ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2013Nach den Diktaturen: Die Opfer kommen zu kurz

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Nach den Diktaturen: Die Opfer kommen zu kurz

PP 12, Ausgabe November 2013, Seite 521

Jachertz, Norbert

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Ein kurzer Blick auf Totalitarismus in Europa und dessen Bewältigung

Befreite Häftlinge des KZ Buchenwald: Nach dem Bundesentschädigungsgesetz gab es für jeden Tag der KZ-Haft fünf Mark. Fotos: dpa
Befreite Häftlinge des KZ Buchenwald: Nach dem Bundesentschädigungsgesetz gab es für jeden Tag der KZ-Haft fünf Mark. Fotos: dpa

Das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung besteht seit nunmehr 20 Jahren. Es entstand 1993 auf Initiative des Sächsischen Landtages und ist als sogenanntes An-Institut mit der Technischen Universität Dresden verbunden. Bei einem Festakt im Sächsischen Landtag am 27. Juni erinnerte Landtagspräsident Matthias Rößler, einer der Initiatoren des Instituts, an die Motivation, eine solche Forschungseinrichtung in Ostdeutschland zu errichten: Dort existiere eine „Transformationsgesellschaft“, die gleich zwei totalitäre Systeme miterlebt und überstanden habe. Aus dem Institutsauftrag resultieren, so die sächsische Wissenschaftsministerin Sabine Freifrau von Schorlemer, „höchst brisante Forschungsvorhaben“.

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Ein solches war auch das Ärzte-Projekt. Die Ärzteschaft verdankt dem Institut nämlich eine gründliche, über mehr als drei Jahre laufende Studie zu Ärzten als inoffiziellen Mitarbeitern der DDR-Staatssicherheit. Das Projekt wurde vom Deutschen Ärzteblatt und seinen Herausgebern unterstützt, die Ergebnisse 2008 veröffentlicht. Sie sorgten für Aufsehen und werden bis heute zitiert. Das Institut beschäftigt sich interdisziplinär mit der Geschichte und Funktionsweise totalitärer Systeme und dem Systemvergleich. Im Blick sind die Täter. Doch gehöre es auch zu den Aufgaben, das Andenken an die Opfer wachzuhalten, betont Institutsleiter Prof. Dr. Günther Heydemann. Die kämen oft zu kurz.

Gerade das trat bei einer internationalen Fachkonferenz am 28. und 29. Juni anlässlich des Institutsjubiläums einmal mehr zutage. Sie galt dem Umgang mit den Opfern in Europa – nach den Diktaturen. Dieser ist zumeist beschämend. Und ein Zweites: Ein Blick auf die Landkarte zeigt, wie verbreitet Diktaturen im 20. Jahrhundert in Europa waren (teils bis heute sind).

Das Hannah- Arendt-Institut wurde 1993 eingeweiht.
Das Hannah- Arendt-Institut wurde 1993 eingeweiht.

So unterschiedlich die Diktaturen und deren Transformation in normalere Verhältnisse auch waren, im Umgang mit Opfern zeigen sich gewisse Parallelen: Anfänglich Leugnung, ja Ablehnung des Opferstatus, gefolgt von zögerlicher Rehabilitation, die in offene Würdigung übergehen kann. In Deutschland wurden nach 1945 NS-Opfer und Kriegsopfer mit „unglaublicher Härte“ (Clemens Goschler, Bochum) behandelt. Die Sowjetunion sah Soldaten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, als Verräter an. In Spanien war und in Griechenland ist das Thema tabuisiert, soweit die Bürgerkriege betroffen sind. Anerkennung und Rehabilitation stehen bisweilen nur auf dem Papier. Manchmal folgt auf die Rehabilitation die materielle Entschädigung in Form unentgeltlicher Krankenbehandlung, Renten oder einmaliger Abfindungen. Wenn Geld fließt, dann wenig. Nach dem Bundesentschädigungsgesetz von 1965 gab es zum Beispiel für jeden Tag der KZ-Haft fünf Mark (!).

Dabei ist Deutschland mit dem Gesetzesanspruch noch großzügig. Entschädigt wurden/werden überwiegend jüdische Opfer. Zu Recht. Andere Opfergruppen indes wurden „vergessen“. Darunter die Zwangssterilisierten. Sie waren/sind auf die Unterstützung durch Härtefonds angewiesen. Genauer zu beleuchten wäre, ob die Herkunft der Opfer über deren Rehabilitation entscheidet. Es scheint zum Beispiel, dass Opfer eigener Diktaturen besonders lange verleugnet werden. Opfer, die durch fremde Eroberer Leben oder Gesundheit verloren, werden im eigenen Land eher anerkannt, im Land der ehemaligen Eroberer aber vergessen, sofern nicht pressure groups die Opferentschädigung einfordern. Opfer medizinischer Experimente, von Zwangssterilisationen, ganz zu schweigen von den durch „Euthanasie“ umgebrachten Patienten, die zu den schwächsten einer Gesellschaft gehören, geraten schnell ins Hintertreffen.

In Deutschland wird der NS-Opfer inzwischen angemessen gedacht, im Westen seit längerem, in der DDR wurden nur antifaschistische Opfer gewürdigt, während Opfer der NS-Rassenpolitik außen vor blieben. Ganz selbstverständlich ist das Gedenken aber auch heute nicht. Man denke nur an die zähen Bemühungen um einen zentralen „Euthanasie“-Gedenkort. Er wird nun endlich in Berlin realisiert.

Norbert Jachertz

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