehen, aber anders, als sie in einer Psychotherapie gedeutet werden müssen. Im abschließenden Kapitel „Das Trauma in Gesellschaft und Politik. Ein Ausblick“ geht die Autorin kritisch auf die politischen und verwaltungsrechtlichen Regelungen im Umgang mit Traumaopfern ein.

Das Anliegen der Autorin, die Traumatologie mit ihren psychogenetischen Aspekten und der dabei notwendigen Behandlungsstrategie in der Psychoanalyse zu vermitteln, wäre bei einer noch systematischeren Gliederung des gesamten Buches und einem auch für psychoanalytische Laien verständlichen Vokabular deutlich zu steigern. Andreas Ploeger

Franziska Henningsen: Psychoanalysen mit traumatisierten Patienten. Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 279 Seiten, gebunden, 37,95 Euro

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