ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenSUPPLEMENT: Diabetologie 1/2013Nationaler Diabetesplan: Der laute Ruf verhallt . . .

SUPPLEMENT: Perspektiven der Diabetologie

Nationaler Diabetesplan: Der laute Ruf verhallt . . .

Dtsch Arztebl 2013; 110(46): [20]

Siegel, Erhard

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Die geforderte nationale Diabetesstrategie in Deutschland wird von der Politik zurzeit nicht als vordringliche Maßnahme angesehen.

Abbildung: Fotolia/fotodo
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Derzeit leben in Deutschland mehr als sechs Millionen Menschen mit Diabetes; jedes Jahr kommen etwa 300 000 Betroffene hinzu (1). Prozentual ist die Zahl der Diabetiker zwischen 1988 und 2012 um 38 Punkte gestiegen – vor allem bedingt durch die Alterung der Bevölkerung und einen veränderten Lebensstil (2). Zur Diabetes-Statistik gehören zudem 40 000 Amputationen, 2 000 Erblindungen und circa 2 300 Niereninsuffizienzen mit Dialysepflicht pro Jahr.

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Die Lebenserwartung und Lebensqualität von Diabetikern ist deutlich reduziert. Psychische Erkrankungen wie Depressionen treten bei ihnen etwa doppelt so häufig auf wie in der Normalbevölkerung. Auch soziale Einschränkungen aufgrund der Erkrankung sind nicht selten (3).

Versorgungslücken und Schwachstellen identifizieren

Insgesamt verursacht die Stoffwechselerkrankung jährlich rund 48 Milliarden Euro direkte Kosten (4) – wobei circa 80 Prozent allein durch die Folgeerkrankungen entstehen. Dieser ungebremste Kostenanstieg im Bereich Diabetes hat aktuell zur Konsequenz, dass für Innovationen (wie zum Beispiel neue Antidiabetika) in Deutschland bereits zu wenig Geld zur Verfügung steht und schon etablierte, sinnvolle therapeutische Maßnahmen eingeschränkt werden (zum Beispiel Blutzuckerteststreifen für Diabetes Typ 2).

Angesichts der zunehmenden finanziellen Belastungen für die nationalen Gesundheitssysteme gibt es weltweit Bemühungen und Forderungen nach einem koordinierten Vorgehen bei der Prävention, Behandlung und Erforschung des Diabetes.

Patientenorganisationen, Hausärzte und Diabetologen fordern schon seit langem, dass mit einem „Nationalen Diabetesplan“ auch in Deutschland die Voraussetzungen geschaffen werden, den aktuellen Versorgungsstand zu analysieren, Schwachstellen und Versorgungslücken zu identifizieren und Lösungsmöglichkeiten für eine verbesserte Prävention, Versorgung und Forschung des Diabetes zu entwickeln. Mittlerweile gibt es zahlreiche Vorbilder für nationale Diabetesstrategien, an denen sich Deutschland orientieren kann – zum Beispiel Finnland (5).

Bisher gibt es nur unzureichende Strategien, wie die Pandemie Diabetes aufgehalten werden kann. Zudem fehlen verlässliche Daten zur Prävalenz und Inzidenz des Diabetes und seiner Vorstufen (metabolisches Syndrom), ebenso wie ein nationales Diabetesregister. Dies wäre zur Planung und Steuerung von gezielten Maßnahmen zur Prävention und besseren Versorgung von Menschen mit Diabetes jedoch eine wesentliche Voraussetzung (6).

Trotz erster guter Ansätze gibt es zudem massive Defizite der Versorgungsforschung, die eine wichtige Voraussetzung für die Verbesserung der Versorgung und die Etablierung von effektiven und effizienten Qualitätssicherungsmaßnahmen darstellt. Die Stärkung der Rolle der Patienten ist ein weiteres wichtiges Handlungsfeld für eine Verbesserung der Versorgungssituation, da der Patient im Rahmen der Therapie eine bedeutsame Rolle einnimmt.

