ArchivDeutsches Ärzteblatt3/1996Transplantation bei Kindern: Hoffnungen und Ängste

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Transplantation bei Kindern: Hoffnungen und Ängste

Nickolaus, Barbara

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LNSLNS Eine Aufklärungskampagne mit dem Thema "Chancen und Grenzen der Transplantation bei Kindern" durch das Deutsche Herzzentrum Berlin und seinen Ärztlichen Direktor, Prof. Dr. Roland Hetzer, wollte den Informationen über verbotenen internationalen Organhandel, heimliche und grausame Organentnahmen an Entführungsopfern sowie Zweifeln über den Todeszeitpunkt beim Organspender entgegenwirken. Ziel der Kampagne war es auch, irrationale Ängste in der Bevölkerung abzubauen und die Bereitschaft zur Organspende zu erhöhen.


Chancen und Grenzen der Transplantation bei Kindern" war das Thema der ersten Informationsveranstaltung des Deutschen Herzzentrums Berlin, die auf ein großes Medienecho stieß. Zu Wort kamen nicht nur die an der Transplantation beteiligten Herzchirurgen, Kardiologen und Transplantations-Koordinatoren, sondern vor allem sechs transplantierte Kinder sowie ihre Eltern und Erwachsene, die im Kindesalter transplantiert worden waren. Sie berichteten gleichsam aus erster Hand, wie sie die Transplantation empfunden haben, wie sich ihre Umgebung nach der Transplantation ihnen gegenüber verhalten hat, wie ihr heutiger Lebensalltag als Schüler oder Berufstätiger aussieht und welche Hoffnungen und Ängste ihr Leben begleiten.


Günstige Prognose bei Kindern und Jugendlichen
Am Deutschen Herzzentrum Berlin wurden von April 1986 bis August 1995 insgesamt 861 Herz-, 41 HerzLungen- und 77 Lungen­trans­plan­ta­tionen vorgenommen. Bei 93 dieser Patienten wurde ein "Kunstherz" zur Überbrückung der Wartezeit angeschlossen. 55 Transplantationspatienten waren Kinder und Jugendliche zwischen acht und 15 Jahren.
Die wesentlichste Frage in der Transplantationschirurgie, so Hetzer, sei immer die der Prognose. Zehn Jahre nach der Transplantation leben 70 Prozent der kindlichen Herzempfänger. Grundsätzlich entspreche die Lebenserwartung von transplantierten Kindern der von transplantierten Erwachsenen, und geringfügig sei sie sogar höher, vorausgesetzt, die Kinder waren zum Zeitpunkt der Transplantation älter als ein Jahr. Die Prognose bei Säuglingen sei aufgrund ungleich schwieriger Operationstechniken und einer extrem erschwerten Findung geeigneter Spenderorgane etwas niedriger. Schwer herzkranke Kinder, so erklärte Hetzer, hätten aufgrund ihres wesentlich empfindlicheren Organismus keine Zeit, wie ein Erwachsener auf ein Organ zu warten, sondern sterben schnell. Hier bemühe man sich, falls kein Organ zur Verfügung steht, eine palliative Operation vorzunehmen, um ein Überleben bis zur Transplantation zu ermöglichen.
Dieses sehr günstige Ergebnis führt Hetzer auf die akribische Nachsorge der Patienten zurück. Hetzer sprach sich vehement für die längst überfällige Verabschiedung eines Transplantationsgesetzes aus, das endlich Rechtssicherheit für alle Beteiligten schaffen würde und durch das jeder Hirntote theoretisch als Spender betrachtet werden könnte, unabhängig davon, ob er später auch als Spender tatsächlich in Frage käme.
Was spricht man eigentlich in der Schule, wenn ein Kind mit einem neuen Herz wieder in die Klasse kommt? Übereinstimmend erzählte man, daß nach anfänglicher Neugier die Klassenkameraden schnell zur Tagesordnung übergingen. Der 20jährige Kraftfahrzeugmechaniker wurde vor zehn Jahren von Prof. Hetzer, damals noch in Hannover, als erstes Kind in Deutschland transplantiert. Er berichtet, daß er morgens und abends seine Tabletten gegen Abstoßungsreaktionen nehme und daß er selten an die Transplantation denke. Er wolle so normal wie möglich leben, und das könne er auch. Dr. Barbara Nickolaus

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