ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2013Kindesmisshandlung: Gelungenes Kompendium zu den Folgen früher Misshandlung

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Kindesmisshandlung: Gelungenes Kompendium zu den Folgen früher Misshandlung

PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 516

Schepker, Renate

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Endlich ein Buch, das man wirklich braucht – ein gut recherchiertes Buch namhafter Autoren zum Thema der Spätfolgen körperlicher, sexueller und emotionaler Misshandlungen in der Kindheit. Das Werk lässt keinen der vielen Aspekte aus und beschreibt gut lesbar den aktuellen Forschungsstand. So kann sich auch der Allgemeinarzt mit den kriminologischen und dann den neurobiologischen Grundlagen vertraut machen, mit den anschaulich geschilderten tierexperimentellen Befunden. Messbare Veränderungen im menschlichen Gehirn (verringertes Volumen des präfrontalen Cortex, vergrößertes der Amygdala, mit zunehmendem Alter entstehendes verringertes Volumen des Hippocampus) werden als Traumafolge und als eigene Risikofaktoren späterer Erkrankungen dargelegt.

Die Dysbalance im neuroendokrinen Stoffwechsel zwischen aktivierenden (CRH-System) und hemmenden (Oxytocin-System) Einflüssen sowie Erkenntnisse über epigenetische Prozesse schaffen ein besseres Verständnis für die Labilität der Patienten. Die oft vorfindliche „Empfindlichkeit“ im späteren Alter für Autoimmunerkrankungen und Allergien wird neuroimmunologisch gut erklärt. Das Kapitel über Veränderungen im Körperbild und körperbezogene Interventionen ist ehrlich hinsichtlich der bislang geringen Evidenz, beschreibt dennoch die Vorgehensweisen fundiert. Die sehr gut erklärte Bindungsforschung erläutert nachvollziehbar die Wege der nachweislichen transgenerationalen Transmission der Effekte traumatischer Erfahrungen.

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Der Diagnostik-Teil plädiert bei mäßig ausgereiften Fragebogenverfahren für die persönliche Untersuchung und führt in die strukturierte Erhebung diverser psychopathologischer Folgen ein, die in den folgenden Kapiteln zu Sucht, Psychose, Depression, Dissoziation und somatoforme Störungen auf neuestem Stand spezifiziert werden. Spezialisten für Selbstverletzungen, Persönlichkeitsstörungen, Autoimmunerkrankungen und kardiovaskuläre Erkrankungen schließen sich an. Bei den Kapiteln zu Behandlungsstrategien kommen neben den bekannten Richtlinienverfahren (TF-CBT und EMDR innerhalb der kognitiven Therapie abgehandelt), DBT und der imaginativen Therapie (PITT und imaginatives Überschreiben) auch neue Methoden wie die mentalisierungsbasierte Therapie und CBASP sowie Gruppenanwendungen zu Wort. Diese Methoden werden jeweils von den bekannten Protagonisten kurz und prägnant dargestellt und können im letzten Beitrag auf Evidenzbasierung überprüft werden. Auch die bisher wenig beachtete Betrachtung von Dissozialität als Traumafolge wird von renommierten Forschern dargestellt. Erschütternd sind die Erkenntnisse zur nach wie vor vorhandenen Stigmatisierung der Opfer, der die Autoren in Gänze entgegentreten.

Ein Buch, das für den Neuling und den Erfahrenen sowohl spannend als auch verständlich geschrieben ist. Dieses gelungene Kompendium der Bedeutung von Kindheitstraumata hat die Anlage zum vielgebrauchten Handbuch. Renate Schepker

Carsten Spitzer, Hans Jörgen Grabe (Hrsg): Kindesmisshandlung – psychische und körperliche Folgen im Erwachsenenalter. Kohlhammer, Stuttgart 2012, 432 Seiten, kartoniert, 59,90 Euro

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