Sektorenübergreifende Versorgungsstruktur entwickeln

Ein nationaler Diabetesplan soll eine bessere Prävention und Versorgung bei gleichzeitiger Effizienz der Mittelverwendung sicherstellen. Die wichtigsten Handlungsfelder sind nach Ansicht der Protagonisten (7):

  • den Ausbruch der Erkrankung zu verhindern,
  • die frühe Diagnose des Diabetes zu verbessern,
  • sekundär- und tertiärpräventive Maßnahmen zur erfolgreichen Vermeidung von Folgekomplikationen zu entwickeln,
  • die Lebensqualität von Menschen mit Diabetes und deren Angehörigen zu verbessern,
  • soziale Folgen der Erkrankung zu vermeiden,
  • eine bessere, sektorenübergreifende Versorgungsstruktur zu entwickeln,
  • der Aufbau eines nationalen Diabetesregisters
  • und die Forschungsbemühungen (unter anderem Versorgungsforschung) zu intensivieren.

Um diese Ziele zu erreichen, forderten die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG), der Verband der Diabetesberatungs- und Schulungsberufe in Deutschland e.V. (VDBD), diabetesDE, der Deutsche Hausärzteverband e.V. sowie zahlreiche andere Verbände in einem gemeinsamen Positionspapier bereits 2012, einen „Nationalen Diabetesplan“ zu entwickeln (8). Unter Federführung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) sollen die wichtigsten Organisationen, Institutionen und Patientenverbände eingebunden werden, die für die Prävention, Versorgung und Forschung bei Diabetes in Deutschland verantwortlich sind.

Neben der Stärkung der Forschung und der Verbesserung der Versorgung sind konkrete gesetzliche Rahmenbedingungen und ein koordiniertes gesundheitspolitisches Vorgehen für sowohl die Verhaltens- als auch die Verhältnisprävention des Diabetes entscheidende Determinanten für Erfolge bei der Prävention des Diabetes.

Warum die Bundesregierung jetzt initiativ werden sollte

Ein nationaler Diabetesplan in Deutschland ist die sinnvolle und notwendige Ergänzung zum Nationalen Krebsplan, zum Aktionsplan „InForm“ gegen Übergewicht, zur Nichtraucherschutzgesetzgebung und zur Nationalen Kohorte zur Erfassung des Gesundheitsverhaltens, um zu einem übergeordneten Plan gegen nicht-übertragbare Krankheiten (NCDs) zu kommen.

Deutschland hat sich gegenüber den Vereinten Nationen (9) und der WHO (10) zum übergeordneten Ziel der Reduktion nicht-übertragbarer Krankheiten um 25 Prozent bis 2025 bekannt sowie zum Teilziel „Halt the rise in Obesity and Diabetes“.

Das Europäische Parlament und die Europäische Kommission bestärken die Mitgliedstaaten darin, nationale Diabetespläne aufzustellen (11). Inzwischen verfügen 17 europäische Länder über einen nationalen Diabetesplan.

In einem Gespräch im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium 2012 war zu erkennen, dass die Politik im Moment diese Zielrichtung nicht als eine vordringliche Maßnahme ansieht. Die schon länger andauernde Diskussion um ein mögliches Präventionsgesetz führte dazu, dass bezüglich des Anliegens eines nationalen Diabetesplans seitens der Politik eher eine abwartende Haltung eingenommen wurde. Dies ist angesichts der wachsenden Anzahl von Menschen mit Diabetes, dessen Manifestation durch geeignete Maßnahmen zu einem hohen Prozentsatz vermeidbar wäre, ein nicht hinzunehmender Umstand.

Warum der Entwurf zum Präventionsgesetz nicht ausreicht

Das kürzlich gescheiterte Präventionsgesetz verfolgt vor allem Strategien der individuellen Verhaltensänderung und bezieht keine Maßnahmen der Verhältnisprävention auf Bevölkerungsebene ein, wie sie heute von UN und WHO als kostengünstiger und wirkungsvoller empfohlen werden. Das Präventionsgesetz enthielt keine effektiven Maßnahmen zur Früherkennung und verfolgte keinen gesamtgesellschaftlichen Ansatz, sondern verharrte in den kostenintensiven Strukturen des Gesundheitswesens als Reparaturbetrieb.

Um diese Situation ins öffentliche Bewusstsein zu bringen und der Forderung nach einem nationalen Diabetesplan Nachdruck zu verleihen, startete die gemeinnützige Organisation diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe Anfang 2013 die Kampagne „Diabetes STOPPEN – jetzt!“ (8). Es bleibt zu hoffen, dass die nächste Bundesregierung die berechtigte Forderung nach einem nationalen Diabetesplan aufnimmt.

Priv.-Doz. Dr. med. Erhard Siegel

Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft,
St. Josefskrankenhaus, Heidelberg

@ Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4613

Globale Initiativen

  • „St. Vincent Deklaration“: Schon 1989 forderten die Teilnehmer einer Tagung in St. Vincent, die unter der Schirmherrschaft des europäischen Regionalbüros der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) und der Internationalen Diabetesvereinigung (IDF) stattfand, einen nationalen Strategieplan für alle europäischen Länder.
  • „Diabetes: Call for action – Statement“: 2002 von der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) gemeinsam mit der Internationalen Diabetesvereinigung (IDF) verabschiedete Erklärung, in der alle Regierungen aufgefordert wurden, nationale Programme zur Primärprävention des Diabetes zu entwickeln.
  • UN-Resolution „Unite for Diabetes“: In der weltweit ersten UN-Resolution für nicht übertragbare Krankheiten zur weltweiten Bedrohung durch eine Diabetes-Pandemie wurden 2006 alle Mitgliedstaaten aufgefordert, nationale Maßnahmen zur Prävention, Behandlung und Versorgung von Diabetes zu entwickeln.
  • „Declaration of Diabetes“: Auch die EU forderte 2006 nachdrücklich alle Mitgliedsländer auf, nationale Diabetespläne zu entwickeln. Diese Empfehlungen wurden bereits in zahlreichen EU-Ländern umgesetzt.
  • „Deklaration gegen nicht-übertragbare Krankheiten“: Die Vereinten Nationen fordern in ihrer 2011 verabschiedeten Deklaration, dass bis Ende 2013 alle Regierungen nationale Aktionspläne gegen nicht-übertragbare Krankheiten entwickeln sollen. Für 2014 ist ein Zwischenbericht geplant. Zurzeit wird zudem geprüft, ob nicht übertragbare Krankheiten wie Diabetes ab 2015 in die „Millennium Entwicklungsziele“ der Vereinten Nationen integriert werden sollen.
  • „Copenhagen Roadmap“: In einer EU-Resolution, die im Anschluss an das European Diabetes Leadership Forum 2012 in Kopenhagen verabschiedet wurde, steht die Forderung nach strukturierten nationalen und europäischen Strategien zur Diabetesprävention im Mittelpunkt.
  • „Joint Action on Chronic Diseases“: In dem von der Exekutivagentur für Gesundheit und Verbraucher der EU-Kommission (EHAC) 2013 entwickelten Gesundheitsstrategie für Europa wird der Diabetes als Modellerkrankung für die Entwicklung koordinierter nationaler Strategien genannt: Das Arbeitspaket 2 des Maßnahmenkataloges ist speziell dem Typ-2-Diabetes gewidmet. Ein Ziel ist der Austausch von „GoodPractice“.
1.
Hauner H: Diabetesepidemie und Dunkelziffer. In: diabetesDE (Hrsg.). Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2012. (S. 8–13). Mainz: Kirchheim-Verlag 2012.
2.
Heidemann D, Hu Y, Scheidt-Nave C [Robert-Koch-Institut],DEGS 2012: Wie hoch ist die Zahl der Erwachsenen mit Diabetes in Deutschland? http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Degs/degs_w1/Symposium/degs_diabetes.pdf?__blob=publicationFile
3.
Maier B: Die psychologische Dimension des Diabetes mellitus. In: diabetesDE. (Hrsg). Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2012. (S. 47–53). Mainz: Kirchheim 2012.
4.
Köster I, Schubert I, Huppertz E: Fortschreibung der KoDiM-Studie: Kosten des Diabetes Mellitus 2000–2009, 2012: Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012; 137: 1–4. MEDLINE
5.
Finnish Diabetes Association. Programme for the Prevention of Type 2 Diabetes in Finland (DEHKO). www.diabetes.fi/files/1108/Programme_for_the_Prevention_of_Type_2_Diabetes_in_Finland_2003-2010.pdf Finnish Diabetes Association.
6.
Schulze MB, Rathmann W, Giani G, Joost HG: Diabetesprävalenz: Verlässliche Schätzungen stehen noch aus. Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A 1694–6.
7.
Kulzer B: Reuter HM: Nationaler Diabetesplan. Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012; 137: 1009–12. MEDLINE
8.
Kampagne „Diabetes-stoppen-jetzt; www.diabetes-stoppen.de
9.
Politische Deklaration des UN-Gipfels gegen Nichtübertragbare Krankheiten, 2011: www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/66/L.1
10.
WHO Global Action Plan on NCDs (2013–2020): Follow-up to the Political Declaration of the High-level Meeting of the General Assembly on the Prevention and Control of Non-communicable Diseases (Beschluss der 66. Weltgesundheitsversammlung, Mai 2013) http://apps.who.int/gb/ebwha/pdf_files/WHA66/A66_R10-en.pdf
11.
Copenhagen Roadmap. Outcomes of the European Diabetes Leadership Forum. Kopenhagen, 2012. (http://diabetesleadershipforum.eu/)
1.Hauner H: Diabetesepidemie und Dunkelziffer. In: diabetesDE (Hrsg.). Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2012. (S. 8–13). Mainz: Kirchheim-Verlag 2012.
2.Heidemann D, Hu Y, Scheidt-Nave C [Robert-Koch-Institut],DEGS 2012: Wie hoch ist die Zahl der Erwachsenen mit Diabetes in Deutschland? http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Degs/degs_w1/Symposium/degs_diabetes.pdf?__blob=publicationFile
3.Maier B: Die psychologische Dimension des Diabetes mellitus. In: diabetesDE. (Hrsg). Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2012. (S. 47–53). Mainz: Kirchheim 2012.
4.Köster I, Schubert I, Huppertz E: Fortschreibung der KoDiM-Studie: Kosten des Diabetes Mellitus 2000–2009, 2012: Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012; 137: 1–4. MEDLINE
5.Finnish Diabetes Association. Programme for the Prevention of Type 2 Diabetes in Finland (DEHKO). www.diabetes.fi/files/1108/Programme_for_the_Prevention_of_Type_2_Diabetes_in_Finland_2003-2010.pdf Finnish Diabetes Association.
6.Schulze MB, Rathmann W, Giani G, Joost HG: Diabetesprävalenz: Verlässliche Schätzungen stehen noch aus. Dtsch Arztebl 2010; 107(36): A 1694–6.
7.Kulzer B: Reuter HM: Nationaler Diabetesplan. Deutsche Medizinische Wochenschrift 2012; 137: 1009–12. MEDLINE
8. Kampagne „Diabetes-stoppen-jetzt; www.diabetes-stoppen.de
9.Politische Deklaration des UN-Gipfels gegen Nichtübertragbare Krankheiten, 2011: www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=A/66/L.1
10.WHO Global Action Plan on NCDs (2013–2020): Follow-up to the Political Declaration of the High-level Meeting of the General Assembly on the Prevention and Control of Non-communicable Diseases (Beschluss der 66. Weltgesundheitsversammlung, Mai 2013) http://apps.who.int/gb/ebwha/pdf_files/WHA66/A66_R10-en.pdf
11.Copenhagen Roadmap. Outcomes of the European Diabetes Leadership Forum. Kopenhagen, 2012. (http://diabetesleadershipforum.eu/)

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